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14.08.13

Gute Produkte Fehlanzeige: Die Unfähigkeit alteingesessener deutscher Netzfirmen am Beispiel der E-Mail

Dass die jüngste Sicherheitskampagne bekannter deutscher E-Mail-Provider auf viel Kritik stößt, verwundert nicht: Mit-Initiator Web.de fiel noch nie durch echte Innovation oder einen Fokus auf Nutzerbedürfnisse auf. Ihre DNA und Mentalität zwingt alteingesessene große deutschen Netzfirmen zur Inkompetenz.

E-MailIch habe ein Geständnis abzulegen: Ja, ich nutze seit vielen Jahren eine Web.de-E-Mail-Adresse und bezahle sogar dafür. Das ein oder andere Mal wurde ich deswegen auch schon belächelt. Etwa wenn ich versehentlich im beruflichen Kontext mit meiner privaten E-Mail-Adresse antwortete. In Onlinekreisen sind @web.de-Absender Exoten, gilt der zum Webhoster und Portalbetreiber 1&1 gehörende Service doch als chronisch veraltet und Sammelstelle für wenig versierte deutsche Internetnutzer, die bessere Alternativen nicht kennen. Eine nicht gerade kleine Zielgruppe: Rund 15 Millionen Menschen besitzen laut Unternehmensangaben ein Web.de-E-Mail-Konto.

Dass ich auch heute noch Web.de als technischen E-Mail-Hub für große Teile meiner E-Mail-Korrespondenz verwende, ist ein historischer Unfall. Irgendwann vor zehn oder mehr Jahren landete ich aus Gründen, an die ich mich heute nicht mehr entsinne, beim Gratisangebot "Web.de Freemail", und konnte mich trotz der vielen Mängel und benutzerunfreundlichen Eigenschaften des Dienstes nicht dazu bewegen, nochmals zu wechseln. An dieser Stelle sei angemerkt, dass ich Web.de per IMAP über Mozilla Thunderbird beziehungsweise mobile Clients einsetze. Die bis ins vergangene Jahr vollkommen indiskutable, aber auch heute noch wenig berauschende Weboberfläche bekomme ich somit nur zu sehen, wenn ich irgendwelche Einstellungen vornehmen muss. Den Wechsel zum kostenpflichtigen "Web.de Club"-Angebot vollzog ich schon vor Jahren, reichten die mickrigen und im Vergleich zum Wettbewerb absurden zwölf Megabyte Speicher der Gratis-Version doch nicht einmal aus, um eine einzige Mail mit ein paar Foto-Anhängen zu empfangen. Erst im Dezember 2011 sahen sich die Karlsruher bewogen, dieses Limit aufzuheben. Damals gab es bei Gmail und Konsorten bereits viele Gigabyte kostenfrei. Risikostreuung als Argument gegen Gmail

Ein Motiv, welches mich davon abhielt, mir einen anderen E-Mail-Provider zu suchen, war mein Bestreben, nicht zu viele meiner essentiellen Onlineprozesse bei einem einzigen Anbieter zu konzentrieren. Sicher setzte Gmail in vielen Punkten Maßstäbe, doch mir erschien es stets erstrebenswert, die kritischsten Elemente meines digitalen Alltags auf verschiedene Unternehmen zu verteilen und dabei auf Gratisdienste zu verzichten, die von heute auf morgen die Spielregeln verändern können, ohne dass man als User dagegen etwas machen kann.

Die Enthüllungen rund um die Spitzelaktivitäten der NSA sowie die mutmaßliche Partizipation des Gmail-Betreibers Google am umstrittenen Prism-Programm, das dem US-Geheimdienst laut Edward Snowden direkten Zugriff auf die Server führender US-amerikanischer Internetfirmen einräumt, bestätigten mich durchaus in meiner Strategie der Risikostreuung und unterlassenen Auslagerung eines essentiellen Bestandteils meiner Onlinekommunikation in die USA. Gleichzeitig mache ich mir keine Illusionen über die Sicherheit deutscher E-Mail-Anbieter. Daran ändert auch die gerade von der Deutschen Telekom, Web.de und GMX lancierte "E-Mail made in Germany"-Kampagne nichts, die mit scheinbar besonderen Sicherheitsmerkmalen um das Vertrauen der Nutzer wirbt.

Nutzerfokus und Qualität: Fehlanzeige

Dass ein genauer Blick auf die Initiative der drei deutschen Netz-Urgesteine Mängel und falsche Versprechungen zu Tage fördert, verwundert mich als langjährigen Web.de-Kunden überhaupt nicht. Das Internetportal setzt seit jeher auf das fragwürdige Geschäftsmodell, unbedarften Nutzern tendenziell qualitativ mangelhafte Produkte bereitzustellen, niemals auch nur Ansatzweise die Qualitätserwartungen zu übertreffen und mit allerlei den Schein von redaktionellen Inhalten und Services gebenden Werbepartnerschaften die Naivität der User bis ins Maximale auszunutzen. Es fällt schwer, beim Surfen auf dem Web.de-Portal nicht irgendwann an einer Stelle auf zu Vertragsverhältnissen führende Kooperationsangebote von Partnerfirmen zu stoßen. Zahlende Club-Mitglieder werden permanent mit Newslettern genervt, welche das überflüssige Bonusprogramm "Web.cent" oder allerlei "Club-Angebote" anpreisen - natürlich auch das wieder Affiliate- und Werbekampagnen. Der tatsächliche Mehrwert tendiert gegen Null. Auch die Vertragskonditionen zeigen deutlich die Mentalität, die sich hinter dem Produkt Web.de verbirgt: Wer den ersten Gratis-Monat des Web.de Cub nicht rechtzeitig kündigt, hat automatisch einen zwölfmonatigen Vertrag am Hals. Gekündigt werden kann natürlich nicht per E-Mail, sondern nur telefonisch. Und Sternchentexte sollte man grundsätzlich besser nicht überlesen.

Angesichts dieses kläglichen Gesamtbilds, das das 1995 gegründete Web.de abgibt, seit ich es kenne, hätte es mich doch sehr verwundert, wenn die jetzt getroffenen Maßnahmen zur von der NSA inspirierten "E-Mail made in Germany"-Kampagne der drei Mail-Provider tatsächlich die hohen Sicherheitsstandards erzielen würden, die sie vorgaukeln. Vor einigen Wochen kritisierte ich das Fehlen einer Profit aus dem wegbrechenden Vertrauen in US-Dienste schlagenden Imagekampagne deutscher Startups und Internetfirmen. Die aktuelle Aktion der drei Mailanbieter geht genau in die von mir angedachte Richtung, hat aber leider den Makel der Substanzlosigkeit. Felix Schwenzel kommentierte jüngst pointiert: "Sicherheit, Verschlüsselung, Datensparsamkeit werden jetzt Marketingbegriffe wie Probiotisch, Bio und Light". Im Marketing kennen sich die alteingesessenen, stets leicht verkrustet wirkenden deutschen Netzkonzerne aus. Produktqualität und Kundenfokus jedoch werden gerne vernachlässigt.

Falsche DNA lässt Spielraum für Startups

Auch in Zukunft sind meine Erwartungen an die hiesigen Internetgroßunternehmen gering. Ihnen fehlt die DNA, um wirklich innovative, an den Bedürfnissen der Kunden orientierte Produkte bereitzustellen. Das allerdings lässt weiterhin Spielraum für Startups. E-Mail-Sicherheit ist plötzlich ein angesagtes Thema, befeuert durch die von starker Medienbewachung flankierte Schließung zweier US-E-Mail-Verschlüsseler im Zuge des Überwachungsskandals und der Tatsache, dass aller Unkenrufe zum Trotz eben doch nahezu alle Webuser weiterhin auf E-Mail angewiesen sind. Dieses Feld sollte nicht Kim Dotcom oder den latent inkompetenten deutschen Mail-Pionieren überlassen werden. /mw

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