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25.11.11

GetGlue, foursquare und andere: Wie Startups das Vertrauen der Nutzer aufs Spiel setzen

Auch für das Verhältnis zwischen Startups und Anwendern gilt: Über einen langen Zeitraum aufgebautes Vertrauen kann auf einen Schlag zu Nichte gemacht werden. Zu viele Anbieter gehen dieses Risiko ein.

 

Immer wenn ich einen empfehlenswerten Film sehe, halte ich dies per Check-In über den mobilen Dienst GetGlue fest. Oft kommt es nämlich vor, dass ich mich nicht mehr an den Namen eines früher angeschauten Streifens erinnern kann - zum Beispiel im Gespräch mit Freunden. Hier zahlt sich die von mir durch Check-Ins bei GetGlue erstellte chronologische Übersicht der konsumierten Filme aus.

Natürlich lässt sich die App des New Yorker Dienstes mit Facebook und Twitter verbinden, und bei jedem Check-In hat man die Möglichkeit, diesen seinen dortigen Kontakten mitzuteilen. Als ich am Donnerstagabend mit GetGlue einen Film-Check-In durchführte, entschied ich mich dagegen, dies per Tweet und Status Update zu publizieren. Doch trotzdem verschickte der Service in meinem Namen einen Tweet und hinterließ einen Eintrag auf meiner Facebook-Pinnwand, und zwar mit der Information, dass ich mit meinem Check-In den Thanksgiving 2011 Sticker erhalten habe (GetGlue versucht sich wie viele andere Anbieter an der Integration von Gamification-Elementen, um die Nutzeraktivität zu erhöhen).

Über dieses eigenmächtige Agieren ohne mein Einverständnis war ich nicht erfreut. Gleiches dürfte für hunderte anderer GetGlue-Nutzer gelten, die momentan bei Twitter ihre Follower im Namen von GetGlue belästigen.

GetGlue ist nicht das erste Startup, dass auf diese Weise das Vertrauen seiner Nutzer missbraucht. Ich möchte es nicht als einen neuen Trend bezeichnen, aber in den letzten Wochen wurde ich persönlich mehr als einmal von Diensten enttäuscht, die ihre Grenzen und Befugnisse nach meinem subjektiven Empfinden überschritten.

Auch den Location-Based-Service foursquare ertappte ich vor einigen Tagen dabei, wie er ohne meine Autorisierung die Nachricht über den Erhalt eines Abzeichens ("Badge") auf meinem Facebook-Profil veröffentlichte. Ein Blick auf die Einstellungen von foursquares iPhone-App ergab, dass neben der Option "Share my new badges to Facebook" ein Häkchen gesetzt war. Von mir stammte dieses nicht.

Immerhin erlaubte mir der Location-Dienst direkt innerhalb der mobilen App, die Berechtigungen zu verändern. GetGlue ist da deutlich dreister: Auch dort stellte ich schließlich fest, dass die Funktion "Share my Stickers to Facebook/Twitter" (ohne mein Wissen) eingeschaltet war - allerdings findet sich diese lediglich in der Webversion. Über GetGlues Smartphone-App lässt sich also an der Einstellung nichts modifizieren. Noch schlimmer: Selbst für die Aufhebung der Verknüpfung mit Facebook und Twitter muss man extra GetGlues Website ansteuern und sich dort einloggen.

Auch wenn Onlinedienste mit derartigem Verhalten innerhalb eines (zumindest in den USA) rechtlich zugelassenen Rahmens agieren, so lassen sie außer Acht, dass sie das über einen langen Zeitraum aufgebaute Vertrauen der Anwender leichtfertig aufs Spiel setzen. Während foursquare bei mir nur für ein kurzzeitiges Grummeln sorgte und mir immerhin die Möglichkeit bot, die Einstellungen an Ort und Stelle zu modifizieren, habe ich für GetGlue keinerlei Sympathien mehr übrig und kappte heute Morgen zuerst einmal die Verbindung meines dortigen Kontos mit Facebook und Twitter.

Das Gefühl, dass bisher für seriös gehaltene Webdienste plötzlich über die Stränge schlagen, beschleicht mich auch jedes Mal, wenn ein Services damit beginnt, mir tägliche E-Mail-Zusammenfassungen zu schicken. Ich habe volles Verständnis dafür, dass aufstrebende Internetfirmen versuchen, erneut die Aufmerksamkeit von registrierten, aber inaktiven Mitglieder zu erhaschen, und halte zum Beispiel eine von vielen Anbietern praktizierte "Wir vermissen dich"-E-Mail nach Monaten ohne Aktivität für vollkommen legitim. Aus dem Nichts aber mit einer täglichen E-Mail zu nerven und im schlimmsten Fall für das Abbestellen einen Login zu erfordern, schießt weit über das Ziel hinaus (zuletzt erlebt mit der Social-Video-App Plizy).

Besonders enttäuschend ist, wenn einst sehr geschätzte Anbieter damit beginnen, die Unaufmerksamkeit und das Zutrauen der Anwender auf grenzwertige Weise auszunutzen: Bisher hatte ich fast nur Gutes über den Musikdienst Spotify zu berichten, den ich bereits seit einigen Jahren mit Begeisterung verwende. Doch im Zuge der engen Kooperation mit Facebook haben bei dem schwedischen Unternehmen die gefühlten Grenzüberschreitungen zugenommen. So ist für neu registrierte Mitglieder das umstrittene "Frictionless Sharing" standardmäßig aktiviert, und ein temporärer "Private Mode" dafür fehlte zu Anfang völlig. Auch seltsam: Ich habe beim Starten von Spotify die Option zum automatischen Anmelden abgeschaltet - doch nach jedem Software-Update ist diese wieder neu aktiviert. Vielleicht handelt es sich nur um einen  Bug (denn einen wirklichen Vorteil hat Spotify dadurch nicht) - allerdings wäre dies einer, der bei einem Unternehmen mit Spotifys Reifegrad überraschen würde.

All die gute Laune, die visionäre Denkweise und die "Awesomeness", die junge, unschuldige und sympathische Gründer-Teams und Startups versprühen, kann sehr leicht über das hinwegtäuschen, was im Hintergrund geschieht und die Ursache für viele der beschriebenen Vorgänge darstellt: ein stetiger Konflikt der Interessen von Gründern, Investoren und Geschäftspartnern in Bezug auf Strategien, Visionen und Ziele. Speziell wenn prognostizierte Zahlen nicht erreicht werden, hängt der Haussegen schnell schief. Diese Situation oder die Furcht davor veranlassen selbst sonst integere Firmenlenker dazu, zu fragwürdigen Mitteln zu greifen.

So nachvollziehbar dies aus Sicht des um die nächste Finanzierungsrunde kämpfenden Startup-Unternehmers kurzfristig gesehen sein mag (GetGlue erhält durch seine Aktion eine beachtliche Reichweite und sicher auch einige Neunutzer), so sehr sollten wir Nutzer uns gegen den Missbrauch unseres Vertrauens wehren - zumindest in den Fällen, in denen uns ein rechtzeitiges Eingreifen bewusst schwer gemacht wird. Klar ist: Onlinedienste würden sich deutlich weniger weit aus dem Fenster lehnen und beispielsweise Berechtigungen für den Zugriff auf Twitter und Facebook nicht zu ihrem Vorteil auslegen, wenn sie sich sicher wären, dafür von Anwendern direkt die Quittung zu bekommen.

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