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09.07.13

Gesellschaftlicher Sinneswandel: Die Snowden-Leaks und der mögliche Anfang vom Ende der Netzgiganten

Auch wenn niemand weiß, ob die Überwachungsskandale nachhaltig das Verhalten der Digitalbürger beeinflussen: Ein übler Nachgeschmack bleibt. Dieser bedroht die führenden Netzgiganten.

Google GlassEs ist schwer zu quantifizieren, welche Langzeitauswirkungen die von Edward Snowden aufgedeckten Überwachungsskandale auf die Haltung der Menschen zum Internet, auf ihr Verhalten im Netz und auf ihre Akzeptanz der tonangebenden Onlinedienste haben wird. Angesichts der doch weitreichenden Berichterstattung über Prism & Co in Massenmedien ist sicher, dass Millionen allein in Deutschland von den Praktiken der Geheimdienste erfahren haben. Ob sie davon ausgehend irgendetwas in ihrem Surfalltag verändern werden oder gar unter die sorgfältigen Verschlüsseler gehen, ist dagegen ungewiss. Zahlen aus der Schweiz zeigen: Rund ein Viertel der dortigen User erwägt Veränderungen bei der Onlinenutzung. Diese Erwägung garantiert natürlich nicht, dass es tatsächlich dazu kommt. Aber ein übler Nachgeschmack wird bei vielen zurückbleiben. Dieser kann sich für die führenden Webkonzerne zu einem großen Problem entwickeln. Denn wer einmal für Datensicherheit- und Überwachungsfragen sensibilisiert ist, reagiert mitunter anders auf Produktvorstöße der Netzgiganten als zuvor. Herausfinden kann dies jeder und jede im Selbsttest, in Form einer Reflexion über aktuelle, Datenschutzfragen tangierende Neuigkeiten aus der Welt von Twitter, Facebook und Google.

Twitter analysiert Surfverhalten der Nutzer

In der vergangenen Woche lüftete Twitter den Vorhang einer neuen Anzeigeninitiative. Wie Konkurrent Facebook und zahlreiche Onlinevermarkter wird der Microbloggingdienst Retargeting einsetzen. Mittels Cookies wird das Surfverhalten der Nutzer außerhalb der Twitter-Welt analysiert. Die so gewonnenen Erkenntnisse über Präferenzen fließen dann in die Auswahl der Werbebotschaften ein, die User innerhalb ihrer Timeline zu Gesicht bekommen. Außerdem sollen Werbekunden in die Lage versetzt werden, per E-Mail-Adressabgleich Anzeigen an Twitter-Anwender ausliefern zu lassen, die sich bereits in ihrer Adressdatenbank befinden.

Facebook ermöglicht genauere Datenauswertung

Unterdessen hat Facebook damit begonnen, seine vor sechs Monaten vorgestellte semantische Suchefunktion "Graph Search" allen Anwendern der US-amerikanischen Sprachversion des sozialen Netzwerks verfügbar zu machen. Sie erlaubt neue Rechercheansätze, um diejenigen Personen aus dem eigenen Kontaktnetzwerk oder der übergreifenden Anwenderschaft zu finden, die bestimmte Interessen oder Eigenschaften mitbringen - stets abhängig von individuellen Privatsphäreeinstellungen. Graph Search hilft dabei, Merkmale und Zusammenhänge aufzuzeigen, die in dieser Form aufgrund fehlender Suchwerkzeuge bisher nicht zu Tage gefördert werden konnten - was  manchen charakterlichen Widerspruch offenbart .

Google Glass filmt Festnahme

Während Twitter und Facebook Vermarktungs- und Produktinitiativen vorantreiben, gibt Google seiner Cyberbrille Glass den letzten Feinschliff und lässt einen kleinen Kreis von "Explorern" Alltagserfahrungen mit der Augmented-Reality-Sehhilfe machen. Für Schlagzeilen sorgt nun die mutmaßlich erste zufällig mit Glass gefilmte Festnahme. Der Clip gibt einen Vorgeschmack auf die "Little Brother"-Gesellschaft, die durch am Körper getragenen Always-On-Kameras am Entstehen ist.

Grenzen werden kontinuierlich ausgedehnt

Die drei voneinander unabhängigen Nachrichtenereignisse haben eines gemeinsam: Sie dehnen auf individuelle Weise die Grenzen des Privatsphärebegriffes aus und basieren auf einer umfassenden Datensammlung. Freilich unterschiedlich stark ausgeprägt. Twitters Retargeting-Bestrebungen sind mit Blick auf gängige Branchenpraktiken vergleichsweise harmlos und besitzen den Vorzug besser an individuelle Interessen angepasster Anzeigen, wurden aber von den Kaliforniern zu einem durchaus ungünstigen Zeitpunkt lanciert. Facebooks Graph Search geht da schon weiter, weil sie rückwirkend Kontext auf Basis von Daten schafft, ohne dass Anwender zum Zeitpunkt des individuellen Publizierens dieser Daten darüber informiert waren, was sich mit diesen in ferner Zukunft anstellen lässt. Google Glass stellt die Speerspitze der gefühlten, technisch getriebenen Erosion der Privatsphäre dar, da es im Prinzip die Grundlage für Retargeting im "Offline"-Leben schafft. Was das Cookie im Netz ist, ist eine filmende Cyberbrille draußen auf der Straße.

Neubewertung von Kosten und Nutzen

Alle diese Vorstöße besitzen positive wie negative Seiten, das soll an dieser Stelle nicht unter den Tisch fallen. Doch im Fahrwasser der staatlichen Internetüberwachung ist mit einem wachsenden Bedarf an einer gesellschaftlichen Neubewertung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses von die etablierten Normen ausdehnenden technischen Maßnahmen zu rechnen. Bei vielen kommt jetzt im Bewusstsein an, welche massive Weichenstellung des Internet für die Menschheit bedeutet. Sie erkennen, dass scheinbar harmlose persönliche Entscheidungen im Umgang mit den neuen Möglichkeiten weitreichende Auswirkungen haben können, und dass Missbrauch nicht nur theoretisch vorstellbar ist, sondern bereits erfolgt - und das sogar durch den Staat selbst.

Das Dilemma der Webriesen

Für die führenden Webkonzerne ergibt sich dadurch eine komplizierte Situation. Nicht nur nehmen Anwender ihnen die - mutmaßlich unfreiwillige - Komplizenschaft bei den Überwachungsaktivitäten von Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden übel (Twitter versperrt sich denen bisher als einer der wenigen Anbieter) - gleichzeitig blicken manche von ihnen nun kritischer auf die Produkte selbst. Und das je nach Sachlage sogar zurecht.

Im für die großen, zentralisierten Internetunternehmen besten Fall gewöhnt sich das Gros der Netzpopulation schnell an das neu gewonnene Bewusstsein über die tatsächlichen Ausmaße der Gläsernheit und findet sich mit diesem Schicksal ab. Im für sie ungünstigsten Szenario aber hindert ein aufkeimender breiter öffentlicher Widerstand gegen den Verlust der Privatsphäre im digitalen Zeitalter die Firmen daran, die Schritte einzuleiten, die für ihr wirtschaftliches Vorankommen in den nächsten Jahren erforderlich sind. Denn ihre Geschäftsmodelle sind davon abhängig, möglichst viel über User in Erfahrung zu bringen. Stagnation wäre für die auf kontinuierliches Wachstum ausgelegten und entsprechend finanzierten Anbieter fatal. Die Snowden-Leaks könnten so beiläufig sogar den Niedergang einer ganzen Generation an Webplattformen einleiten. /mw

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