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08.01.08

Gruner und Jahr: Europas größter Zeitschriften-Dampfer

Als Offensive gegen den Springer-Verlag gegründet, schrieb Gruner + Jahr Pressegeschichte. medienlese.com blickt auf bewegte Hamburger Verlegerfreundschaften und die Strategien von Europas größtem Verlagshaus.

Gruner und Jahr

Gruner und Jahr Pressehaus am Baumwall in Hamburg (Bild cc:SusanneK)

Baumwall 11. Nähe Landungsbrücken. Hamburg. Der Hauptsitz von Gruner + Jahr. Einem Verlag, den es schon länger als die Bundesrepublik gibt. Zumindest, wenn man mit dem Henri-Nannen-Verlag beginnt. Am 1. August 1948 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift Stern im Stern-Verlag Henri Nannen. Nannen bekam im Juli 1948 von der britischen Militärregierung die Genehmigung zur Umbenennung der Jugendzeitschrift Zick-Zack in Stern. Einsilbig, deklinierbar und positiv besetzt. Sterne leuchten. ?'Geben Sie mir den stern', das kann man am Kiosk knapp und präzise sagen?, verkaufte Nannen dem damaligen amerikanischen Pressecontroller Wing-Commander Baker den neuen Titel. Das erste Cover der 16-seitigen Ausgabe zierte die junge Hildegard Knef. Im Heu.

Drei fette Schwestern

1965 schlossen sich dann die Hamburger Verleger John Jahr sr. und Gerd Bucerius mit dem Druckereibesitzer Richard Gruner zur Gruner + Jahr GmbH & Co. KG zusammen. Bei Erdbeerkuchen mit Sahne besiegelten Gerd Bucerius, Zeit- und stern-Verleger, der Itzehoer Drucker Richard Gruner und John Jahr sen., Verleger von Brigitte, Schöner Wohnen und Capital die Verlagsgründung.

Diese Fusion wurde natürlich kontrovers diskutiert. Von ?Hamburger Kumpanei? bis ?Sieg der Vernunft?. Der Spiegel wetterte: ?Drei Männer wollen gemeinsam Schöner Wohnen; sie haben ZEIT und CAPITAL; ihnen leuchtet wöchentlich ein guter STERN von allen Kiosken, und die Mitgift der drei fetten SchweSTERN Constanze, BRIGITTE und Petra ist ihnen gewiss.?

Der Stern und der Henri-Nannen-Verlag wurden in den Konzern integriert. Bis heute ist das Magazin das Zugpferd des Konzerns. Der Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher in den frühen Achtzigern zum Trotz. Nur vier Jahre nach der Gründung verließ Richard Gruner aber das Unternehmen wieder. Reinhard Mohn von Bertelsmann sah die Chance und beteiligte sich mit 25 Prozent. 1976 hält die Bertelsmann AG ganze 74,9 Prozent. Die restlichen 25,1 Prozent verblieben bis heute bei der Familie Jahr. Die Zahl der Aktien ist nicht willkürlich. Diese 25 Prozent bilden eine Sperrminorität. So kann die Verlegerfamilie bei Gesellschafterversammlungen Beschlüsse verhindern.

Und so ist Gruner + Jahr, genau wie die Familie Jahr selbst, ein Stück Hamburger Geschichte. Wer einmal durch den Bauch des Verlagsdampfers flaniert ist, spürt die hanseatischen Wurzeln. Wenn man durch die mannshohen Bullaugen am Ende der Flure auf die Elbe blickt, wartet man nur noch darauf, dass der Koloss in See sticht.

Doch genug Seemannsgarn. G+J ist vor allem eins: Europas größter Zeitschriftenverlag. Rund 285 Zeitschriften (darunter Stern, Geo, Gala, Eltern, Neon und View) und Zeitungen in 24 Ländern. In Deutschland, Polen, Frankreich, Russland Spanien und China. Möglich machen das knapp 15.000 Mitarbeiter. Die sorgten 2006 auch für einen Umsatz von 2,861 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2007 stieg der Umsatz sogar von 1,37 auf 1,39 Milliarden Euro.

Expand, expand, expand your brand

Das mag wohl an ?Expand your brand? liegen. Seit 2006 werden Gruners Kernmarken multimedial aufgestockt. Der Verlag sieht sich nicht mehr nur im Wettbewerb mit anderen Printverlagen. Der Wettbewerb findet statt um die gesamte Mediennutzungszeit des Lesers. Die Frage lautet nicht mehr, wie viel Zeit pro Tag verbringt der Leser mit Zeitschriften, sondern wie viel Zeit verbringt er pro Tag mit der Marke ?stern?, auf welchen Kanälen auch immer. Für stern.de bedeutete das 2007: Das Kinomagazin ?Sneak?, die Mittagscomedy ?Klatsch for Lunch? und die Fernsehkolumne ?Was kuckt Kühn??. Der Leser soll nicht nur einmal die Woche erreicht werden, sondern vierteltäglich. ?Medienkompetenz über viele Kanäle vermitteln? nennt das Gruner + Jahr-Vorstand Dr. Bernd Buchholz.

Dabei hat der Vorstand wahrscheinlich aus der Pleite von Computer Channel gelernt. Gruners Internetportal wurde in der Hochzeit der Dot-Com-Hysterie gegründet. 2002 war trotz hoher Userzahlen Schluss. Der Verlag konnte keine Gewinne generieren.

Gewinne werden jetzt unter anderem durch die Stern-Shortlists generiert, die in der Blogosphäre auf wenig Anklang stießen. Ein vernünftiger Weg zur Gewinnmaximierung im hart umkämpften Markt der Onlineportale sind sie allemal.

Wer jetzt noch nicht genug hat, greift zu ?Die Gruner + Jahr Story. Ein Stück deutsche Pressegeschichte? von Wolf Schneider. Der ehemalige Verlagsleiter des stern und Gründer sowie erster Leiter der Henri-Nannen-Schule lässt auf 400 Seiten Raum für Anekdoten aus einem bewegten Journalistenleben. Alles in allem eine runde Firmenchronik über die stern-Atmosphäre, über Kauf- und Verkaufsabsichten, Käufe und Verkäufe, Wachsen und Gedeihen der Hamburger Verlagsgruppen.

John Jahr jun.(?), Sohn des gleichnamigen Gründers, hat hier auch seinen festen Platz. Der im November 2006 verstorbene Hamburger Verleger war sich aber auch sicher, dass die Erfolgsgeschichte von Gruner + Jahr noch viele Kapitel zählt. In einem Interview mit der Zeit erklärte er:

Gruner + Jahr will und wird national wie international kontinuierlich weiterwachsen, das ist meine feste Überzeugung. Denn das gedruckte Wort wird auch im Jahr 2015, also am 50. Geburtstag des Unternehmens, einen unverändert hohen Stellenwert haben. Gelesen wird immer. Oder wie Elisabeth Noelle-Neumann einmal treffend zur Eröffnung einer Frankfurter Buchmesse sagte: Eine Gesellschaft, die liest, ist eine, die denkt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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