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30.06.11

Google+: Technisch beeindruckend, aber komplex

Wer Google+ ausprobiert, merkt schnell, wie viel Spaß die Kombination aus gelungenem Design und modernster Technologie macht. Die Komplexität der Plattform hingegen wirft die Frage nach der Massentauglichkeit auf.

 

Wenig überraschend habe ich Teile meines Vormittags bei Googles neuem Social Network Google+ verbracht - wie eine rapide wachsende Zahl anderer User auch, die durch Googles gelockerte Zügel bei der Bereitstellung von Einladungen Zugang zu der Plattform erhielten.

Blendet man die Tatsache aus, dass die aktuelle Situation dort am ehesten mit der Lieferung von neuem Spielzeug an einen Kindergarten zu vergleichen ist (Sascha Lobo ruft zum Bau des längsten Kommentarthreads auf - woran ich mich dann auch beteiligt habe) und entsprechend wenig Aussagekraft über die sich mittelfristig etablierenden Anwendungsszenarien besitzt, schießen einem während des Experimentierens mit den verschiedenen Funktionen zahlreiche Gedanken durch den Kopf.

Die drei, die bei mir mehr als einmal auftauchten, lauteten: "State-of-the-Art-Technologie", "Komplexität" und "Wieso eigentlich?":

State-of-the-Art-Technologie

Google+ ist ein weiterer Beleg dafür, dass bei Google die weltweit besten Entwickler tätig sind. Die technische Umsetzung der diversen Funktionen und die Art, wie Google einstmals nur von Desktop-Software bekannte Funktionalität in den Browser transportiert und dort mit höchstem Geschmeidigkeitsfaktor zum Laufen bringt, ist einfach beeindruckend. Carsten Knobloch liefert einen handlichen Überblick über die einzelnen Komponenten von Google+.

Trotz des geschlossenen Beta-Stadiums stieß ich nur auf wenige Bugs und Ungereimtheiten. Alle Elemente und Menüpunkte öffnen sich ohne Verzögerung und reagieren blitzschnell auf ausgeführte Befehle. In Kombination mit dem wirklich angenehmen, von viel weiß geprägten Design entsteht während des Aufenthalts bei Google+ ein beachtlicher Wohlfühleffekt.

Das für mich eindrucksvollste Feature ist Hangout, der browserbasierte Videochat mit bis zu zehn Kontakten gleichzeitig. Hier könnte Google+ zu einer ernsthaften Bedrohung für Skype und andere Videokonferenzdienste werden - die in der Regel für Gruppenvideochats Geld verlangen. Ein zusätzliches Gimmick ist die Option, allen Gesprächsteilnehmern gleichzeitig ein YouTube-Video vorzuführen - quasi turntable.fm für Filme.

 

Für die technischen Raffinessen und die Gestaltung bekommt Google+ von mir ein eindeutig positives Urteil. Wobei man von Google eigentlich kaum etwas anderes erwarten dürfte.

Komplexität

Stellt die Tatsache, dass im Hause Google das ein oder andere Genie auf der Gehaltliste steht, für die technische Umsetzung einen großen Vorteil dar, hat sie auch eine Schattenseite: Denn ähnlich wie Google Wave (und auch Buzz) zeichnet sich Google+ durch eine erhebliche Komplexität aus - womöglich das Resultat daraus, wenn überdurchschnittlich smarte Köpfe sich dem Thema sozialer Geflechte annehmen.

Allein das selektive, granulare Sharing ermöglichende Kontaktmodell mit unterschiedlichen "Circles", also Freundeskreisen, bringt diverse Implikationen mit sich, die man erst nach einiger Zeit wirklich verinnerlicht. AllThingsD beschreibt die verschiedenen Zustände der sozialen Interaktion bei Google+.

Genau den Verzicht auf das von Facebook eingesetzte undifferenzierte Freundemodell, das die unterschiedlichen Grade der sozialen Beziehungen zwischen Menschen ignoriert, sieht Google als einen der entscheidenden Vorzüge seiner Neuentwicklung. Doch er könnte gleichzeitig zu einem Hindernis beim Erreichen einer kritischen Masse an aktiven Nutzern (außerhalb der geduldigen, neugierigen Early-Adopter-Kreise) werden. Facebooks Kontaktsystem simplifiziert. Google+ hingegen verkompliziert, auch wenn die Intention löblich ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass bei Google+ trotz der zahlreichen Ähnlichkeiten zu Facebook einige Uhren anders ticken. So lassen sich Inhalte mit E-Mail-Adressen von Nicht-Mitgliedern teilen, ohne dass genau klar ist, was daraufhin geschieht. Profile besitzen keine Pinnwand und keine Funktion, um eine private Nachricht zu verschicken (stattdessen lässt sich eine E-Mail versenden). Wer nicht genau aufpasst, publiziert relativ einfach an eine falsche Empfängergruppe - der Fokus auf nutzerdefinierte Freundeskreise sorgt dafür, dass man bei jedem veröffentlichten Element erst kurz überlegen muss, welchen Circle man dafür auswählt. Das kann nützlich sein, aber auch für eine mentale Barriere sorgen.

Von Nutzern, die bisher nur Facebook kennen und dort noch nie das Prinzip der Freundeslisten verwendet haben, erfordert Google+ eine erhebliche kognitive Leistung, um die Prozesse rund um das Sharing von Inhalten und Vernetzen mit anderen nachzuvollziehen. Und dass Google+ tatsächlich besser für den Schutz der Privatsphäre sein soll (wie man es ab und an hört), glaube ich erst, wenn auch noch nach einigen Wochen keine Fälle aufgetreten sind, in denen Nutzern sensiblen Content versehentlich den falschen Leuten zugänglich gemacht haben ( nicht zuletzt dank "Instant Upload" für Fotos ).

Wieso eigentlich?

Während ich mich bei Google+ umsah, ließ mich ein Gedanke nicht los: Welches Interesse haben wir eigentlich daran, Facebook gegen Google einzutauschen? Social Networking ist ein Winner-Takes-It-All-Markt - wenn ich mich heute bewusst dazu entscheide, mein virtuelles Zelt bei Google+ aufzuschlagen und dies dann auch über einen längeren Zeitraum durchziehe, bedeutet dies mittel- bis langfristig zwangsläufig eine schrittweise Abkehr von Facebook.

Aber wozu? Um von einem frischen Design und einigen funktionalen Unterschieden profitieren zu könne? Für mich zumindest ist das kein Grund, den Vorteil von Facebook - nämlich 99 Prozent meines Bekanntenkreises dort vorzufinden - aufzugeben.

Ein Grund dafür wäre für mich, den zentralen gegen einen dezentralen Ansatz auszutauschen. So wie es beispielsweise Diaspora macht. Auch könnte ich mir vorstellen, mein Networking auf einen Non-Profit-Anbieter zu verlagern (wenn es einen gäbe, der meinen Ansprüchen entspricht).

Aber einfach nur von einem werbefinanzierten, an meinen Daten interessierten Internetriesen zu einem anderen zu wechseln, nur weil der andere punktuelle Abweichungen aufweist - erscheint für mich nicht schlüssig.

Facebook ist böse, Google ist gut - dieser Mythos hält sich hartnäckig und spielt bei der vielerorts zur Schau getragenen Freude über Googles jüngsten Versuch, endlich etwas Erfolgreiches im Social-Bereich auf die Beine zu stellen, vermutlich eine entscheidende Rolle. Ich denke, dies ist ein Trugschluss. Im Gegenteil: Ich fühle mich wohler dabei, meine Onlinenutzung wenigstens auf zwei Anbieter verteilen zu können (Facebook und Google), statt mein gesamtes digitales Leben bei einem einzigen Unternehmen zu konzentrieren.

Fazit

Selbstverständlich werde ich mich bei Google+ weiter umschauen. Spaß macht es ja erst einmal. Und sollte das Projekt tatsächlich Netzwerkeffekte generieren und etwas vom Facebook-Zeitbudget der User abzweigen können, dann bliebe mir auch nichts anderes übrig, als irgendwann diesem Trend zu folgen. Bis zu diesem Zeitpunkt jedoch werde ich eine gesunde emotionale Distanz zu Google+ einhalten.

Weitere initiale Erfahrungsberichte gibt es bei Spreeblick und YuccaTree Post.

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