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13.01.11

Gründen in Deutschland: Frauen, traut euch!

Die IT- und Internetbranche gilt als Männerdomäne. Dennoch ist sie der Sektor mit der größten Chancengleichheit für Männer und Frauen.

 

Sonja Ludscheidt ist Mitgründerin des Locationstartups loca.li.

Als ich das Angebot bekam, für netzwertig.com einen Gastbeitrag über Frauen und Unternehmensgründungen zu schreiben, war ich zunächst etwas ratlos. Was sollte am Thema Frauen und Gründung so besonderes sein?

Ich arbeite seit über fünf Jahren als selbstständige IT-Beraterin und habe mit meinem Partner Jesse Adler den Location Based Service loca.li aus der Taufe gehoben. Und ich bin eine Frau. Na und? Ich hatte in der ganzen Zeit nie das Gefühl, dass mir aus meinem Geschlecht ein Nachteil entstanden wäre oder dass ich es schwerer hatte als männliche Gründer.

Dann erinnerte ich mich an eine Begebenheit vor etwa zwei Jahren, die mich noch mal nachdenken ließ. Die Geschichte von damals geht so:

Gastautorin Sonja Ludscheidt

Eines Abends rief mich eine mir bis dahin unbekannte junge Frau an, ich nenne sie Kerstin. Eine befreundete Headhunterin hatte Kerstin meine Telefonnummer gegeben und ihr empfohlen, mal mit mir über den Sprung in die Selbstständigkeit zu sprechen. Sie hatte viele Fragen und Zweifel, ob es das Richtige für sie sei. Sie war mit ihrer Festanstellung bei einem IT-Unternehmen unzufrieden und lotete verschiedene Alternativen aus. Ich wurde also unversehens Ratgeberin für eine Fremde. Das Gespräch ging über drei Stunden.

Die Fragen und Ängste, die Kerstin beschäftigten, waren mir nicht fremd. Ich hatte bei meinem Schritt in die Selbstständigkeit mit den gleichen Dingen gehadert. Wie lange reicht mein finanzielles Polster? Wie gewinne ich schnell Kunden für meine Leistungen? Was muss ich bei Steuern und Versicherungen beachten? Was ist, wenn es nicht funktioniert, wenn ich scheitere? Die üblichen Fragen wohl jedes Existenzgründers, egal ob Mann oder Frau.

Was Kerstin aber besonders zu denken gab, war die Frage, wie sie sich als Frau in der Männerdomäne IT und Internet-Business überhaupt durchsetzen könnte. Ich behauptete damals wie heute, die Internetwirtschaft ist für Unternehmensgründer die Branche mit der größten Chancengleichheit für Männer und Frauen.

Die Branche ist im Verhältnis zur Industrie noch immer jung und lebt von der Kreativität mutiger Menschen. Geldgeber, Kunden und Partner fragen nicht nach deinem zweiten X-Chromosom, sie wollen wissen, welche Ideen du hast. Und wenn das Produkt steht, die mobile App, der Online-Shop, die Social Web Plattform oder was auch immer, interessiert es auch die Endanwender nicht, ob du eine Frau bist oder ein Mann.

Im Netz fangen alle bei null an, ob männliche oder weibliche Gründer. Niemand wird von Männern mit Lautstärke übertönt. Im Internet ist jedes Wort gleich laut. Wenn eine Idee ihr Publikum findet, hat die Schöpferin dieser Idee die Aufmerksamkeit der Menschen. Und ihre Anerkennung für die Leistung, es geschafft zu haben.

Und das sollte die Motivation für Gründerinnen sein: Eine gute Idee Wirklichkeit werden zu lassen und dafür Anerkennung zu bekommen. Was zählt ist der Wille, seinen Berufs- und Lebensweg selbst in die Hand zu nehmen. Wenn man diesen Willen hat, wird man feststellen, dass es viele Menschen gibt, die einen dabei unterstützen. Ja, manchmal auch weil man eine Frau ist, aber das stört höchstens die Männer.

Angst hingegen ist nicht nur der Mindkiller Nummer eins, sondern auch ein schlechter Ratgeber, wenn es um Unternehmensgründung geht. Angst verhindert, dass man Risiken eingeht. Dieses Wagnis braucht es aber, damit eine Idee Wirklichkeit werden kann. Und selbst wenn es nicht klappen sollte, auch im Scheitern liegt ein Gewinn.

Die Erfahrung und das gute Gefühl, etwas selbstbestimmt und aus eigener Kraft angepackt zu haben. Das nimmt einer Gründerin keiner mehr weg. Deshalb möchte ich allen Frauen sagen: Lasst euch nicht kirre machen von den Zweiflern, lasst euch nicht beirren von Klischees über Männerseilschaften! Traut euch und fangt an zu machen! Ihr könnt nur gewinnen. Kerstin hat sich damals nicht getraut – das empfinde ich als Verlust.

(Foto "Startup": Flickr/dierken, CC-Lizenz)

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