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20.05.11

Neuer Trend: Standortbasierte Mini-Job-Börsen

Verschiedene neue Dienste wollen am selben Ort befindliche User über bezahlte Mini-Jobs miteinander in Kontakt bringen. Mit Gigalocal versucht sich auch ein deutsches Startup an dem bisher ungeprüften Konzept.

 

Um ein durch das Internet in der Theorie möglich gewordenes Geschäftsmodell erfolgreich umzusetzen, muss ein Startup den dafür richtigen Zeitpunkt finden. Wer zu lange auf optimale Rahmenbedingungen wartet, läuft Gefahr, von schnelleren Konkurrenten ausgestochen zu werden. Wer aber zu voreilig ist, trifft womöglich auf einen Markt, der für das geplante Produkt noch nicht reif ist.

Beispiele für die zuletzt genannte Situation sind letsbuyit.com, das vor zehn Jahren mit einem Groupon nicht unähnlichen Konzept den Dotcom-Tod erlitt, oder der Location Based Service Dodgeball, der ebenfalls seiner Zeit voraus war (Dogeball-Gründer Dennis Crowley gab allerdings nicht auf und startete schließlich foursquare).

Gleich mehrere junge Webfirmen glauben, dass 2011 der ideale Zeitpunkt für den Launch von Anwendungen ist, bei denen Personen, die sich in unmittelbarer Nähe befinden, bezahlte Mini-Jobs in Auftrag geben oder erledigen. So kann man sich von jemand anderem spontan einen Kaffee mitbringen, Konzerttickets erwerben oder einen Virus vom Computer entfernen lassen, und dafür ein paar Euro auf den Tisch legen.

In den USA wagen sich der im März auf dem SXSW-Festival in Texas gestartete Dienst Zaarly sowie der gerade vom Second-Life-Mitgründer Philip Rosedale in San Francisco lancierte Konkurrent CoffeeandPower an diese Idee. In Deutschland versucht sich mit Gigalocal ebenfalls ein Startup an dem Prinzip. Dessen mobile App sollen im Juni in Berlin launchen.

Hinter Gigalocal steht das von Alexander Graubner-Müller und Sebastian Diemer zusammen mit dem Hamburger Inkubator Hanse Ventures gegründete Unternehmen Fastforward. Die Firma ist auch für den Mini-Job-Marktplatz Gigalo verantwortlich ("Für 5 Euro mache/verkaufe ich..."), ein recht einfallsloser und offensichtlicher Klon des US-Dienstes Fiverr.

Während sich meine Haltung zu Gigalo und dem Prinzip des radikalen Abkupferns nicht verändert hat, stehe ich Gigalocal (das abgesehen vom gleichen Gründerteam, der Namensverwandtschaft und dem gemeinsamen Mini-Job-Ansatz ein vollkommen eigenständiges Projekt ist) erst einmal deutlich positiver gegenüber. Der entscheidende Grund dafür: Es gibt keinen Proof of Concept und damit ein relativ hohes Risiko, zu scheitern.

Am 9. März stieß ich das erste Mal auf einen Bericht über Zaarly, das wenige Tage später scharf geschaltet wurde. Bereits einen Monat später präsentierte sich Gigalocal auf der re:publica inklusive fertiger Test-Applikation. Inwieweit Zaarly also für die Idee überhaupt Pate gestanden hat, ist unklar.

Anders als bei klassischen Copycat-Ideen, die auf bereits etablierten US-Modellen aufbauen (wie Gigalo), betreten Hanse Ventures, die involvierten Business Angels Heiko Hubertz (Bigpoint GmbH) und Edgar Berger (Sony Deutschland) sowie der gestern verkündete Investor Holtzbrinck Ventures mit Gigalocal unbekanntes und ungeprüftes Terrain.

Ihr einziger Indikator, dass Gigalocal Chancen im Markt haben könnte, ist das Eine-Million-Dollar-Investment namhafter US-Geldgeber (u.a. Ashton Kutcher) in Zaarly. Andererseits muss man dieser Tage im Silicon Valey schon lange suchen, um ein Tech-Startup zu finden, das NICHT frühzeitig eine derartige Kapitalspritze erhalten hat.

Einige offene Fragen stellen sich mir noch: Wieso konzentriert sich Fastforward nicht auf Gigalocal, statt sich nebenbei noch mit Gigalo gegen Fiverr und unzählige andere Nachahmer behaupten zu wollen? Wieso deutet man mit der Namensähnlichkeit und thematischen Nähe beider Dienste eine Verbindung an, die dann doch nicht besteht? Wieso präsentiert man den für das eigene Image deutlich vorteilhafteren Service Gigalocal eine Woche nach dem Lauch der eher fragwürdigen Fiverr-Kopie Gigalo? Auch eine Nachfrage in Hamburg brachte hier für mich nicht wirklich Klarheit.

Einen etwas bitteren Beigeschmack hinterlässt zudem die Tatsache, dass es Startups aus dem Hause Hanse Ventures anscheinend nicht lassen können, in der Kommunikation auf zweideutige, teils vulgäre Elemente zu setzen. "Gigalocal besorgt's dir" prangt als Slogan auf der Website. Mancher erinnert sich vielleicht auch noch an Bettie Ballhaus als Testimonial für Carmio, ein anderes Unternehmen des hanseatischen Inkubators.

Trotzdem: Für mich überwiegt die Freude darüber, dass in diesem Fall hiesige Investoren Kapital in einen mobilen Social-Web-Service stecken, der kläglich scheitern oder aber ganz groß raus kommen könnte. Es ist diese Risikofreude, die wir in Deutschland bei Geldgebern nicht so oft sehen. Aber vielleicht in Zukunft ja häufiger!

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