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10.08.06

Gelesen: "The Long Tail" von Chris Anderson

Das derzeit wohl meistbesprochene Buch in der Internet-Szene ist "The Long Tail" von Wired-Chefredakteur Chris Anderson. Da muss ich mich doch glatt auch noch hinter den fahrenden Zug werfen... Immerhin habe ich ja in diesem Blog Andersons Konzept schon etliche Male verwendet, da gehört eine Würdigung dieses Werks wohl irgendwie dazu.




Ich möchte allerdings drauf verzichten, den Inhalt zusammenzufassen. Die beste und gründlichste Buchkritik, die ich bisher über "The Long Tail" gelesen habe, ist <a href="http://giussani.typepad.com/loip/2006/08/the_long_tail_a.

html">die von Bruno Giussani, und er gibt die wichtigsten Punkte sehr prägnant wieder. Ausserdem hat Chris Anderson selbst ein Blog zum Thema , in dem immer wieder aktuelle Aspekte und weiterführende Ideen diskutiert werden.




Mit Businessbüchern ist es ja so eine Sache: Wenn sie von Forschern geschrieben werden, sind sie oft trocken und realitätsfremd, und wenn sich Praktiker an dem Genre versuchen, kommt dabei oft ein ziemlich holprig geschriebenes Machwerk ohne echten Tiefgang raus. Chris Anderson ist Journalist mit Wissenschafts-Vergangenheit, und das merkt man dem Buch sehr positiv an: Es ist nicht nur zugänglich und unterhaltsam geschrieben wie ein guter Zeitschriftenartikel, sondern basiert sehr offensichtlich auch auf gründlicher Analyse umfassender Daten.




Anderson macht auch nicht den Fehler, sich ausschliesslich auf das Phänomen der Online-Märkte zu konzentrieren (in denen das Long-Tail-Phänomen schliesslich in Reinkultur erscheint), sondern zeigt in einer sehr breiten Umschau, wie dieser Effekt entsteht und wo er sonst noch vorkommt. Verschiedenste Aspekte werden ausgeleuchtet, so beispielsweise "Konsumenten als Produzententen und Filter", Long-Tail-Aggregatoren und einige branchenspezifische Auswirkungen.




Eins muss man dem Buch aber eindeutig vorwerfen: Der Autor stülpt das Konzept gnadenlos über fast beliebige Beispiele und findet Long Tails selbst dort, wo vermutlich in Wirklichkeit gar keine sind, so quasi nach dem Motto "Für den, der einen Hammer hat, sieht alles aus wie ein Nagel". Die überzeugendsten Beispiele sind demzufolge auch die üblichen Verdächtigen -- Amazon.com, Google, iTunes, Netflix --, während andere Fallstudien ziemlich an den Haaren herbeigezogen wirken.




Auch das Schlusskapitel des Buchs unter dem Titel "The Long Tail Rules -- How to create a consumer paradise" wirkt eher wie schnell heruntergeschriebene Zusammenfassung als wie eine wirklich fundierte Reflektion über die Universalität des Long-Tail-Konzepts. Es ist zu befürchten, dass dieses Buch nicht zum zeitlosen Klassiker werden wird, denn dafür ist es zu sehr in aktuellen Beispielen verhaftet.




Aber jedenfalls ist der Long Tail eines der einflussreichsten Konzepte im heutigen Internet-Markt, und darum ist das Buch für jede/n, der/die im E-Commerce- oder Medienumfeld tätig ist, eigentlich Pflichtlektüre. Da es auch noch wirklich gut geschrieben ist, kann man es eigentlich rundum empfehlen, mit den oben genannten Einschränkungen. Allerdings: wer nur einen kurzen Einblick in das Konzept erhalten möchte, ist auch mit Andersons ursprünglichem Wired-Artikel und weiteren Online-Materialien gut bedient.

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