<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

08.09.10

Google Instant: Wenn der Berg zu blöd ist...

"Google instant" ist eine heimliche Revolution: Die Macher der Suchmaschine haben erkannt, dass sie die grösste Verbesserung der Suchergebnisse durch Eingriffe auf Anwenderseite erreichen.

Google instant: Hilft bei der EingabeDass Google seine Medienkonferenz für einmal in San Francisco und nicht in Mountain View abgehalten hat, kann als Fanal gewertet werden: Der Prophet kommt zum Berg.

Das gleiche gilt für die Neuerung, die Vorgestellt wurde - Google Instant. Denn Google tut damit nichts weniger, als die Abfragen der Benutzer behutsam zu dem umzufunktionieren, was sie schon immer sein sollten: Sehr exakt das gewünschte Resultat einkreisende, komplexe Kombinationen.

Anders gesagt: Google Instant ist das Resultat der Erkenntnis, dass die grösste Verbesserung der Internet-Suche durch eine genauere Eingabe der Anwender und nicht eine bessere Auswertung im Google-Algorithmus erreicht werden kann.

So hat das niemand gesagt an dem Anlass heute in San Francisco, denn es klingt ein bisschen nach Bevormundung. Aber die Folgerung kann schon aus der Zeitstatistik abgeleitet werden, die Marissa Mayer als erstes zeigte:

Mindestens 95% der Zeit, die für eine Suche bei Google draufgeht, besteht aus der Dauer des Tippens der Eingabe und der Auswahl aus der Resultatliste. Der Netzwerk-Transport und die eigentliche maschinelle Suche im Google Rechenzentrum beanspruchen insgesamt kaum eine Sekunde. Der Rest von rund 25 Sekunden ist Tippen und Denken, und beides findet auf Anwenderseite statt.

Eine Beschleunigung der Suche lässt sich also erreichen, indem man "für den Anwender tippt" (und denkt). Das tut Google Instant, indem es im Eingabefeld angefangene Wörter fertigschreibt und eine Dropdown-Liste mit ganzen Suchbegriff-Kombinationen anbietet.

Dabei geht es aber eben nicht nur um die Zeit, sondern um die Qualität der Suchergebnisse. Fünfzehn Jahre nach Einführung der Internet-Suche haben wir tumben Menschen die optimale Abfrage-Syntax noch immer nicht erlernt; der überwiegende Teil der Google Anfragen besteht aus einem einzigen Wort.

Aber sowie die Maschine mir, noch während ich tippe, im Eingabefeld nicht nur das Wort, sondern einen sinnvollen Kontext in weiteren Begriffen vorschlägt, und ich zugleich unmittelbar unter dem Suchfeld die entsprechenden Resultate sehe, werde ich anfangen meine Abfrage komplexer auszugestalten - ohne dazu etwas tippen oder anklicken zu müssen, allein mit Hilfe der Vorschläge, aber auch gegen sie. Während der Suche, und nicht erst nach dem Klick auf den Suchbutton. Der wird in den meisten Fällen ohnehin wegfallen.

Google Instant verbessert damit die Sucheingabe der Nutzer - denn in keinem Bereich eines Suchvorgangs ist derzeit mehr Potential auszuschöpfen, um die Suche zu verbessern. Dahinter steckt natürlich durchaus viel technischer Aufwand - denn aus der einen Index-Abfrage im Google-Rechenzentrum für einen Suchbegriff werden jetzt plötzlich viele: Für jeden getippten Buchstaben eine.

Ich bin überzeugt, dass sich unser Sucherlebnis damit in einem ähnlichen Aha-Erlebnis verändern wird, wie das vor vielen Jahren der Fall war, als wir uns durch Listen von Treffern aus Yahoo oder Altavista kämpften und Googles Pagerank-Resultate plötzlich aussahen, als ob die Suchmaschine unsere Gedanken gelesen hätte.

Ein weiterer Sprung in der Suchverbesserung aber hat Konsequenzen. Diese Neuerung macht das Leben der SEO-Experten, Spamsites, Werbetreibender und Website-Vermarkter zumindest vorübergehend sehr viel härter. Und das Wehklagen geht bereits los. Denn sie haben bisher von der Ungenauigkeit der Anwender gelebt. Sie haben sich in den Auswahllisten mit ausgeklügeltem SEO nach vorne gespielt und dann, auf der letzten Meile sozusagen, in der Trefferauswahl den Benutzer mit vielversprechenden Zusammenfassungen verführt. Unzählige Spam-, Preisvergleichs- und Auktionssites haben in den letzten Jahren die Trefferliste von Google überflutet, ohne dass sie zum gesuchten Thema wirklich etwas zu bieten hatten.

Das konnte Google nicht verhindern, weil die Anwender zu ungenau gesucht haben. Google instant wird aus bisherigen Ein-Wort-Suchen rasch zwei, drei und mehr Wörter machen und die Nutzer, ohne dass sie sich mit der Syntax einer komplexen Suche auseinandersetzen müssten, zu besseren Treffern führen. Das Erfolgserlebnis der Benutzer nimmt zu - und der Traffic all derer, die von der grossen Streuung der Resultate profitiert haben, nimmt ab. Und hoffentlich nur der. Gleichzeitig fällt nämlich auch der bisher in den vielen Seiten an Treffern enthaltene "Long Tail" unter den Tisch - die zwei oder drei Top-Resultate, die in Echtzeit angezeigt werden, dürften alles andere verdrängen. Wer also bisher zu einem allgemeinen Suchbegriff auf Rang 9 der Resultatliste stand und daraus Traffic generiert hat, muss sich wohl auf eine böse Überraschung gefasst machen.

Aber die Behauptung, dass sich damit alles ändere und optimierte Sites untergehen, ist natürlich Blödsinn: Auch eine individuelle Suche soll schliesslich die besten Inhalte zu Tage fördern. Dass inhaltliche Qualität nicht immer mit SEO einhergeht und deshalb bisher hoch gefragte Sites gegenüber anderen verlieren, steht ebenfalls im Interesse der Nutzer. Ich suche schliesslich nicht die Site mit dem besten SEO zu einem Thema, sondern die mit dem besten Inhalt.

Vor diesem Hintergrund ist wohl auch die konsequente Haltung der Googler zu sehen, die während der Konferenz sämtliche Fragen nach Auswirkungen für SEO, Adwords, Pagerank und sonstigen Werkzeugen und Methoden der Informationsanbieter mit der Aussage abwiegelten: Googles oberstes Ziel ist die Verbesserung der Suchresultate für die Nutzer. Alles andere wird sich anpassen. Man habe sich keine Gedanken zu den übrigen Themen gemacht. Das kaufen wir der Denkfabrik Google natürlich nicht ab, aber mehr als auf zu erwartende Fluktuationen auch bei Adwords hinzuweisen, kann sich Google schlicht nicht erlauben.

Diese Philosophie hat Google immer auch mit dem Vermerk "Beta" vor jeder Neuerung zum Ausdruck gebracht (der hier übrigens fehlt): Wir glauben, etwas Gutes eingeführt zu haben und schauen mal, was passiert.

Spätestens seit Google Wave und Buzz ist man in Mountain View wohl damit etwas vorsichtiger geworden. Aber die Suche ist noch immer Googles Hauptfeld, und hier ist die Vorgabe "alles, was dem Nutzer ein besseres Resultat bringt, nützt mittelfristig auch allen Anbietern" die einzig sinnvolle Strategie. Die Qualität der Suche ist für Google als Werbekonzern ungefähr das, was die inhaltliche Glaubwürdigkeit für ein herkömmliches Massenmedium war.

Dass jetzt zunächst viele Dinge wie Embedded-Suchfelder in Browsern, Websits und Anwendungen wie dem GoogleToolbar im Vergleich zur Google Homepage vorübergehend extrem an Wert verlieren, ist ein Kollateralschaden, der rasch behoben sein wird.

Im mobilen Internet dagegen, auf den Smartphones - dem wahren Wachstumsmarkt für Suchanbieter, wird sich der Gigant sehr schnell mit einer Kombination aus Google Instant, ortsbezogenen Resultaten und Spracherkennung unentbehrlich machen. Denn nirgends ist Tempo und Treffsicherheit mehr gefragt.

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer