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18.02.09

Geschäftsbedingungen: Das eigentliche Problem mit Facebook

Facebook krebst zurück: Die vor einigen Tagen veröffentlichten und kontrovers aufgenommenen neuen Geschäftsbedingungen werden züruckgenommen. Aber das Problem sind nicht die AGBs, sondern das, was diese Aktion über Facebook aussagt.

Wer noch daran gezweifelt hat, dass Social Media zumindest in den USA den Mainstream erreicht hat, brauchte gestern abend nur die amerikanischen Fernsehnachrichten zu verfolgen. Restlos jeder Sender berichtete zur besten Sendezeit über die Kontroverse, die Facebooks neue "Terms of Service" ausgelöst hatten.

Facebook hatte in seinen neuen Geschäftsbedingungen festgelegt, dass alle von den Usern hochgeladenen Inhalte (also Fotos, Videos, Texte, ...) auch nach dem Löschen des Useraccounts weiter von Facebook nach Gutdünken verwendet werden können. Das kam bei den Usern vorsichtig gesagt nicht so gut an, und ein Sturm der Entrüstung brach los. Auch Erklärungsversuche von Firmenchef Mark Zuckerberg liefen ins Leere.

Nach nur zwei Tagen gibt Facebook jetzt klein bei und setzt die alten AGBs wieder ein, nicht aber ohne trotzig zu verkünden, dass man weiter an einer neuen Version arbeite, die auch die ungewaschenen Massen verstehen können.

So weit, so gut? Nicht ganz. Der Stil dieser Aktion sagt leider ziemlich viel über Facebooks Firmenkultur, Mentalität und zunehmend schwierigere geschäftliche Situation aus.

Zunächst mal wurden die neuen AGBs mit dieser doch ziemlich substantiellen Änderung nicht offen angekündigt, sondern klammheimlich aufgeschaltet. Erst ein Konsumentenschutzdienst deckte das Problem auf. Des weiteren enthielten die AGBs eine Klausel, dass die Facebook-User ohne jede weitere Nachfrage automatisch jede zukünftige Änderung an den Geschäftsbedingungen akzeptieren würden. Auch nicht die feine Art. Und dass sich die Firma erstmal noch 48 Stunden lang zierte, bis man auf den offensichtlichen Unmut der User einging, zeugt ebenso nicht gerade von Kundennähe.

Vor allem aber ist die Substanz der neuen Geschäftsbedingungen bezeichnend, denn sie deckt Facebooks Selbstverständnis als zentralistischer Walled Garden auf, der alle User-Inhalte als sein Eigentum betrachtet. Das ist ehrlich gesagt von der klassischen Web-2.0-Menalität sehr weit entfernt und ähnelt eher der Denke, die man bei klassischen Medienunternehmen findet.

Nun könnte man argumentieren, dass das alles ein Sturm im Wasserglas ist, denn was mit den typischerweise reichlich banalen Bildern passiert, die jemand seinen Facebook-Freunden zeigen will, ist ja nun wohl wirklich nicht so weltbewegend. Aber Facebook hat sich seine marktführende Stellung gerade damit aufgebaut, die Privatsphäre seiner User besser zu schützen als andere Social Networks. Und die Frage stellt sich schon, wie stark man als User der Firma Facebook jetzt noch vertrauen kann. Schliesslich gab es schon mehr als einen Skandal (z.B. mit Obamas Redenschreiber), bei dem deutlich wurde, dass Userkontrolle über Inhalte schnell essentiell werden kann.

Man kann aus dieser Affäre nur zwei Schlüsse ziehen:

Erstens haben bei Facebook faktisch Leute die Kontrolle übernommen -- die professionellen Manager, die hinter Vorzeigeunternehmer Zuckerberg in Wirklichkeit die Firma führen --, die kein Gefühl für die Sensibilitäten der User mehr haben. Das ist für die Zukunftsaussichten von Facebook schlecht, denn diese Art von Firma lebt mehr als jede andere von Kundennähe.

Zweitens scheinen die AGB-Änderungen darauf hinzudeuten, dass Facebook weiterhin verzweifelt nach einem tragfähigen Geschäftsmodell sucht. Das schnelle Wachstum kostet enorm viel Geld, Schätzungen zufolge etwa eine Million Dollar pro Million neuer User allein an Serverkosten (und in den letzten zwei Wochen hat Facebook fünf Millionen neue Benutzer aufgeschaltet). Die immer noch dünnen Werbeeinnahmen decken das noch lange nicht. Facebook hat schon mehrfach Modelle angetestet, die Werbekunden gegen Gebühr tiefe Einblicke ins Userverhalten geben, und die neue Klausel in den AGBs war vermutlich dazu da, diese "Marktforschung" rechtlich abzusichern. Denn schliesslich geht unter so einem Geschäftsmodell nicht an, dass man Daten über das Userverhalten löschen muss, nur weil ein User seinen Facebook-Account aufhebt.

Facebook steht mit solchen Problemen natürlich nicht allein da, denn jeder Internet-Konzern sammelt fleissig Daten und treibt damit Dinge, die nicht unbedingt im Sinn des Urhebers sind. Aber wer soziale Beziehungen verwaltet, braucht ein besonders ausgeprägtes Gespür dafür, was die User als Verletzung ihrer Privatsphäre betrachten. Und dieses Gespür scheint Facebook derzeit zu fehlen.

Kann gut sein, dass dieses PR-Fiasko das Wachstum von Facebook gerade bei Mainstream-Usern deutlich bremsen wird. Denn wer in den Fernsehnachrichten hört "Facebook klaut deine Daten", überlegt sich das mit dem Social Networking vielleicht nochmal genauer.

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