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22.04.14

Google Glass als Alltags-Gadget: Das wird vorläufig nichts

Noch immer versucht Google, seine Datenbrille Glass als Produkt für Alltagsszenarien zu positionieren. Doch dieses Ziel kann sich das Unternehmen erst einmal abschminken.

GlassVor einer Woche hätte ich mir Google Glass zulegen können. Da wurde die ambitionierte Datenbrille nämlich erstmals einen Tag lang frei in den USA verkauft - wo ich mich gerade befinde. Doch ich habe auf den Erwerb des Apparats verzichtet. Erstens sind mir 1.500 Dollar für ein solches Gerät zu teuer. Zweitens versuche ich als Minimalist, die Zahl meiner Gadgets zu verringern, anstatt mir immer mehr Gerätschaften zuzulegen. Insofern kommen für mich Wearables erst dann in Frage, wenn sie meine existierende Digitalausrüstung vollständig ersetzen. Drittens hat der Sehaufsatz bereits vor seinem breiten Marktstart ein ziemlich makelhaftes Image. Google Glass steht für den derzeit besonders in der Gegend um San Francisco und das Silicon Valley eskalierenden Konflikt zwischen der Reichtum anhäufenden Tech-Elite und den "Normalbürgern", die explodierende Miet- und Lebenshaltungskosten sowie Existenzängste um den Schlaf bringen. Dem Luxusprodukt Google Glass haftet ein Stigma an, das Valley-Pionier Dave Winer gerade als "schlechter Geruch" bezeichnete. Das trifft es ganz gut. Wer an Glass denkt, der muss dabei fast zwangsläufig auch an die NSA, an massenhafte Datenerfassung, an zum Sinnbild für eingangs beschriebenen Konflikt gewordene Google-Shuttlebusse, an die Schere zwischen Arm und Reich und an Utopien mancher kalifornischer IT-Koryphäen denken, die wenig mit den Alltagsproblemen der restlichen Bevölkerung zu tun haben.

Das alles ist nicht unbedingt fair und ignoriert den enormen Einsatz, den Google leistet, um ein futuristisches Produkt wie Glass zur Marktreife zu bringen. Nur wenige Firmen sind bereit, derartig massive Risiken einzugehen, um große Evolutionssprünge darstellende Produktideen zu verwirklichen. Und doch wirkt Glass angesichts der Vielzahl von gesellschaftlichen Problemen, die darauf warten, gelöst zu werden, derzeit Fehl am Platze. Nach wie vor sieht man in San Francisco und Umgebung im öffentlichen Leben wenige Träger des Gadgets, was sicher auch auf gelegentlich vorkommende tätliche Angriffe gegen Glass-Nutzer zurückzuführen ist. Doch entscheidender sind meines Erachtens nach die negativen Assoziationen, die Glass bei Mitmenschen hervorruft.

Mit der Cyberbrille durch die Straßen zu laufen, ist wie mit einer S-Klasse durch ein Armenviertel zu kurven - es offenbart fehlendes Feingefühl und einer gewisse Ignoranz. Dabei spielt es keine Rolle, wie sehr man sich sonst der Philantropie verschrieben hat.

Als Spezialwerkzeug, etwa in der Medizin oder im Sport, kann Glass schon jetzt sinnstiftend eingesetzt werden. Glass als Begleiter im Alltag mit einem Stellenwert analog zum Smartphone aber wird vorläufig ein Traum der Glass-Verantwortlichen bleiben. Dafür ist die Zeit noch lange nicht reif. /mw

Grafik: Tech glasses, Shutterstock

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