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06.05.13

App.net-Gründer Dalton Caldwell: "In Deutschland kommt App.net besonders gut an"

Nach den USA rangiert Deutschland auf dem zweiten Platz, was die Nutzerzahl beim Microbloggingdienst App.net angeht. In Kürze wird der Service die Marke von 100.000 registrierten Anwendern erreichen. Gründer Dalton Caldwell gab einige Einblicke.

"Wie kommt es, dass sich App.net speziell in der deutschen Techszene so gut entwickelt?", fragte mich Dalton Caldwell, der Gründer des mit Twitter in Konkurrenz stehenden Microblogging- und Identitätsdienstes App.net , bei einem informellen Meetup Ende der vergangenen Woche. Wie der Zufall es wollte, riefen er und Marketingchef Ben Friedland genau während meiner derzeitigen San Francisco-Stippvisite Nutzer des Dienstes auf, zu einer kleinen Zusammenkunft in eine Bar im Stadtzentrum zu kommen. Die Gelegenheit, mit dem Gründer des Startups einen Plausch zu führen, ließ ich mir nicht entgehen.

Caldwells Frage bezog sich darauf, dass Deutschland seiner Aussage nach hinter den USA die am stärksten vertretene Nation bei App.net darstellt. Wie viele der mittlerweile rund 90.000 registrierten Mitglieder hierzulande wohnen, konnte er zwar nicht genau beziffern, verwies aber darauf, dass sich unter den Usern mit der größten Gefolgschaft zahlreiche Personen aus Deutschland befinden, wie @timpritlove , @holgi und @343max . Ich erklärte Caldwell, dass Teile der hiesigen Blogger- und Netzaktivistenszene besonders sensibel sind, was als nutzerfeindlich wahrgenommene Eingriffe bei den führenden Onlinediensten angeht, und dass manche deshalb im Lichte von Twitters zunehmender Abkehr von der Plattformstrategie und Transformation in ein von Werbeinteressen getriebenes Medienunternehmen nach einer Alternative suchen. App.net hat keine Eile

Andererseits spielt sich die von Caldwell und seinem Team skizzierte Popularität von App.net in Deutschland freilich noch immer auf einem sehr niedrigen Niveau ab. Die Plattform ist nach wie vor primär ein Sammelbecken für "männliche weiße Nerds", wie es Michael Seemann gestern in einer Abrechnung mit dem Early-Adopter-Kult beschrieb. An diesem Sachverhalt wollte Caldwell auch nichts beschönigen. Er sehe hier das typische Problem junger, technisch geprägter Dienste, bei denen anfänglich zumeist Männer dominieren, glaube aber daran, dass sich dies mit der Zeit ändern werde. Und genau das ist es, was sich die App.net-Macher nehmen wollen: Zeit. Im Augenblick sind die Kalifornier dabei, eine kleinere Finanzierungsrunde abzuschließen, um ohne unnötigen Druck die Weiterentwicklung und die Förderung der Entwicklercommunity voranbringen zu können. Caldwell unterstrich die Bedeutung von Programmierern, von denen einige erschienen waren, und merkte an, dass sich so auch die eigenen Personalkosten im Zaum halten lassen. App.net müsse nicht am laufenden Band neue Leute einstellen, sondern fokussiere sich darauf, die Infrastruktur anzubieten, auf der Entwickler ihre Anwendungen aufbauen.

App zum Entdecken von App.net-Apps

Aufgrund der noch vergleichsweise geringen Nutzerzahlen muss das Startup aus San Francisco viel Kreativität an den Tag legen, um Programmierer trotzdem davon zu überzeugen, App.net-Apps zu basteln. Eine schon länger praktizierte Maßnahme dafür ist das Ausloben einer monatlichen Geldprämie für die populärsten Developer. In den letzten Wochen hat das Unternehmen außerdem eine iPhone-Anwendung geschaffen, welche App.net-Nutzern das Finden und Ausprobieren von 3rd-Party-Apps erleichtern soll. Die jetzt an Apple zur Freigabe übermittelte Anwendung stellt eine optimierte Variante des App.net Directorys dar und soll es Usern so einfach wie möglich machen, bisher unbekannte Applikationen zu finden und zu installieren.

App.net stehen einige kritsche Monate bevor. Zahlreiche Nutzer des bis vor kurzem nur gegen Bezahlung angebotenen Dienstes, die einen Jahresaccount erworben haben, stehen jetzt vor der Frage, ob sie diesen erneuern oder lieber ein "Downgrade" auf die in einigen Punken beschränkte Gratis-Variante durchführen sollten. Würden zu viele von letzterer Option Gebrauch machen oder sich gänzlich von App.net abwenden, wäre dies ein herber Schlag für Den Dienst, dessen Freemium-Ansatz darauf basiert, loyale, aktive Nutzer zum Bezahlen zu bewegen.

Optimistischer Realismus

Generell zeigten sich Caldwell und Friedland optimistisch, ohne dabei aber den Eindruck von Realitätsverlust zu geben. Sie sehen die Schwierigkeiten, die vor ihnen stehen, und sie wissen, dass es für ein Projekt wie App.net keine Erfolgsgarantie gibt. Gefragt nach Integrationen von App.net als Login bei anderen Webservices gab Caldwell, der vor App.net unter anderem den von MySpace aufgekauften Musikdienst imeem gegründet hatte, zu verstehen, dass diese für viele Internetanbieter erst mit zunehmender Größe von App.net attraktiv werden. Heißt: Mit allgegenwärtigen "Login mit App.net"-Buttons ist vorerst nicht zu rechnen.

App.net bleibt erst einmal ein Dienst für eine keine Runde an sich bewusst im Internet bewegenden Menschen, unter ihnen aber auch - so hob es Caldwell im Gespräch hervor - zahlreiche einflussreiche US-Entwickler, Tech-Vordenker und Webdesigner. Nach meinem subjektiven Eindruck übersteigt die Aktivität und Nutzerloyalität mittlerweile die des gescheiterten dezentralen Social Networks diaspora. Das bedeutet nicht mehr, als dass - und da stimme ich Michael Seemanns oben verlinkter Kritik nicht zu - der Dienst durchaus Erfolgschancen hat. Wie auch immer man Erfolg definieren möchte.

Wer die Gratisvariante von App.net ausprobieren möchte, benötigt noch immer eine Einladung. Das Team hat uns freundlicherweise 100 davon bereitgestellt. Ein Klick auf diesen Link führt direkt zum Registrierungsprozess. /mw

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