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27.02.09

Gewaltzone Sonderzug: No-Go-Areas für Journalisten?

Ein Journalist wird von Fussballfans geschlagen und getreten – und in Kommentaren wird die Gewalt gegen neutrale Beobachter gerechtfertigt. Selber schuld? Falsch!

[Edit: In diesem Posting waren unhaltbare persönliche Anwürfe enthalten, für die wir uns entschuldigen möchten und die gelöscht wurden. Der Artikel und die Debatte geben uns ausserdem Anlass, einmal mehr unser Selbstverständnis als Blog und unseren Stil zu diskutieren. Peter Sennhauser]FC-Basel-Fans: Mit dem Laptop in die Muttenzerkurve? (Keystone)

Am 22. Februar wurde der (übrigens oft grossartige) Reporter Jean-Martin Büttner vom Tages-Anzeiger von teilweise vermummten Krawallanten geschlagen und getreten. Grund dafür, gemäss Büttner: Er erlaubte sich, in einem mit "Fans" des Fussballclubs FC Zürich gefüllten Sonderzug einen Laptop aufzuklappen. Selber schuld? Keinesfalls. Einige Kommentare dazu verurteilen die Gewalt. Doch andere sind der Überzeugung, dass damit zu rechnen war. In den Kommentaren zu der von Büttner selbst erzählten Story auf tagesanzeiger.ch sind teilweise haarsträubende Meinungen zu lesen:

Pha, Journalisten haben in den Extrazügen auch nix zu suchen. Bleibt zu Hause

Michael Zeiniger, 22.02.2009, 23:53 Uhr

Selber schuld. Die Medien haben mit ihrer Berichterstattung immer wieder Öl ins Feuer gegossen und versucht, aus diesem Ereignis immer mehr zu machen, als es ist: nämlich ein Fussballspiel. Und noch was: schlussendlich lag man mit der Vermutung nicht so falsch, dass es sich hier um einen Journalisten handelt, als der Laptop augeklappt wurde, oder?

Tibor Beregszaszy, 23.02.2009, 06:48 Uhr

Journis gehören nicht in den Extrazug...das sollte er nun begriffen haben.

Peter Wilder, 23.02.2009, 08:55 Uhr

Was zum Geier hat den ein Journi in einem Fan-Extrazug verloren? Selber schuld!

Tom Zürcher, 23.02.2009, 09:04 Uhr

Die Journis sind absolut selberschuld dass Sie den goodwill der Fans nicht mehr haben. Ich erinnere ans Beispiel Bröndby wo alle von Blick bis NZZ ins gleiche Horn ruften, aber keiner dieser Schreiberlinge vor Ort anwesend war. Und überhaupt ein Journi hat wirklich nichts verloren in einem X-trazug.

Franz Klammer, 23.02.2009, 10:23 Uhr

Ich war im Zug und als Journalist haben Sie im Zug nichts zu suchen. Für Presseinfos können Sie sich an der Verein oder die Polizei wenden. Die wissen sowieso immer alles ganz genau!

 

Felix Meier, 23.02.2009, 16:07 Uhr

Ich hätte noch eine Frage an Herrn Jean-Martin Büttner: Wer war ihre Mitreisende? Sah jedenfalls noch recht gut aus. Ich hoffe es war nicht ihre Tochter, denn das würde heissen, sie wären mit ihrem Nachwuchs auf Gewaltabenteuersuche gegangen. Nur so als Frage, was sollte das für ein Bericht geben, also ursprünglich? Was wenn es zu keinen Ausschreitungen gekommen wäre?

Rudolf Scherz, 23.02.2009, 18:59 Uhr

Harte Worte, fragwürdige Worte, aber das ist Meinungsfreiheit. Freiheit ist es aber auch, sich in einen Zug zu setzen und sich Notizen zu machen. Und danach darüber zu schreiben. Wenn Journalisten irgendwelcher Bedenken wegen nicht mehr in Sonderzüge einsteigen und sich dort Notizen machen können, dann heisst das a) dass die Meinungs- und Medienfreiheit ernstlich bedroht ist und b) dass es No-Go-Areas gibt.

Doch nicht nur die Kommentatoren bei tagesanzeiger.ch finden es naiv, wenn sich ein Journalist erlaubt, einen mit alkoholisierten Verlierern gefüllten Sonderzug zu betreten. (Edit: Hier haben wir nach ausführlicher Diskussion einen Satz gelöscht.) So schreibt Blogger Bugsierer in einem Kommentar bei klartext.ch:

ich will das elende verhalten dieser krawallanten nicht herunterspielen, aber mal ehrlich: ich habe mich echt gefragt, wie der gute auf die abstruse idee kommt, ausgerechnet mitten in einem fanzug seinen laptop auszupacken. da würde ich mir schon zehn meter gegen den wind sorgen um das gerät machen und mich möglichst unauffällig irgendwo hinsetzen resp. einen späteren zug nehmen. und dann auch noch als basler in einem zürcher fanzug. das finde ich schon etwas weltfremd.

(Edit: Hier auch – und persönlich für die Provokation um Entschuldigung gebeten.) Wenn es keine Journalisten mehr gibt, die den Mut besitzen, Sonderzüge zu betreten, rechtfertigen wir, dass es Teile der Gesellschaft gibt, die sich den öffentlichen Raum zu eigen machen, in dem sie anderen Einblick verwehren.

Mitschuldig an der Stimmung gegen die Journalisten sind aber auch die Journalisten selbst. Statt die Vorkommnisse zum Thema zu machen, drucksen sie aus falsch verstandener Scham herum, trauen sich fast nicht, diese einer freien Gesellschaft unwürdigen Vorkommnisse überhaupt zu vermelden. Diese sind und bleiben ein Skandal, umso mehr, wenn die eigenen Mitarbeiter davon betroffen sind.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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