<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

27.01.09

Savianos “Gomorrha” (2): Roberto Saviano und wie er arbeitet

Mit "Gomorrha" legte Roberto Saviano eine beeindruckende Recherche über die Mafia vor – eine Reportage in Buchform. Ronnie Grob ist mitgereist, vier Blogeinträge sind das Ergebnis.

Filmszene aus Gomorrha (Keystone/Verleih)

Sieben Jahre Recherche: Bevor Roberto Saviano die ersten Zeilen von "Gomorrha" schrieb, arbeitete der studierte Philosoph mehrere Sommer auf Baustellen, als Lagerist am Hafen, zog durch die Pizzerias und Bars – und redete. Mit allen. Ein junger, mutiger Journalist also, doch einer, der sein Leben nicht mehr frei leben kann. Einer, der wegen dem, was er veröffentlicht hat, gejagt wird bis ans Lebensende. Dabei wird er erst 30 Jahre alt, am 22. September. Er arbeitet als freier Journalist regelmässig für la Repubblica oder L'Espresso, schrieb aber auch schon für die Washington Post oder Time.

[box align="right"]Bei Amazon kaufen

Gomorrha (Hardcover)

Gomorrha (Taschenbuch)

Das Gegenteil von Tod

Gomorrha auf englisch

(Affiliate-Links)[/box]Seit dem Erscheinen des Buches 2006 bei Mondadori ist er dauernd von Bodyguards begleitet. Den Polizeischutz des Innenministeriums erhielt er, nachdem sich Schriftsteller Umberto Eco “in den Hauptnachrichten des italienischen Fernsehens mit einem dramatischen Appell an die Öffentlichkeit” wendete (tagesschau.de, 18.10.2006).

Savianos Leben hat sich dadurch völlig verändert. Reisen kann er kaum, seinen Leibwächtern wäre es am liebsten, wenn er das Haus überhaupt nie verlassen würde. Und auch vielen Fluggesellschaften ist es zu gefährlich, ihn überhaupt mitzunehmen. Restaurants, die er besucht, werden vorgängig auf Bomben durchsucht (ndr.de).

Im Nachhinein, so sagte Roberto Saviano, kurz nachdem ihm die direkten Auswirkungen des Buchs für ihn selbst richtig bewusst wurde, würde er ein solches Buch nicht noch einmal schreiben. "Nicht wegen der Drohungen, sondern wegen dem, was sie ausgelöst haben: das Verhalten der Verleger und zahlreicher meiner Freunde. Solidarität ist ein hochtrabendes Wort" ( El País, 12.11.2006 ).

Saviano nutzt neue Medien und soziale Netzwerke ohne Berührungsängste. Bei Facebook hat er über 167.000 Fans, bei MySpace über 22.000 Freunde. Einen Twitter-Account hat er auch.

Im hinteren Teil des Buchs, im Kapitel "Zement", beschreibt er, wie er (bzw. der Ich-Erzähler des Buchs), als er nicht mehr weiss, wohin mit seiner Wut, zum Grab von Pier Paolo Pasolini fährt, im Zug von Neapel nach Pordenone. Dort formuliert er sein eigenes "Ich weiss".

Pasolini schrieb "in einem berühmt gewordenen Artikel des Mailänder Corriere della Sera im November 1974": "Ich weiß. Ich weiß die Namen...". Doch: "Mir fehlen die Beweise."

Bei Saviano heisst es auf Seite 257/258:

Ich weiss, und ich habe Beweise. Ich kenne das Fundament, auf dem die Wirtschaft ruht, und ich kenne ihren Geruch von Sieg und Erfolg. Ich weiss, woher das Geld kommt. Ich weiss. Und die Wahrheit, wird sie ausgesprochen, macht keine Gefangenen, denn sie reisst alles mit sich fort und macht aus allem einen Beweis. Gegenbeweise und Beweisaufnahmeverfahren sind überflüssig. Die Wahrheit registriert, vergleicht, sieht hin, hört hin. Sie fällt keinen Urteilsspruch, gegen keinen Angeklagten in einem Käfig, und kein Zeuge widderruft seine Aussage. Niemand wird Kronzeuge. Ich weiss, und ich habe Beweise. Ich weiss, dass sich die komplexen Theorien der Wirtschaftslehrbücher letztendlich in ganz materielle Dinge verwandeln, ihre Fraktale mutieren zu Stahl, Zeit und Kontrakten. Ich weiss. Die Beweise sind auf keiner Festplatte gespeichert, die irgendwo vergraben ist. Ich habe keine kompromittierenden Videos, die in unzugänglichen Bergdörfern versteckt sind. Ich besitze keine hektographierten Geheimdienstdokumente. Die Beweise sind unwiderlegbar, denn sie sind parteiisch, gesehen mit eigenen Augen, erzählt mit Worten und gehärtet in Gefühlen, gegen die Kugeln und Knüppel nichts ausrichten können. Ich sehe und höre, ich beobachte und rede, und so lege ich Zeugnis ab - ein unschönes Wort, das um so mehr Gültigkeit besitzt, wenn es demjenigen der dem Sirenengesang der Macht lauscht, ins Ohr flüstert: “Glaub nicht, was man dir sagt.” Die Wahrheit ist parteiisch. Könnte man sie auf eine objektive Formel reduzieren, dann wäre sie synthetisch. Ich weiss, und ich habe Beweise. Also erzähle ich. Erzähle von dieser Wahrheit.

Der Satz ...

Ich weiss, und ich habe Beweise.

... wird in den darauf folgenden Passagen immer wieder wiederholt. Der Wunsch, Pasolinis Werk zu vollenden, leuchtet richtiggehend.

Über das Schreiben sagt Saviano ( El País, 12.11.2006 ):

"Ich glaube, ein Autor muss von seinen Themen besessen sein. Würde ich über Pferde schreiben, würde ich mir ihre Muskeln vorstellen, ihre Sehnen, ihre Schnelligkeit und lauter vollblütige Pferdemetaphern. Ich habe mich stattdessen entschieden, über meine Zeit und die Lebensbedingungen unter dem Joch der Camorra zu schreiben. Ich war süchtig nach diesen Geschichten, weil ich selbst ein Opfer war. Schließlich bin ich hier geboren."

[box]“Gomorrha” von Roberto Saviano erschien am 25. August 2007 im Hanser-Verlag. Sein neues Buch, “Das Gegenteil von Tod”, ist ab dem 4. Februar 2009 zu kaufen. (Affiliate-Links)[/box]

[postlist "Roberto Saviano"]

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer