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08.02.12

Heimlicher Adressbuch-Abgleich: Path zeigt sein wahres Gesicht

Das aufstrebende soziale Netzwerk Path hat sich mit dem ungefragten Abgleich der Smartphone-Adressbücher seiner Nutzer einen groben Schnitzer erlaubt. Für diese bei Startups übliche Leichtfertigkeit gibt es Gründe.

 

Es ist nicht lange her, da beschrieb ich am Beispiel GetGlue und foursquare, wie leichtfertig Startups das Vertrauen ihrer Nutzer aufs Spiel setzen. Dass es nur eine Frage der Zeit war, bis das nächste eigentlich sympathische Jungunternehmen sich einen Schnitzer auf Kosten seiner Anwender leisten würde, daran bestand kein Zweifel. Jetzt ist es passiert, und zwar ausgerechnet bei Path, dem aufstrebenden "privaten" sozialen Netzwerk, das seit einiger Zeit in Early-Adopter-Kreisen für Furore sorgt und sich erfolgreich als auf die Interaktion im geschlossenen Kreis basierendes Gegenstück zu Facebook positionieren konnte:

Der Entwickler Arun Thampi hat festgestellt , dass die iPhone-App von Path bei Neuregistrierungen das gesamte Smartphone-Adressbuch der Nutzer auf die eigenen Server lädt, ohne um Erlaubnis zu bitten oder Anwender darüber in Kenntnis zu setzen. Auf diese Weise soll es Path-Mitgliedern leichter gemacht werden, ihre Freunde und Familie zu finden und als Kontakte hinzuzufügen, so die Rechtfertigung von Path-Mitgründer Dave Morin, einem ehemaligen Facebook-Angestellten, als Kommentar zu Thampis Blogeintrag. Gleichzeitig kündigte Morin an, den Adressbuchabgleich künftig wie in der Android-App als freiwillige Option anzubieten.

Die Aussage, dass es Path ausschließlich darum geht, das Auffinden von Kontakten zu erleichtern, wovon am Ende die einzelnen Mitglieder profitieren, halte ich für glaubwürdig. Auch hält sich das tatsächliche "Missbrauchspotenzial" von Adressbuchdaten, die zumeist aus Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen bestehen, objektiv betrachtet in Grenzen und geht nicht über das des in Deutschland ganz legal durchgeführten Adresshandels hinaus.

Path enttäuscht seine Anwender

Entscheidend ist, dass Path mit seinem eigenmächtigen Handeln das Vertrauen der Anwender missbraucht und sie enttäuscht hat. Morin und sein Team offenbaren eine liberale Sicht auf das Thema Datenschutz, die grundsätzlich nicht einmal falsch ist (nochmals: Namen und Kontaktdaten sind ohnehin Handelsware), die aber im Kontext eines auf eine intime Atmosphäre ausgelegten sozialen Netzwerkes zum Problem wird. Die Betreiber des Dienstes haben gezeigt, dass sie grundsätzlich zu einer Bevormundung der Anwender in sie direkt betreffenden Aspekten bereit sind, wenn es ihnen (den Anwendern) einen Mehrwert bietet. Aus strategischer Sicht ist das nachvollziehbar, moralisch aber bedenklich.

Apple hat Teilschuld, mehr aber nicht

Einige Analysen zum Thema kritisieren auch Apple, das bisher dem ungefragten Adressbuchzugriff durch Apps keinen Riegel vorgeschoben hat. In der Tat sollte der Konzern aus Cupertino für den App-Zugriff auf von Anwendern als sensibel wahrgenommene Daten eine Bestätigung erzwingen. Dennoch erscheint es konstruiert, wie an mancher Stelle Apple als der eigentliche Schuldige  dargestellt wird . Nur weil es für Path technisch möglich war, die Adressbücher ohne vorherige Erlaubnis durch die Mitglieder auf die eigenen Server zu laden, heißt dies nicht, dass von dieser Gelegenheit Gebrauch gemacht werden musste. Insofern könnte man auch argumentieren, dass Apple durch die fehlende Regulierung dabei hilft, die integeren Apps von den weniger vertrauenswürdigen zu trennen.

Plötzlich sind WhatsApp und Viber die Guten

Ironischerweise lassen die Geschehnisse zwei andere Apps, die ebenfalls Adressbücher abgleichen, aber Nutzer darüber informieren, plötzlich in einem besseren Licht erscheinen: Wer die mobilen Chat- und Kommunikationsapps WhatsApp und Viber verwenden will, hat keine andere Wahl, als die Smartphone-Kontakte freizugeben. Allerdings muss dies vom User aktiv bestätigt werden. Den Zwang, gespeicherte Namen und Telefonnummern auszuliefern, kann man nicht oft genug kritisieren. Im Vergleich zum Vorgehen von Path allerdings wirkt der Ansatz von WhatsApp und Viber schlagartig deutlich respektvoller.

Ein nachhaltiger Schaden ist unwahrscheinlich

Manch einer mag sich jetzt fragen, wie ein mit vielen Millionen Dollar Venture Capital ausgestattetes, äußerst ambitioniertes und auf das Vertrauen seiner Mitglieder angewiesenes Jungunternehmen wie Path überhaupt ein derartig enormes Risiko eingehen kann, sein Image nachhaltig zu schädigen? Die Antwort: Weil die Geschichte gezeigt hat, dass der dauerhafte Schaden minimal ausfällt. Bei Facebook beispielsweise waren kalkulierte und experimentelle Verstöße gegen Konventionen und Datenschutzgesetze Teil der Firmenstrategie. Trotzdem oder gerade deshalb explodierten die Nutzerzahlen.

Im Optimalfall wird Path von dem Skandälchen sogar profitieren. Immerhin hält sich der bereits zwei Millionen Nutzer zählende Dienst damit in den Schlagzeilen. Und die negative Tonalität mancher Artikel zum Trotz: Der ein oder andere wird nun überhaupt zum ersten Mal auf die Path-App aufmerksam.

Auch künftig werden sich Startups auf den ersten Blick fatale Fehltritte leisten (passen dazu sieht sich Pinterest gerade wegen "heimlicher" Affiliate-Links Kritik ausgesetzt). Weil sie wissen, dass der Sturm der Entrüstung vorübergeht und die Mehrheit der Nutzer nicht nachtragend ist.

Um dieses Verhaltensmuster von Internetunternehmen zu verändern, müssten Anwender ein Exempel statuieren. Wenn Path-Mitglieder den Dienst jetzt boykottieren und ihn damit zum Aufgeben zwingen würden, dann hätten Startups zukünftig einen Grund, weniger forsch bestimmte Grenzen zu überschreiten. Dass dies eintritt, ist allerdings genauso wahrscheinlich wie ein schnelles Ende der Griechenland- und Eurokrise.

Update: Mittlerweile hat sich Path entschuldigt und alle gespeicherten Adressbuchdaten gelöscht. Ab sofort ist die Funktion Opt-In.

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