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07.07.11

Google+ ohne API: Warum Googles "Unterlassung" durchaus Sinn macht

Google+ kann seit fast einer Woche getestet werden. Sofort nach dem Start des sozialen Netzes fragten alle nach der Programmierschnittstelle für den Dienst. Bis jetzt hat Google nur mit einem Entwicklerregistrierungsformular geantwortet. Dahinter steckt Kalkül, keine Unterlassung.

In Fachkreisen herrscht längst die Meinung vor, dass ein neuer Dienst im Web ohne vernünftige Programmierschnittstelle (API) zum Scheitern verurteilt sei. Die Macht der zahllosen freien Softwareentwickler rund um die Welt wird für das Durchstarten neuer Webdienste zwingend benötigt - Beispiele dafür gibt es genug. Von klein bis (inzwischen) gross, wie Twitter. Und jetzt startete ausgerechnet Branchenprimus Google ein neues Netzwerk - und bietet keine offene Programierschnittstelle dafür an, sondern nur eine Registrierung für Entwickler. Wie passt das zusammen?

Ein Programmierinterface führt im optimalen Fall zu zwei vom Dienstbetreiber gewünschten Effekten:

Im Zentrum steht natürlich, dass die Funktionalität erweitert wird, ob nun durch Clientanwendungungen, Verknüpfungen mit anderen Angeboten oder sonstigen Erweiterungen, spielt zunächst keine Rolle. Zweitens aber sorgt die Schnittstelle für eine aktive Bewerbung des Dienstes durch eben diese freien Entwickler: Sie sind, egal ob Einzelkämpfer oder Unternehmen, ein Risiko eingegangen, haben Ressourcen eingesetzt und setzen alles daran, dass ihre Anwendung - und damit der Dienst, auf dem sie aufbaut - genutzt werden.

Dass Google trotzdem zu seinem neusten Dienst (noch) keine solche Schnittstelle anbietet, beruht auf Kalkül aus Erfahrung und nicht auf fehlender Konzeption.

Versetzen wir uns zurück zum 9. Februar 2010: Google präsentiert Buzz, seinen eigenen Status-Meldedienst: Mit API, sofortiger Integration in GMail, und damit Millionen Mitgliedern ab Sekunde 0. Auf den ersten Blick sah das wie ein Erfolgsrezept aus; auf den zweiten beruht das Scheitern des Dienstes neben der Integration in GMail und den daraus resultierenden Datenschutzproblemen ausgerechnet in der zum Systemstart bereitgestellten API.

Denn eine weitere Herausforderung für ein neues Social Network neben der schnellen Verbreitung besteht darin, den richtigen Mix von originären und syndizierten Inhalten zu erreichen. Damit der Netzwerkeffekt durch gegenseitige Verweise eintreten kann, braucht es aktive Early Adopter. Der Trick besteht darin, diesen Personenkreis zu Beginn an die Plattform zu binden. Dabei darf man es ihm aber nicht zu einfach machen: Early Adopter haben wenig Zeit, sie spielen auf vielen Partys gleichzeitig und ziehen schnell weiter. Für sie ist es deswegen interessant, den Twitter-Account oder das Facebook-Profil mit dem neuen Dienst zu verknüpfen und die Inhalte von dort lediglich syndizieren zu lassen - mit dem Hintergedanken, ohne Mehraufwand eine Präsenz auf dem neusten Dienst zu erreichen.

Dieses Vorgehen ist für den Dienst aber nicht wünschenswert, weil er zu wenig originäre Inhalte abkriegt und zum reinen Verbreitungskanal degradiert wird. Wie ein kurzer Blick auf Google Buzz belegt: Es bestand bald nur noch aus Meldungen, die aus anderen Social Networks stammten. Für die auf die Early Adopter folgende Masse gab und gibt es deswegen keinen Grund, auf dem neuen Dienst aktiv zu werden - wenn sie doch schon auf auf Facebook oder Twitter ein Konto pflegte, wo sie die Nachrichten ursprünglich auch bereits zu Gesicht kriegten.

Google+ wird nicht auf ewig ohne API auskommen: Sobald sich die Early Adopter an den Dienst gewöhnt haben, und ihn schätzen gelernt haben, wird Google die API veröffentlichen. Ein guter Zeitpunkt dafür wäre, wenn der Dienst kurz vor dem Ende der Beta-Phase steht oder diese gerade beendet wurde.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und behaupte, dass Google die API in der Schublade liegen hat und absichtlich zurückhält. In der heutigen Zeit ein so grosses Social Network technisch ohne Plattformstrategie aufzubauen und zu starten wäre nämlich grobfahrlässig. Das aktuell sichtbare Frontend von Google+ wird dieselbe API benutzen, die Google bald freigeben wird, wie auch Facebook das inzwischen mit eigenen Entwicklungen macht.

Die Zeit wird zeigen, ob diese Strategie aufgehen wird. Zum aktuellen Zeitpunkt sieht es aber gut aus. Obwohl im Moment schwer reinzukommen ist, werde ich noch gecircled, was dafür spricht, dass die Anwender die Plattform im Moment noch aktiv benutzen. Hoffen wir, dass es so bleibt.

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