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23.03.08

Hallelujah: Schirrmacher macht uns ein Föjetong

Behaupten, Beglaubigen und Sinngeben: In unserer losen Serie über Deutschlands Alphajournalisten widmen wir uns heute FAZ-Herausgeber und Feuilleton-Chef Frank Schirrmacher.

Frank Schirrmacher (Bild [M] Keystone)
Frank Schirrmacher: Methusalem-Komplex? (Bild [M] Keystone)

Schon die Einleitung Frank Schirrmachers zur FAZ-Serie über Kognitionsforschung hat es faustdick hinter den Ohren. Mit Recht hat Malte Dahlgrün im Dummy-Blog, einem immer höchst lesenswerten Patenprojekt von Oliver Gehrs' Zeitschrift, sofort Laut gegeben . Der Impuls war richtig, nur hat er dabei in meinen Augen noch nicht voll auf die Zwölf getroffen.

Natürlich lässt sich das ebenso nervtötende wie unvermeidliche Geraune und Bedeutungshubern des FAZ-Mannes kritisieren, im Kern aber geht es um etwas anderes: Um die Frage, ob Wissenschaftsjournalismus mit journalistischen Mitteln vom Fortschritt der Wissenschaft berichten soll, oder ob die Wissenschaft die steilen Thesen des journalistischen Feuilletons mit ihrer Autorität bunt drapieren soll. Für letzteres steht Frank Schirrmacher.

Seit dem ungelesensten Artikel der deutschen Mediengeschichte, als Schirrmacher nämlich sechs Seiten DNA-Code in seine FAZ einrückte, was damals selbst den härtesten James-Joyce-Afficionado lektüretechnisch überforderte, seither gilt er als derjenige, der das schöngeistige Feuilleton für harte naturwissenschaftliche Themen öffnete. Was aus historischer Sicht ein Medienmythos ist, da bspw. in der 'Zeit' der Kollege Dieter E. Zimmer durchaus erfolgreich und seit Jahren schon mit jeder Zeile auf dem weiten Wissenschaftsgebiet faktengestütztere Pionierarbeit leistete. Auch zum Thema 'Hirnforschung' übrigens, wo er an einigen Punkten zu bemerkenswert abweichenden Ansichten kommt.

Schirrmachers Stärke ist ja auch eher das Behaupten, Beglaubigen und Sinngeben - das Große und Ganze. Ihm liegt das Prophetische, nicht das Analytische. Wer in seiner Einleitung zur 'FAZ-Hirnoffensive' das Lead aus rhetorischen Fragen überwunden hat, der trifft gleich auf einige solcher Behauptungen, die faktisch nur durch Lieschen-Müller-Erfahrungen und Vorurteile abgesichert sind: 'Jedermann spürt' heißt es dann da, während ein verbaler Wauwau namens 'unleugbar ' jeden Versuch anders zu denken, schon eingangs des Satzes verbellt:

 

"Jedermann spürt, dass der unleugbare Verlust an Lesefähigkeit unter Kindern und Jugendlichen, die Aufmerksamkeitsdefizite, die durch die modernen Technologien erzeugt werden, zu einer Veränderung des Denkens und der Denkleistungen führen."

Moment mal - wer ein wenig 'streetwise' ist und mit offenen Augen durch Deutschlands Straßen geht, der weiß, dass dieser Zeitbefund in seiner Simplizität so gar nicht stimmen kann. Hier wird ein soziales Vorurteil gepflegt, das streng nach 'Methusalems Stützstrümpfen' müffelt. Während vor zwanzig Jahren ein Hauptschüler, der es meinethalben bis zum Dachdeckergesellen brachte, in seinem ganzen Leben seine Schreib- und Lektürefähigkeit allenfalls beim Betrachten des BILD-Covergirls noch ferner strapazierte, da verlangt das moderne Leben vom problematischsten Problemschüler mit Migrationshintergrund heute schon ein wenig mehr: Er muss mit seiner Community und Posse 'simsen', bis die Tastatur qualmt; und auch das Ballerspiel auf dem Monitor glänzt nicht nur durch die berüchtigten 'Gewaltorgien', sondern auch durch schriftliche Befehle und lange Lageerläuterungen in Textfeldern, oft sogar in englischer Sprache, die folglich das Lektüre-Level einigermaßen hoch halten. Der durchschnittliche 'Mustafa' von heute kann also lesetechnisch schon etwas mehr, als der 'Erwin' von gestern.

So viel also sagt mir schon der Rückgriff auf meine Alltagserfahrung. Dass die Jugendlichen allerdings weniger auf Shakespeare oder Rilkes 'Duineser Elegien' zurückgreifen, ist mir ebenso klar. Lesefähigkeit hängt jedoch weniger von der Art der Lektüre ab. Dass die Orthographie einer SMS aus diesem Milieu 'gewöhnungsbedürftig' ist, zur Verzweiflung potentieller Arbeitgeber, auch das will ich dem FS gern zugestehen. Nur lasen die Hauptschüler der 'guten alten Zeit' eben auch nicht den Jünger oder den George unter der Schulbank, sondern Perry Rhodan oder Fix & Foxi.

Auf 'Peanuts', zum Beispiel einen wissenschaftlichen Nachweis für seine ideologiestrammen Ansichten, verzichtet FS daher schlauerweise. Er vaporisiert lieber ins Musikalische - zur 'handgemachten Musik', zu einer 'Kulturtechnik', die den wohltätigsten Einfluss auf irgendwelche 'Spiegelneuronen' haben soll. Es ist der alte Trick des kulturkonservativen Illusionisten: Wenn der nämlich in den Ozean der Naturwissenschaft springt, dann taucht er seit Spenglers und Langbehns Zeiten garantiert am anderen Ende mit dem bildungsbürgerlichen Wertekanon und dem dazugehörigen idyllischen Familienleben im Maul wieder auf:

 

"Stimmt es, was die Hirnforschung zeigt, dann ist damit nicht nur eine Kulturtechnik bedroht, sondern die Kulturtechnik selbst ist nur die Folge einer Hirn-Technik. Das gilt für einige der pädagogischen, offenbar intuitiv auf Erfahrungsgründen basierenden Erziehungsregeln der Vergangenheit: das Auswendiglernen von Gedichten, das Singen von Liedern und das Spielen von Instrumenten".

Jaja - Pappa, Mamma, die Kinderchen, alle quälen sie das Klavier und singen sich was dazu! Zum Kontrast im Hier und Heute, das vermute ich jetzt einfach mal, imaginiert Schirrmacher sich die harte und kulturferne Lebenswelt verrohter Jugendlicher, die völlig frei von Gedichten und Musik im Großstadtdschungel aufwachsen mussten. So, als ob nicht bei diesen Hipphoppsern auch die 'Rhymes' und die 'Muzak' endemisch seien, wie eigentlich in jeder Jugendkultur seit der Romantik. Auf den Nachweis jedenfalls, weshalb bspw. das 'Rappen' samt den dazugehörigen 'Moves' weniger 'spiegelneurotisch' wirken solle als das Schrammeln von Volksliedern auf der Holzgitarre, auf den wäre ich jedenfalls gespannt.

Kurzum: Bei Schirrmacher steckt vorn ständig 'Wissenschaft' in seinen Fleischwolf, und hinten kommt auf geheimnisvolle Art konservativstes 'Föjetong' heraus, während er noch immer über Wissenschaft zu reden vorgibt. Auf den Gangsta-Rapper wie auch auf den Konservatoriums-Eleven trifft seine allgemeine Darstellung der wohltätigen Folgen von Musik jedenfalls gleichermaßen zu. Zum Beleg ein Zitat, das aus einem Interview stammt, das ich mit einem Musikwissenschaftler, Prof. Lehmann-Wermser von der Universität Bremen, im Jahr 2006 führte:

 

"Generell fördert die Musik mit der Entwicklung eines ausdrucksstarken Spiels die Fähigkeit, sich selbst darzustellen, sie stärkt die emotionale Stabilität durch das Ertragen des "Podiumstresses", sie lehrt die soziale Einordnung durch das Ensemblespiel und fördert auch die Intelligenz durch die Fähigkeit zu einer angemessenen Werkinterpretation. ... Wir wissen, dass es zur hirnphysiologischen Ausbildung eines besonders reichen Innenlebens wichtig ist, dass sich möglichst viele Areale unseres Gehirns möglichst vollständig vernetzen. Musik leistet unter anderem auf der Ebene der Wahrnehmung, der Emotionalität, der Motorik und der Sozialität zu diesem Geschehen einen überaus wichtigen Beitrag."

'Generell' also - von einer neuerdings 'vom Aussterben bedrohten Kulturtechnik' ist hier nirgendwo Rede, schon gar nicht deshalb, weil die 'Riddims & Rhymes' irgendwann den 'Zupfgeigenhansel' und die Hindemith-Etüden verdrängten. Ein solches Lamento läge eher auf der Ebene, mit der unsere Großväter die 'Negermusik' der Hippies verdammten.

Wie ein Wiedergänger trappst im Hintergrund der Schirrmacherschen Ausführungen immer sein Welterfolg, das 'Methusalem-Komplott', herum: Auch in diesem Beitrag meint er, mit den vorgeblichen Ergebnissen einer modernen Hirnforschung vor allem der älteren Generation Mut zur späteren Machtübernahme predigen zu müssen: Das revolutionäre Ergebnis, dies der Clou seiner Ausführungen, sei die Erkenntnis, dass auch bei den älteren Menschen das Gehirn noch formbar sei:

 

"Es ist traurig zu sehen, wie schlecht eine alternde Gesellschaft immer noch über ihr Hirn denkt: Immer noch glauben Menschen, was sie einst in der Schule lernten: dass das Hirn, ähnlich wie das Skelett, nach dem zwanzigsten Lebensjahr sich nicht mehr modifziere. ... Was wollen wir? Die Vorstellung wecken, dass das Hirn veränderbar ist, dass es sich verbessern kann, dass die im Alter wachsende Selbstdiskriminierung des Denkens obsolet ist - auch hier wird die alternde Gesellschaft eine revolutionäre Gesellschaft sein. ... [E]s besteht heute kein Zweifel mehr, dass das Gehirn formbarer ist - und bleibt - als wir es bis vor ein paar Jahren noch glauben mussten".

Ach Gott, ach Gott - wer hätte so etwas denn jemals bestritten? 'Einst in der Schule' soll so etwas behauptet worden sein? Bei mir jedenfalls nicht. Wer hätte denn all die Artikel über problemlos studierende Rentner nicht gelesen? Wer kennt denn nicht die ehrenamtlichen Gebissträger in den Vereinen, die faktisch hervorragende und oft sogar innovative Arbeit leisten? Wer hat mit seinem Opa noch keine tollen Gespräche geführt? Wer denkt denn so über das Gehirn, wie es Schirrmacher behauptet? Allenfalls doch die Unternehmer, die niemanden über 25 mehr einstellen mögen - mit Ausnahme des eigenen werten Ich als Geschäftsführer natürlich. Da haut das intellektuell natürlich auch mit 75 Jahren noch hin! Weshalb boomen denn die Kurse für 'Gehirnjogging' und anderes Allotria? Etwa, weil alle glauben, dass dies nichts bringe?

Seit der Antike schon - lange vor Schirrmacher also - vertrauten Gesellschaften ihr Schicksal vor allen den Alten und Erfahrenen an - und bestimmt nicht deshalb, weil sie deren Fähigkeit zur Gehirnsklerose schätzten. Kommen hingegen die Jüngeren mal an die Macht, geht es fast regelmäßig schief - ob 1917 in Petersburg oder 1933 in Berlin oder jetzt bei den BWL-Jungschnöseln in den Investment-Abteilungen der Großbanken. Im schönen Wort 'Senat' ist der 'Greis' noch heute enthalten. Und wer in der Politik als 'junger Wilder' durchgehen will, der muss heute im besten viagrafähigen Alter sein und mindestens schon zur 'Generation Westerwelle' zählen.

Kurzum: Das ganze 'Methusalem-Komplott' ist ein einziger Hoax - mit Aplomp rennt hier jemand offene Türen ein, um uns wie ein Werber Dinge als neu und revolutionär zu verkaufen, die im Grunde zu den ausgelutschtesten Allgemeinplätzen zählen. Wobei er ein maximales Getöse veranstalten muss, um von der Tatsache abzulenken, dass er statt der intellektuellen Toga nur einen flotten Feuilletonisten-Tanga trägt.

Und wozu das alles? Der Clou folgt zum Schluss: Um Gebet und Meditation zu fördern! 'Heim nach Rom' heißt Schirrmachers neueste hintersinnige Devise. Im Grunde ist er ein hochromantischer Poseur aus Eichendorffs Zeiten: Mit Kafka, Görres und anderen Mystikern geht's hirnbefreit und kreuzbewehrt vorwärts ins Utopia der guten alten Zeit, als es noch Gebet, Lieder, Poesie und Geheimnis gab - und das alles unserem Gehirn zuliebe. Auch die Wissenschaft sei jetzt dafür:

 

"Eine der menschenfreundlichsten Forschungsergebnisse der letzte Jahre auf diesem Gebiet stammt von Sara Lazar aus Harvard. Ihr Forschungsteam hat festgestellt, dass Meditation - und dazu gehören auch das Gedicht und das Gebet - materielle Auswirkungen auf die Größe des Gehirns und seine Aktivität haben".

Hallelujah!

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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