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19.12.07

Googles eigenartige Managementmethoden

Ohne jeden Zweifel ist Google eine der beeindruckendsten Firmen der Wirtschaftsgeschichte. In nur neun Jahren hat es die Suchmaschine von der Idee zu einer der wertvollsten Firmen überhaupt gebracht -- und zusätzlich zu einem Verb in den meisten Sprachen.

Aber manchmal fragt man sich schon, wie dieses Gebilde eigentlich funktioniert. Schliesslich sitzen da jeden Tag 16'000 sehr schlaue Leute und denken sich aus, was man noch alles mit Googles legendär skalierbarer Infrastruktur und erdrückender Marktdominanz in der Onlinewerbung anfangen könnte. Und wenn man Googles Output an richtig guten neuen Produkten daran misst, ist das Resultat ehrlich gesagt nicht immer ganz so spektakulär.

Google ist bekannt für seine ungewöhnlichen Managementmethoden, die brillante Software-Ingenieure und ihre hochinnovativen Ideen in den Mittelpunkt stellen. Beispielsweise berichtet uns die New York Times folgende Geschichte darüber, wie die neue iPhone-Applikation von Google entstanden ist:

Early this month, Google released new cellphone software, with the code-name Grand Prix. A project that took just six weeks to complete, Grand Prix allows for fast and easy access to Google services like search, Gmail and calendars through a stripped-down mobile phone browser. (For now, it is tailored for iPhone browsers, but the plan is to make it work on other mobile browsers as well.)

Grand Prix was born when a Google engineer, tinkering on his own one weekend, came up with prototype code and e-mailed it to Vic Gundotra, a Google executive who oversees mobile products. Mr. Gundotra then showed the prototype to Mr. Schmidt, who in turn mentioned it to Mr. Brin. In about an hour, Mr. Brin came to look at the prototype.

«Sergey was really supportive,» recalls Mr. Gundotra, saying that Mr. Brin was most intrigued by the «engineering tricks» employed. After that, Mr. Gundotra posted a message on Google’s internal network, asking employees who owned iPhones to test the prototype. Such peer review is common at Google, which has an engineering culture in which a favorite mantra is «nothing speaks louder than code.»

Fassen wir diese rührende Story nochmal aus einer etwas erweiterten Perspektive zusammen: Google hat schon oft deklariert, dass man im Mobilsektor führend werden will, und darum plant die Firma unter anderem, an einer kostspieligen Auktion freiwerdender Frequenzen in den USA teilzunehmen. Ausserdem hat Google mit Android neulich seine eigene Mobiltelefon-Plattform vorgestellt. Dementsprechend wäre es sicher im Interesse des Unternehmens, sehr konzentriert an einer Steigerung seines Marktanteils bei mobilen Anwendungen zu arbeiten.

Dann gibt es da bekanntlich dieses iPhone, das seit einem halben Jahr auf dem Markt ist. Das iPhone bietet zum ersten Mal einen vollwertigen Webbrowser auf einem Gerät dieser Grösse, hat einen hohen Coolnessfaktor und ist darum eine ideale Plattform zur Demonstration von Kompetenz im Mobilbereich. Facebook und andere haben das schon vor Monaten vorgemacht.

Eine logische Konsequenz wäre vermutlich, dass jemand im Google-Management (zum Beispiel der Verantwortliche für mobile Anwendungen) durch logische Ableitung herausfinden würde, dass Google schleunigst besonders gute Anwendungen für das iPhone anbieten sollte. Dieser Manager könnte sich dann ein paar schlaue Ingenieure suchen, die an diesem Projekt arbeiten wollen. Interessant genug ist das Thema ja wohl. Das hätte man noch vor dem Erscheinen des iPhone anfangen können, also etwa letzten April.

Aber das ist offenbar zu hierarchisch gedacht. Stattdessen wartet man bei Google offenbar lieber, bis ein Programmierer mal am Wochenende zufällig mit seinem iPhone rumspielt. Dann beschliesst man schnell, dass man daraus ein richtiges Produkt machen könnte (der Story nach nicht, weil es geschäftlich Sinn macht, sondern weil so coole "Engineering Tricks" drinstecken) und braucht dann immerhin sechs Wochen, um letztlich nur ein neues HTML-Interface auf längst bestehende Funktionalität aufzupropfen.

Warum bloss finde ich das überhaupt nicht beeindruckend -- im Gegensatz offenbar zum Schreiberling der New York Times?

Klar, vermutlich ist dieser Artikel teilweise auch PR, um weitere Programmierer anzulocken. Aber wenn man Googles Gesamtangebot und seine gelegentlich ziemlich erratische Produktstrategie anschaut, passt das durchaus ins Bild.

Vielleicht wäre es gut, wenn Google statt an spannende Engineering-Herausforderungen auch öfter mal an Kunden denken würden. Die haben beispielsweise schon seit Jahren nach einer IMAP-Implementierung auf Gmail verlangt, die Google erst gerade vor ein paar Wochen realisiert hat (obwohl -- oder vielleicht gerade weil -- das nun wirklich nicht totale Rocket Science ist). Andere Google-Anwendungen laufen noch immer nicht richtig auf dem Safari-Browser, obwohl gerade bei Mac-Benutzern die Affinität zu Online-Applikationen gross ist. Und an wieder anderen Produkten, beispielsweise an dem einst als revolutionär angekündigten, aber glorreich gescheiterten Google Base, hat man offenbar in Mountain View total das Interesse verloren. Und so weiter.

Im Moment ist das nicht tragisch, weil Google diese relative Ineffizienz dank seiner hochprofitablen Werbeprodukte locker finanzieren kann. Aber es wirkt irgendwie nicht immer so, als ob das Google-Management eine besonders fokussierte Strategie für langfristiges Wachstum verfolgen und konsequent umsetzen würde. Nichts gegen eine starke, von unten getriebene Ingenieurskultur, aber ob dieses Programmierer-Paradies auch noch so gut funktionieren wird, wenn die Zeiten mal schwieriger werden, muss sich erst noch zeigen.

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