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07.04.09

Biographien im Web 2.0: Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt

In Zeiten des Web 2.0 entkommt man seiner Biographie nicht mehr. Es heißt, wie das im Dorf nun mal so ist, wieder mit der eigenen Vergangenheit zu leben - statt gegen sie.

Ein Wechsel der Persönlichkeit, ein Leben als 'Felix Krull', als inszenierte Abfolge von Personenpersonen - das ist nicht länger möglich, weil die Vergangenheit immer schon an der nächsten Abzweigung zur Zukunft steht und dich von dort komplizenhaft angrinst. Zuletzt musste dies jene RTL-Jungreporterin erfahren, die von ihrem Sender in Winnenden ins Feuer geworfen und gewissermaßen 'verheizt' wurde. Sie zeigte sich dieser Situation nicht gewachsen - "Chaos vom Feinsten" - und wurde so unfreiwillig zum Symbol des empathiefreien Umgangs privater Medien mit den Quoten-Sensationen des Schreckens.

Als der Rummel um diesen Beitrag begann, nahm RTL zunächst die entsprechende Moderation aus der hauseigenen Datenbank heraus. Kurz darauf schrieben die RTL-Anwälte Youtube an, wo der inkriminierte Beitrag dann auf Grund des Drucks ebenfalls verschwand. Und auch bei Sevenload, von wo aus Stefan Niggemeier es in diesem Beitrag einband, fehlt die Sendung mit den vielen Peinlichkeiten inzwischen. Dennoch: Die Dame wird nie wieder eine 'weiße Weste' erhalten, Google listet sie schon mit knapp 200.000 Einträgen, die meisten sind auf ihren publizistischen Fehlstart in Winnenden bezogen, und viele sind mit ihrem Video untermalt. Ebenso wenig können ein paar auf den Hund gekommene Werber aus der Agentur Jung von Matt ihre kreative Unschuld zurückgewinnen, ebenso wenig kann ein bekannter Dübelerfinder seiner Spiegelung in diesem Blog entgehen und, und, und ... alles in allem ist das Internet ein unvergessliches Medium für alle, die sich hineinbegeben.

Unsere Biographien - ob als Person oder als Unternehmen - werden also 'sticky', man könnte norddeutsch derb auch sagen, dass die guten und vor allem auch die schlechten Episoden an uns kleben werden 'wie Schifferscheiße'. Deswegen sind auch die Bemühungen des Reputation Management so obsolet - wie andererseits auch die Sonntagsschulmärlein der diversen Karriereberater, die junge Menschen in ihrer Pubertät schon vor studiVZ oder Facebook warnen. Das Web 2.0 kennt keine Radiergummis, heißt es dort dann mit warnend erhobenem Zeigefinder. Also benehmt euch gefälligst so, wie ihr gar nicht seid - und macht bloß keine Äh-Bäh-Erfahrungen!

Trotzdem - wie 'glaubhaft' und 'authentisch' wären denn solche Google-Biographien, die dem künftigen Chef nicht die geringste Auffälligkeit zeigen, nur die drogenfreie, unermüdlich dienstbare Arbeitsbiene mit Qualifikationen bis hinten gegen? Kein Besäufnis, keine Knutscherei, keine deftige Meinungsäußerung? Glaubt denn wirklich irgendwer, eine Firma mit gesundem Menschenverstand würde mit Vorliebe Langeweiler mit blütenweißer Weste einstellen, Tugendbolzen, die unentwegt die zehn Gebote schwenken, glattgeschleckte Musterbiographien auf zwei Beinen, die angeblich nur an ihren Noten interessiert waren, unbeschriebene Blätter, die so viel Persönlichkeit besitzen wie ein Stück Toilettenseife?

Wer sich bspw. die Mühe machen würde, mir googlemäßig hinterherzustiefeln, der wird feststellen, dass ich mal einen leibhaftigen Kampfhund besaß, bis der arme Kerl vor einem Jahr an Prostatakrebs erkrankte, dass ich ferner in grauer Vorzeit für einen Landesverband der Grünen die Pressearbeit machte und dazu als Vorstandssprecher meinen Kreisverband sogar erfolgreich an all den anderen Parteien vorbei geführt habe, er wird auch hören, weshalb ich später aus diesem Verein wieder ausstieg, und er kann erfahren, für welche Zeitungen ich einst schrieb. All das hat meine Kunden nie gestört - bzw. hätte ich für jene Kunden gar nicht schreiben mögen, die so etwas gestört hätte. Und ich habe auch mit allen offen über solche vergangenen Erfahrungen gesprochen, wenn das Thema darauf kam. Ja, warum denn nicht? Man ist doch auch stolz auf sein bisschen Buntheit ...

Kurzum: Wir alle werden dank des Web 2.0 wieder lernen müssen, MIT unseren Biographien zu leben statt GEGEN sie. Auch deshalb, weil wir sie ja gar nicht mehr ändern können. Jede Biographie ist dabei notwendigerweise fleckig. Wer das nicht einsieht, der findet seine unliebsamen Geschichten plötzlich auf der Weihnachtsinsel wieder, wohin bisher der Arm keines deutschen Anwalts reichte. Nachträgliche Korrekturen sind komplett sinnlos: Was jemand getan hat, das hat er getan - er kann es nur plausibel in seine Vita einbauen. Biographiearbeit ist gefragt - keine Unterlassungserklärungen auf Druck von Anwälten oder Reputationsagenturen. Denn das Leben ist kein Wunschkonzert, sondern eine Kette von Fakten und Ereignissen. Alles in allem ist das Netz eine schlechte Nachricht für alle Biographie-Scharlatane, die gern anders scheinen möchten, als sie's sind.

Wer das Prinzip übrigens verstanden zu haben scheint, das ist der EU-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit, der seit langem schon wegen seiner jüdischen Abstammung und seiner Schlagfertigkeit das Hassobjekt aller verbohrt Rechten dieser Welt ist. Dem Cohn-Bendit klebt seit 1975 ein unappetitlicher Kinderladen-Text an den Hacken, wo er im einstigen Sponti-Mief die Möglichkeit von sexuellen Handlungen zwischen Erziehern und Kindern andeutete. Prompt brachte der Libertas-Chef Declan Ganley das Thema erneut aufs Tapet, als er mit Cohn-Bendit in Brüssel pro und contra EU diskutierte. "In dieser Zeit wurde eine Menge Mist geschrieben, und einiges davon war von mir", antwortete ihm der 'rote Dany' kurz und knapp. Am Ende der Diskussion verließ der Grüne trotz gewohnter Kindersex-Anwürfe 'als Sieger' und unter dem Beifall des Publikums das Podium.

So stelle ich mir beispielhaft einen souveränen Umgang mit der eigenen Biographie in Zeiten des Web 2.0 vor: Nichts verleugnen, sondern alles, auch die dunklen Flecken, offen und nachvollziehbar in das Bild einer komplexen, lebenserfahrenen Persönlichkeit integrieren. Als ein Mensch, der nun mal eine 'Geschichte' hat - und an manchen Klippen auch mit mehr Glück als Verstand vorbeigesegelt ist. Denn verschweigen lässt sich künftig wohl nur noch wenig. Auch die eingangs erwähnte RTL-Reporterin wäre nach ihrem Fehlstart dann keineswegs schon am Ende ihrer Karriere angelangt. Sie müsste nur das Reißen dieser publizistischen Anfangshürde nachvollziehbar in ihre Biographie integrieren. Vielleicht in Form einer RTL-Kritik ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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