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12.11.12

Google+: Vom Irrtum, mehr Funktionen hieße mehr Erfolg

Leidenschaftliche Anhänger von Google+ beklatschen die Aussicht auf immer neue Funktionen bei Google+. Doch in der Welt des Social Networkings ist mehr nicht automatisch besser.

Google ist zwar das erfolgreichste Internetunternehmen der vergangenen zehn Jahre, aber sieht sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, unbeholfen und tolpatschig zu agieren, wenn es um das Thema "Social" geht, also die digitale Vernetzung von Menschen. Nahrung für diese Behauptung gibt es genug: vom mathematisch-ingenieurswissenschaftlich geprägten Hintergrund der Google-Gründer und der Kernprodukte des Konzerns über gefloppte Social-Web-Dienste wie Orkut, Google Buzz und Google Wave bis hin zu Anzeichen für fehlende Empathie und mangelnde soziale Kompetenz der Google-Entscheider.

Insofern würde es nicht verwundern, wenn Googles Verantwortlicher für das Social-Web-Geschäft, Bradley Horowitz, tatsächlich auf einer Veranstaltung in den Niederlanden gesagt hätte, erst 20 Prozent der anvisierten Funktionen von Google+ sei bisher implementiert. So berichten es heute eine Reihe deutschsprachiger Blogs jubelnd unter Bezugnahme auf das holländische Tech-Blog Dutchcowboys, das bei dem Google-Event dabei war.

Ein derartiger Kommentar würde das Unverständnis der Googler über die Erfolgsfaktoren für ein soziales Netzwerk (oder einen "sozialen Layer", wie es Google bezeichnet) auf ganz extreme Weise illustrieren. Funktionen statt Use Cases in den Vordergrund zu rücken, entspricht dem lange praktizierten Vorgehen der PC-Hersteller, technische Spezifikationen hervorzuheben. Dann kam Apple und zeigte, wie man Konsumenten durch eine Emotionalisierung und Fokussierung auf die tatsächlichen Alltagsbedürfnisse die Angst vor der IT nimmt.

Nicht die Features eines sozialen Netzwerks sind entscheidend für die massenhafte Adaption (Beispiel WhatsApp). Dass mehr Funktionen mehr Nutzerakzeptanz mit sich bringen, glaubt nur, wer social nicht verstanden hat. Google+ ist seit dem ersten Tag viel zu komplex. Das spricht zwar technologiebegeisterte Männer mit einem besonderen Google-Faible an, aber hilft dem ambitionierten Projekt nicht aus seiner Nische. Eine Reduktion des Funktionsumfanges um 50 Prozent - bei gleichzeitiger Fokussierung auf das Thema Kollaboration - halte ich für deutlich vielversprechender, will Google+ sich tatsächlich zu einer von der breiten Masse und allen Teilen der Bevölkerung bewusst genutzten Plattform mausern.

Wirft man einen Blick auf den Artikel bei Dutchcowboys, stellt man fest, dass der Horowitz in den Mund gelegte Kommentar gar nicht als seine Aussage dargestellt wird. Stattdessen wird Horowitz' überaus selbstbewusste Prognose, 2013 werde das Jahr von Google+, mit einer von Dutchcowboys im Mai angefertigten Liste über mögliche und angekündigte Google+-Features in Zusammenhang gesetzt und aus dieser abgeleitet, dass davon erst 20 Prozent realisiert wurden.

Es ist somit unklar, inwieweit sich Horowitz zu diesem spezifischen Aspekt geäußert hat, oder ob Dutchcowboys hier schlicht missverstanden wurde. Da ich davon ausgehe, dass der Google-Manager in den 18 Monaten des Bestehens von Google+ durchaus das ein oder andere rund um social hinzugelernt hat, zweifle ich trotz der eingangs beschriebene Tendenz seines Arbeitgebers, die Dynamiken von Beziehungen zwischen Menschen nicht zu verstehen, daran, dass diese Anmerkung von ihm stammt. Ich habe beim Autor um eine Verdeutlichung des Sachverhalts gebeten, bisher aber keine Antwort erhalten.

Allerdings bietet allein Horowitz' Ankündigung, das nächste Jahr werde das Jahr von Google+, Anlass zur Skepsis. Denn sie impliziert, dass man bei Google noch immer glaubt, den breitflächigen Erfolg von Google+ erzwingen zu können. Ein wenig mehr Demut stünde dem Unternehmen in Bezug auf seinen Hoffnungsträger gut zu Gesicht. Oder hat man jemals die Gründer von Facebook, Twitter, Pinterest, Instagram oder WhatsApp vor dem Durchbruch ihrer Dienste davon schwärmen gehört, dass das nächste Jahr ihr Jahr würde? Wer von seine Qualitäten überzeugt ist, hat derartige Parolen nicht nötig. Horowitz' bewegt sich da eher auf dem Niveau von Steve Ballmer.

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