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07.04.08

Ach? - So geht das!

Besser die teuren Originale statt günstige Generika: Politik und Wirtschaft arbeiten für den Standort sauber Hand in Hand - fehlt nur noch die nötige Berichterstattung.

Ein 'Büro für Rathausgespräche' meldet uns, dass sich "alle Gesundheitsexperten einig [seien]: Das GKV-System ist vor die Wand gefahren". Da möchte man dann doch schon wissen, was das für ein Büro sei, wo so großtönend sich so viel Expertise versemmelt versammelt. Dieses virtuelle Büro ist leider noch 'under construction', die Besatzung aber ist schon aktiv.

Der Macher, Christian Moerchel, sitzt jedenfalls für die CDU als gesundheitspolitischer Sprecher im Stadtrat von Mainz. Peter Schmitz wiederum waltet mehr oder minder segensreich als gesundheitspolitischer Sprecher der FDP im hessischen Landtag. Der Hasso Holst aber ist ein PR-Berater im großen Gesundheitsplantschbecken 'für Pharmazeutische Industrie, Biotechnologieunternehmen, Interessenverbände' . Ob sie gern zusammen Skat spielen, ist mir hingegen nicht bekannt.

Auch der öffentlich-rechtliche SWR-4-Gesundheitsexperte fügt sich klaglos in die Runde ein, getreu seinem Lebensmotto: Nimm die Menschen so wie sie sind, es gibt keine anderen!. Was im Prinzip dem alten Spruch entspricht: 'Man muss auch mit den Wölfen heulen'. Vor allem dann, wenn man gern an einem guten Riesling nippt. So also ging es recht munter zu, auch weiter hinten in der Reihe ärztlicher Kammerpräsidenten und Gastroenterologen.

'Wieso Gastroenterologen, wo bleibt das GKV-System?' fragt sich jetzt mein Publikum angesichts der Ankündigung völlig zu recht. Tscha, im Kern ging es ja gar nicht ums Große und Ganze - ätschbätsch! - sondern man bloß ums 'PPI', das die Kassen im alten Gesundheitssystem einfach noch immer nicht klaglos und à tout prix bezahlen möchten: Die sogenannten Protonenpumpenhemmer (PPI) sind Hemmstoffe der gastralen H-K-ATPase in den Belegzellen (Magen). Hierdurch wird direkt die Bildung der Magensäure behindert. Dieses strenge Pillen-Regime aber, das heutzutage beim Sodbrennen statt eines Gläschens Milch (wie noch zu Opas Zeiten) zum Einsatz kommt, das ist richtig teuer: "Dass diese Mittel in großem Umfang und zu hohen Kosten konsumiert werden, ist der Industrie sicher lieb und recht, den Krankenkassen eher nicht". Das sage nicht ich, das sagt das 'Ärzteblatt'.

Die illustre Runde hat sich als ihren 'wirksamen Beitrag zur Kostensenkung im Gesundheitswesen' daher nicht etwa den 'demographischen Faktor' ausgesucht oder die teure 'Multimorbidität im Alter', sondern das gute alte Sodbrennen und die modene Gesundheitsexperten . Alle wetterten sie erst einmal gegen die Generika, gegen die unfaire Konkurrenz baugleicher Nachahmerpräparate also. Denn es ist ja keineswegs so, dass die gesetzlichen Kassen PPI generell nicht bezahlen würden und ihre Kunden auf ein Gläschen Milch verweisen: Sie bezahlen nur nicht alle PPI. Das wiederum widerstrebt Herstellern von Markenpräparaten ganz fundamental, es tut ihnen geradezu seelisch, und zwar direkt am Portemonnaie weh: Nur wo Raider draufsteht, soll auch Twix drin sein sollen: "Der gesetzlich vorgeschriebene Zwang zur Verordnungeines bestimmten Prozentsatzes an Generika kann daher nicht nur unsinnig sein, sondern verhindert auch die sinnvolle Entwicklung von sogenannten Schrittinnovationen". Jaja - sie sind ungeheuer sinnvoll, diese schnittreichen Schrittinnovationen!

Wäre ich jetzt hyperkritisch, ließe sich das alles so zusammenfassen: 'Sodbrennen - wirksame Beiträge zur Kostensenkung bei vermehrten Ausgaben stoßen allen in Münchhausens Büro sauer wie Generika auf'.

Wenn sich jetzt noch jemand fragen sollte, weshalb dieser Herr Holst da in der Runde saß - tscha, genau das denke ich eigentlich auch. Wie drückt der Herr Moerchel den Sachverhalt an anderer Stelle aus: "Mainz als Veranstaltungsort ... spiegelt die Verbindung von Politik und Wirtschaft wider". Und die Presse ist schon mittenmang. Denn das ist die Fluch der guten Nachricht, rasend schnell zieht sie ihre Kreise: Um 12:33 Uhr stand die Ursprungsmeldung in aller Objektivität im Netz, jetzt ist es 14:37 Uhr. Mal sehen, wo sie morgen steht.

Mama, ich hab' Sodbrennen ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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