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30.07.12

"Gesehen von": Wie soziale Netzwerke Nutzer zwingen, Spuren zu hinterlassen

Verstärkt setzen Social-Web-Dienste auf Maßnahmen, die genau darüber Auskunft geben, wann welche Teilnehmer einer Interaktion oder Konversation Zugriff auf bestimmte Information hatten. Für stille, passive Beobachter brechen harte Zeiten an.

Ein netzwertig.com-Leser meldete sich heute bei uns, weil er den Verdacht hegte, einen ernsthaften Bug bei Facebook entdeckt zu haben. In einer Gruppe des sozialen Netzwerks war ihm aufgefallen, dass sich unter sämtlichen Pinnwand-Eintragen von Nutzern eine Angabe über die Zahl der Gruppenmitglieder befand, die das entsprechende Update bereits gesehen haben. Fuhr er mit der Maus über den entsprechenden Menüpunkt, informierte ihn Facebook im Detail über die Namen der Personen sowie den genauen Zeitpunkt, an dem sie den Eintrag zu Gesicht bekamen. Andere Teilnehmer der Gruppe wissen somit exakt, wer sich auf welchem Kenntnisstand befindet.

Was der aufmerksame Leser für eine Fehlfunktion seitens Facebook hielt, ist in Wirklichkeit ein neues, offizielles Feature, das derzeit nach und nach für alle Gruppen aktiviert wird (Beispiel). Dass die genaue Auflistung derjenigen Anwender, die mit einer bestimmten Information versorgt wurden, allerdings von Nutzern als Bug identifiziert wird, spricht Bände: Facebook wagt sich einmal mehr in neues Terrain - allerdings eines, das zuvor schon von anderen Diensten beschritten wurde.

Path, das "intime" soziale Netzwerk, gibt seit jeher genau Auskunft darüber, welche Kontakte die eigenen Einträge im Stream gesehen haben, und informiert auch darüber, wenn das Profil von Kontakten besucht wurde. Mobile Chatservices wie WhatsApp oder Kik lassen Anwender wissen, wenn der Gesprächspartner ihre Nachrichten erhalten hat - Kik signalisiert auch, wenn sie gelesen wurde. Beide Services zeigen wie auch beispielsweise Skype und andere Instant Messenger an, wenn der Gegenüber gerade eine Mitteilung verfasst. Dauert dieser Prozess eine Minute, führt jedoch schließlich nur zur einer wortkargen Antwort, kann man sich ziemlich sicher sein, dass der Chatkontakt sehr lange an der Antwort und richtigen Formulierung herumgeschustert hat.

Genau genommen ist das "Gesehen von"-Feature bei Facebook Gruppen auch für das soziale Netzwerk kein vollständiges Novum: Denn seit einigen Wochen zeigen die mobilen Facebook-Apps bei Konversationen mit Freunden an, wenn die Gesprächspartner eine Nachricht gesehen haben - also analog zum Verfahren anderer Smartphone-Chat-Apps. Der Unterschied ist jedoch, dass es dabei um den Austausch zwischen zwei Personen geht. Die Neuerung für die Gruppen hat zur Folge, dass nun jeder erfahren kann, wann ein spezifisches Mitglied über den neuen Eintrag in Kenntnis gesetzt wurde - was dann problematisch werden kann, wenn der betreffende Anwender eigentlich verbergen wollte, dass er überhaupt bei Facebook eingeloggt war.

Facebook hat sich bisher nicht dazu geäußert, inwieweit "Gesehen von" auch für andere Bereiche des sozialen Netzwerks aktiviert werden könnte. Klar ist, dass das Social Network einen Trend vorantreibt, der - wie oben beschrieben - auch von anderen Onlinediensten forciert wird: Das zunehmende Zwingen der Nutzer, Spuren zu hinterlassen, statt sich lautlos durch die Weiten des Webs bewegen zu können. Wer aus irgendwelchen Gründen im Social Web unsichtbar sein will, muss bereits heute sehr aufpassen - er darf weder versehentlich Chatnachrichten entgegennehmen, noch bei Skype einen Antwortentwurf schreiben und diesen dann ohne Ersatz löschen, noch sich bei Facebook einloggen, wenn eine neue Benachrichtigung über einen Eintrag in einer abonnierten Gruppe wartet. Zu erfahren, dass eine spezifische Information oder Mitteilung den Gegenüber erreicht hat, ist aus Sicht des Verfassers durchaus praktisch. Empfänger setzt es jedoch deutlich stärker unter Druck als bisher, da sie nicht mehr ohne weiteres vorgeben können, die jeweilige Nachricht nicht erhalten zu haben.

Die Entwicklung weist Parallelen zur ebenfalls von vielen Webfirmen angestrebten, aber auch von Politikern propagierten Abkehr von der Anonymität im Netz auf. In beiden Fällen wird eine zivilisiertere Interaktion und Kommunikation auf Augenhöhe und mit größtmöglicher Transparenz über die partizipierenden Personen angestrebt, beide Male bestehen jedoch begründete Bedenken, dass gleichzeitig Freiheiten verloren gehen, die bisher essentielle Eckpfeiler des Internets darstellten.

Schwere Zeiten für passive Teilnehmer und stille Beobachter. Gute für alle diejenigen, die wissen möchten, wer wann auf welche Informationen Zugriff hatte, und die Rechenschaft einfordern.

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