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17.11.10

Google Hotpot: Das Problem mit dem Ballast

Hotpot ist ein weiterer Versuch von Google, einen Dienst zu etablieren, bei dem die Vernetzung von Nutzern ein wichtige Rolle einnimmt. Doch in der Beziehung zwischen Anwendern und dem Internetgiganten hat sich einiges an "Ballast" angehäuft.

 

Ich bin ein großer Freund der US-Comedyserie "How I Met Your Mother". In einer der letzten Folgen der fünften Staffel beschäftigen sich Ted & Co mit "Baggage", eigentlich "Gepäck", aber hier am besten mit "Ballast" übersetzt, den Menschen mit zunehmendem Alter mit sich herumschleppen und in neue zwischenmenschliche Beziehungen hineintragen. In der Regel resultiert dieser Ballast aus schlechten Erfahrungen, unangenehmen Erinnerungen oder anderen Ereignissen, die sich im Kopf festsetzen und unser zukünftiges (Beziehungs-)Verhalten prägen.

Als ich gestern einen Blick auf Hotpot warf, Googles neuen Bewertungs- und Empfehlungsdienst für Orte und Geschäfte, erkannte ich, dass auch Webfirmen derartigen Ballast besitzen. Google ist das perfekte Beispiel hierfür.

Bei Hotpot geht es darum, über die Google-Maps-Applikation für Android oder den Browser Locations zu bewerten, ähnlich wie man dies von anderen Empfehlungsplattformen wie Yelp, Qype, plazaa oder Tupalo her kennt. Auf Basis der eigenen Bewertungen liefert Hotpot dann Tipps für ähnliche Lokalitäten in der Nähe, die mit stetiger Nutzung relevanter werden.

Da Empfehlungen auf Basis der Bewertungen von Fremden für einen selbst womöglich nur geringe Relevanz haben, setzt Hotpot einen Schwerpunkt auf die Tipps von Freunden, denen man bei Hotpot folgen kann. Auch deren Aktivität fließt in die einem von Google servierten Vorschläge ein. Eine Vorauswahl an automatisch abonnierten Nutzern gibt es im Gegensatz zu dem umstrittenen Start von Google Buzz nicht, d.h., jeder User beginnt mit null Kontakten (wobei Hotpot Zugriff auf das persönliche Google-Adressbuch bietet, um bequem Kontakte zu dem Dienst einzuladen).

Kurzum: Hotpot ist ein weiterer Versuch von Google, einen Webservice zu etablieren, der sukzessive ein soziales Netzwerk zwischen den Usern spinnen soll. Und das bringt mich zu dem eingangs erwähnten Ballast:

Bei mir hat ein Blick auf den Service, der im typisch spärlichen Google-Design ohne eigenes Logo daherkommt, ausgereicht, um in Gedanken Parallelen zu bisherigen Vorstößen des Internetgiganten in den Social-Web-Bereich zu ziehen. Diese verliefen bekanntlich wenig erfreulich, wie prominente, aber im Großen und Ganzen erfolglose Projekte wie Orkut, Google Wave oder Google Buzz gezeigt haben.

Hotpot könnte noch so revolutionär sein: Mein Unterbewusstsein gibt einem Projekt mit Social-Networking-Komponente offensichtlich automatisch weniger Erfolgschancen, wenn dieses in das bekannte Google-Design verpackt ist. Das mag man als Schwäche auslegen, aber sie ist menschlich. Bei jeder Person spielen sich unbewusst Prozesse ab, die Handeln und Denkweise beeinflussen.

Um auf die Ballast-Metapher zurückzukommen: Es ist nicht nur Google, das Ballast in Form negativer Erfahrungen mit früheren Projekten im Bereich des Social Networkings mitbringt: Gleiches gilt für Nutzer, die wie ich nach den diversen Fehlschlägen des Unternehmens im Social-Sektor die scheinbare Tatsache verinnerlicht haben, dass Google die notwendige DNA fehlt, um einen auf der Vernetzung von Millionen von Anwendern basierenden Service abseits von E-Mail und Instant Messaging auf die Beine stellen zu können.

Eine Alternative wäre, einen Service wie Hotpot als Startup mit eigenem Branding, eigener PR und völlig losgelöst von Google zu launchen. Das hätte nicht nur den Vorteil, dass die von mir beschriebene Assoziationskette entfallen würde und dass Nutzer wie ich vorurteilsfreier an den Dienst herangingen, sondern es böte sogar die Option einer Integration von Facebook Connect, ohne dass dies (angesichts des schwelenden Konflikts zwischen Google und Facebook) automatisch als Zeichen von Schwäche gewertet werden würde.

Ein von Google finanziertes Startup in Eigenregie ist bei weitem kein Erfolgsgarant. Es würde das Vorhaben aber von dem Ballast befreien, der sich in der Beziehung zwischen Anwendern und Google über die Jahre angehäuft hat. Erklärungen dafür, warum wir jedoch genau ein solches Spin-Off von Google NICHT sehen, hat US-Blogger Robert Scoble kürzlich zahlreiche geliefert .

Erkennt ihr die von mir fast schon reflexartige Reaktion auf ein neues Social-Produkt aus dem Hause Google bei euch wieder?

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