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31.05.13

Herausforderungen der deutschen Startup-Wirtschaft: "Mentalität lässt sich nicht per Gesetz ändern"

Das Interesse und die Unterstützung für die deutsche Startup- und Internetwirtschaft nimmt zu. Doch ohne einen Mentalitätswechsel lassen sich die hochgesteckten Ziele der Branche nicht erreichen. Und dieser benötigt Zeit.

German Valley WeekIn den letzten Monaten ist viel passiert, was die politischen Aktivitäten zur Förderung der deutschen Internet- und Startupwirtschaft angeht. Am laufenden Band gibt es Zusammenkünfte von Spitzenpolitikern und Entrepreneuren, Wirtschafts- und Technologieminister Philipp Rösler hält sich gefühlt jede zweite Woche im Silicon Valley auf, die Rahmenbedingungen für Investitionen werden verbessert (oder zumindest anders als ursprünglich geplant nicht verschlechtert), und mit dem Bundesverband deutsche Startups existiert mittlerweile eine echte Interessenvertretung der hiesigen Jungfirmen, deren Engagement kaum zu übersehen ist. So war der Verband maßgeblich am Zustandekommen der viel beachteten Reise von 100 deutschen Startups ("German Valley Week") in die Bay Area in der vergangenen Woche beteiligt.

Am gestrigen Donnerstag berichteten einige Teilnehmer des Trips auf einem von dem Verband organisierten Event in Berlin über ihre Eindrücke und Erlebnisse. Im Läufe der Veranstaltung kamen zahlreiche der hinlänglich bekannten Missstände des hiesigen Ökosystems zur Sprache ( hier gibt es dazu eine ausführliche Liste aus dem vergangenen Jahr), die sich - so waren sich alle einig - natürlich nicht einfach mit einer gemütlichen Reise ins Valley und ein paar Grillabenden und Joggingrunden mit Minister Rösler aus dem Weg räumen lassen. Doch - und auch da schien bei den Podiumsgästen Konsens zu herrschen - ein derartiger Trip bringt nicht nur neue Kontakte und die ein oder andere Einsicht darüber, wie Dinge am oft kopierten, nie erreichten kalifornischen Technologiehotspot funktionieren - sondern dient vor allem dazu, ein anderes "Mindset" zu entwickeln. Mentalitätswechsel erforderlich

Der für mich wichtigste Satz des Abends kam vom FDP-Bundestagsabgeordneten Jimmy Schulz, der Rösler und die deutschen Unternehmen in die USA begleitete. "Mentalität lässt sich nicht einfach per Gesetz ändern", so Schulz mit Verweis darauf, dass die Politik lediglich bessere Voraussetzungen für Gründer schaffen könne, dass ein erforderlicher Mentalitätswechsel aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei.

Ich halte diese Anmerkung für wichtig, denn ich glaube, dass ohne eine Veränderung der deutschen Mentalität die von den Vertretern gewünschten Meilensteine der hiesigen Webwirtschaft kaum zu erreichen sind. Meines Erachtens nach handelt es sich bei der Mentalität um das allen gemeinhin als hinderlich wahrgenommenen Sachfragen übergeordnete, diese formende und rechtfertigende Konstrukt. Egal ob es um die fehlende Kultur des Scheiterns oder um ausuferende Datenschutzregelungen geht, um Bürokratiewahn oder fehlende unternehmerische Rollenbilder, um komplizierte Steuersysteme oder arbeitsrechtliche Hürden - immer ist es die hiesige Mentalität, die - gepaart mit anderen Faktoren - die Entstehung, Akzeptanz und Formalisierung der einzelnen Punkte möglich gemacht hat.

Veränderungen erreichen nicht ihr volles Potenzial

Ohne einen Mentalitätswechsel auf breiter Front entfalten sämtliche Modifikationen der derzeitigen Rahmenbedingungen jeweils nie ihr volles Potenzial, weil die Neuerungen im Kontext der deutschen Mentalität wie ein Fremdkörper wirken. Hiesige Startup-Gründer können in ihren Büros zwar eine andere Firmenkultur entwickeln, als in Deutschland üblich, und womöglich auch von unternehmerfreundlichen Förderinitiativen profitieren. Sie werden aber schnell zurück auf den Boden der Tatsachen geholt, wenn sie bei einer Behörde einen Antrag stellen oder sich auf einer Messe plötzlich vor klassischen Mittelständlern erklären müssen, wieso ihre Angestellten in der Arbeitszeit Tischtennis spielen dürfen oder weshalb die junge Firma nach einem halben Jahr der Geschäftstätigkeit noch nicht den Break Even erreicht hat. Auch Sprache transportiert Mentalität und lässt sich nicht von heute auf morgen umkrempeln. So spricht allein die in der gestrigen Runde von Thomas Bachem vom Startup-Verband beispielhaft angeführte Bezeichnung "Existenzgründung" Bände darüber, wie die deutsche Seele auf Gründungen blickt - als letzter Weg, die eigene Existenz zu sichern.

Mentalität ist fest verankert, bei allen Menschen, meist unbewusst. Selbst diejenigen, die sich an die Speerspitze der Bewegung zum Erreichen eines Mentalitätswandels stellen, nähren unbemerkt einige der Attribute und Verhaltensweisen, die sie eigentlich gerne aus dem Weg räumen möchten. Nach meiner Erfahrung gibt es nur ein einziges Mittel, um derartigen "Ballast" schneller abzulegen, als es durch den gesamtgesellschaftlichen Fortschritt relativ zögerlich geschieht: einen möglichst ausgedehnten Aufenthalt in einer anderen Kultur. Eine Woche Silicon Valley reicht da natürlich nicht, kann aber zumindest Personen auf den Geschmack bringen. Den gestrigen Aussagen nach zu urteilen sind nicht wenige der Reiseteilnehmer auf den Geschmack gekommen und konnten entdecken, wie unkompliziert das Knüpfen von Kontakten in der Bay Area ist. Viele weitere Besuche an der Westküste werden die Folge sein.

Geduld ist unerlässlich

Doch da nicht 80 Millionen Deutsche ins Silicon Valley fahren werden, gilt es, der Realität ins Auge zu blicken: Unsere Mentalität ist derzeit inkompatibel mit einigen der Bedingungen, die für eine florierende, global erfolgreiche Web-, Digital- und Startupbranche erforderlich sind. Äußere Faktoren und die Folgen der Globalisierung und weltweiten Vernetzung beschleunigen einen natürlichen Mentalitätswechsel in der Bevölkerung, von dem auch die deutsche Internetwirtschaft profitieren wird. Die Zahl der Menschen mit Freunden und Bekannten im Ausland, mit Erfahrung des Lebens in anderen Ländern, mit ausländischen Partnern, Arbeitgebern oder Kollegen, wächst stetig und wird ihre Effekte haben. Doch all das braucht Zeit.

Es ist richtig, dass die Branche zusammen mit der Politik heute die Weichen für künftiges Gedeihen des Startup- und "Soft-Technologie"-Sektors legt. Doch die endgültige Wirkung wird erst in vielen Jahren zu spüren sein. Insofern - und das ist eine Herausforderung für alle Akteure der Branche, nicht zuletzt auch für uns, die Presse - ist Geduld und die Akzeptanz des Ausbleibens einer maximalen Wirkung der in die Wege geleiteten Maßnahmen vielleicht die schwierigste aller Aufgaben.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass genau so, wie die deutsche Mentalität der Webbranche teilweise im Wege steht, sie anderen Industrien zu Weltruhm verholfen hat. Und so vorteilhafte manche Züge der Valley-Mentalität auch sein mögen, so sehr hat sie auch ihre Schattenseiten. Es wird uns nicht gelingen, die Geisteshaltung der Bay Area komplett zu verinnerlichen. Aber das ist letztlich auch gut so. /mw

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