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17.07.07

"Gratiszeitungen habe ich selbst nicht wirklich ernst genommen"

Der Schweizer Verleger Michael Ringier wird auf fast zwei Seiten vom deutschen Spiegel interviewt.

Michael Ringier

250'000 Gemüseschäler (vielleicht dieser hier?) habe das Ringier-Produkt Betty Bossi bereits verkauft, sagt Michael Ringier zum Schluss des Interviews mit dem Spiegel (online nicht oder noch nicht verfügbar). Damit habe er mehr verdient als mit so manchem Magazin. Worauf der Spiegel (Isabell Hülsen und Thomas Schulz) entgegnet: "Das klingt eher nach einer Kapitulationserklärung des Journalismus."

Aber weit gefehlt. Michael Ringier ist Journalismus ein Anliegen:

 

(...) Hier haben wir eine andere Kultur. Wir diskutieren jeden Tag intensiv über Journalismus. So etwas aufzugeben ist schwer.

 

Mit Journalismus meint er sicher auch die hochinvestigativen Bildbeschreibungen seines Blick-Online-Teams. Die eine Bilderserie einer jungen Frau aus einer US-Hotel-Besitzerfamilie heute so beschrieb:

 

Das It-Girl legte sich nämlich ganz doll ins Surf-Zeug. Rauf aufs Brett, die Welle genommen und weggespült. Paris lag im Wasser, ihre Brille sank auf den Grund und ihr Busen befreite sich aus dem Sternchen-Bikini.

Geistesgegenwärtig verdeckte Paris ihre Pracht mit ihren Patsche-Händchen. Schade – das kann sich doch echt sehen lassen und wäre auch eine tolle Belohung für ihre zwei Surf-Lehrer!

Und Paris Hiltons entblössten Nippel kurzum zur wichtigsten Geschichte machte.

Paris Hilton

(Bild: Screenshot Hauptseite blick.ch)

Das Spiegel-Gespräch kommt auch auf die Gratiszeitungen, die die ehemalig grösste Boulevardzeitung der Schweiz in der Auflage längst überholt haben:

 

SPIEGEL: In der Schweiz boomen Gratisblätter. Auch Sie sehen Ihre Zukunft dort darin, den Journalismus zu verschenken.

Ringier: Gratiszeitungen habe ich selbst nicht wirklich ernst genommen, ich habe nicht gedacht, dass die Leute damit zufrieden sind. Inzwischen wissen wir, dass das völlig falsch war, und machen auch mit.

Ähm. Also ich hätte gedacht, dass die Leute damit zufrieden sind, wenn sie statt einer Zeitung, die sie bezahlen müssen, eine kriegen, die sie nicht bezahlen müssen. Ich hätte vielleicht auch nicht gedacht, dass so viele Leser sich tatsächlich mit leicht umformulierten Agenturmeldungen begnügen. Aber wer weiss, ob das so bleiben wird? Die Online-Portale der Schweizer Gratiszeitungen sind jedenfalls inhaltlich nicht mehr schlechter als die Portale der Schweizer Bezahlzeitungen. Wieso sollte sich das nicht auch im Print umsetzen lassen? 20 Minuten beispielsweise platzt fast vor Anzeigen - irgendwann wird man einsehen, dass das eingenommene Geld auch für Journalismus ausgegeben werden kann.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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