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15.11.11

Fundamentale Veränderungen: Die Auswirkungen des technischen Fortschritts auf die menschliche Arbeit

Experten streiten sich über die Frage, ob Informationstechnologie mehr Arbeitsplätze zerstört, als sie schafft. Sicher ist eines: Der Bedarf an menschlicher Arbeit wird sich radikal verändern. Das ist ein Grund zur Freude - wenn die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden.

 

Foto: Flickr/ste3ve, CC-LizenzDer technische Fortschritt zerstört unsere Arbeitsplätze - so lautete der Tenor eines Kommentars zu unserem Ende Oktober veröffentlichten Artikel über den Erfolg von myTaxi, einer Smartphone-App, welche die Taxibestellung über Callcenter überflüssig macht. "Wenn die letzten Arbeitsplätze vernichtet sind, dann werdet ihr alle merken, dass man eure iPads nicht essen kann", kritisierte Leser Christoph Eisenmann die Entwicklung und schloss mit einem ironischen "Fortschritt über alles".

Er ist garantiert nicht der einzige, der sich über die Auswirkungen der rasanten technischen Entwicklung auf die Arbeitsplatzsituation Sorgen macht. Dass Betroffene nicht unmittelbar begeistert davon sind, wenn Smartphone-Apps, Algorithmen oder Roboter ihnen ihre Jobs wegnehmen, ist nachvollziehbar.

Wissenschaftler sind sich uneinig darüber, inwieweit Informationstechnik mehr Arbeitsplätze zerstört, als durch sie in neuen Branchen geschaffen werden. Historisch hat zwar jeder strukturelle oder technologische Wandel statt zu einer anfänglich befürchteten Vernichtung lediglich zu einer Verschiebung von Jobs geführt, andererseits war keine Veränderung in der Vergangenheit derartig radikal und weitreichend wie die durch IT, das Internet und die Digitalisierung verursachte. Ein Blick zurück ist deshalb kein zuverlässiges Instrument für eine Prognose.

Die Automatisierung schreitet voran

Die weltweite Vernetzung und die Allgegenwärtigkeit von mobilen Computern, zunehmend leistungsfähige künstliche Intelligenz und selbstlernende Maschinen sorgen dafür, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ein signifikanter Teil der heute noch menschliche Arbeit erfordernden Tätigkeiten automatisiert werden kann - und, sofern es mit Kostenersparnissen verbunden ist, auch wird. Und während die Welt zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren vor einer Wirtschaftskrise steht und in den meisten Ländern (mit seltener Ausnahme von Deutschland) die Arbeitslosigkeit steigt, freuen sich IT-Experten über Rekordlöhne und die enorme Nachfrage nach ihrer Kompetenz.

Wie sich die Zahl klassischer Arbeitsplätze entwickeln wird, ist schwer zu prognostizieren. Sicher erscheint aber eines: Der Bedarf an menschlicher Arbeit wird sich in den kommenden Dekaden radikal und auf bisher nicht erlebte Art verändern. Jede Tätigkeit, die sich durch regelmäßig wiederholende Handgriffe oder Interaktionsschritte auszeichnet und wenig Kreativität und Empathie erfordert, wird eines Tages von Computern/Maschinen ausgeführt werden können.

Computer übernehmen lästige Tätigkeiten - wir können es aber nicht genießen

Unser Problem: Aufgrund der Gestaltung unseres gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Systems können wir diese Tatsache nicht als das betrachten, was sie eigentlich ist: ein Grund zum Feiern.

Für die meisten Menschen ist ihre Arbeit keine Freude, sondern ein notwendiges Übel. Es herrscht Konsens darüber, dass ein ungeliebter Job besser ist als gar keine Anstellung. Die Zahl derjenigen, die tatsächlich ihren Traumjob gefunden haben, dürfte weltweit im niedrigen einstelligen Prozentbereich oder gar nahe null liegen. Hunderte Millionen Arbeiter schuften unter widrigsten Umständen und mit minimaler Entlohnung. In der westlichen Welt sind derart unmenschliche Arbeitsverhältnisse zwar glücklicherweise weitgehend verschwunden, doch eine wirkliche Erfüllung bieten auch hier nur wenige Stellen.

Das Problem der Arbeitslosigkeit ist nicht die Tatsache, dass Menschen auf einen Schlag nicht mehr mit den Dingen arbeiten können, die sie ohnehin als frustrierend und demotivierend empfunden haben, sondern dass daraus im aktuellen System eine Existenzbedrohung resultiert.

Die Angestellten in der Taxizentrale, deren Tätigkeit durch myTaxi bedroht wird, sorgen sich nicht über die Tatsache, dass sie dann nicht mehr für die nächsten 35 Jahre tagtäglich acht Stunden Taxibestellungen vermitteln können, sondern über die Auswirkungen auf ihre finanzielle Lage und ihren sozialen Status.

Der technische Fortschritt erzwingt eine neue Sicht auf Arbeit

Informationstechnologie und der damit verbundenen, sich multiplizierende technische Fortschritt zwingen uns dazu, eine neue Sicht auf Arbeitslosigkeit sowie ein neues System zur monetären Existenzsicherung der Menschen zu entwickeln. Technologie ermöglicht es uns erstmals, all die Arbeiten nicht mehr verrichten zu müssen, die in den vergangenen tausenden von Jahren die Lebensqualität verringert haben. Technologie ermöglicht es Menschen, nicht mehr 40 Stunden pro Woche mit Dingen verbringen zu müssen, die sie krank machen, ihnen nachts Albträume bereiten und die dafür sorgen, dass sie nur (maximal) zwei von sieben Wochentagen wirklich genießen können.

Arbeit ist für viele zu einem Selbstzweck geworden, ohne dass wir noch darüber nachdenken, was wir da machen und welchen nachhaltigen Effekt die Tätigkeiten eigentlich haben.

Der unumkehrbare technische Fortschritt, die unausweichliche Automatisierung und der nicht mehr zu stoppende Wegfall von monotoner, keinen tieferen Sinn beinhaltender menschlicher Arbeit ist ein Segen, kein Fluch. Wenn wir es zulassen!

Bedingungsloses Grundeinkommen als Antwort auf die Entwicklung

Voraussetzung ist ein völlig neues System der Existenzsicherung, das partiell von der menschlichen Arbeitsleistung losgekoppelt ist. Nur so wird es möglich sein, Millionen von Menschen die sie sonst zerfressende Furcht vor den bevorstehenden, tiefgreifenden Veränderungen zu nehmen. Das Bedingungslose Grundeinkommen ist mehr als ein utopischer Gedanke von Sozialromantikern. Ohne an dieser Stelle auf dessen Für und Wider eingehen zu wollen: Kritiker des Bedingungslosen Grundeinkommens müssen alternative Lösungsvorschläge für die Abläufe in einer automatisierten Welt liefern, in der menschliche Arbeit im traditionellen Sinn und das daraus resultierende Einkommen nicht mehr länger den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern.

Technologie wird es der Menschheit zum ersten Mal ermöglichen, ihre Zeit mit den Dingen zu verbringen, die ihnen wichtig sind, für die sie eine Leidenschaft mitbringen und die es ihnen erlauben, sich selbst zu verwirklichen - während ihre Grundbedürfnisse durch intelligente Maschinen gesichert werden. Besteht die Gefahr, dass Menschen faul werden und verkümmern, wenn sie niemand mehr um 6:00 Uhr früh dazu zwingt, zu ihrer mitunter gehassten Arbeit zu fahren? Vielleicht ja, vielleicht nein. Ob dies so kommt, liegt in unserer Hand und hängt von der Gestaltung der neuen Strukturen ab.

Wo wir ansetzen sollten

  • Wir sollten uns verinnerlichen, dass der technologische Fortschritt primär die Arbeit überflüssig macht, die Menschen wenig Stimulation und Selbstverwirklichung bietet.
  • Wir sollten erkennen, dass der technologische Fortschritt uns dazu zwingt, unsere Sichtweise auf den Stellenwert von zum Selbstzweck gewordener herkömmlicher Arbeit zu überdenken und zu erneuern.
  • Wir sollten damit beginnen, den Begriff der Arbeitslosigkeit zu neutralisieren. Das ist schwierig, wird lange Zeit in Anspruch nehmen und kann nur funktionieren, wenn Arbeitslosigkeit nicht mehr mit einer existenzbedrohenden Situation verbunden ist
  • Wir sollten uns von sämtlichen Ideologien befreien, die uns an diesem unausweichlichen Umbau hindern.

Wir stehen für die nächsten 50 Jahren vor gewaltigen Herausforderungen, um den Planet Erde für nachfolgenden Generationen als attraktiven Ort zum Leben beizubehalten. Bisher jedoch fehlte den meisten Menschen die Zeit und Energie, sich um die wirklich wichtigen Themen zu kümmern - sei es Umwelt- und Naturschutz, Entwicklungshilfe, Forschung und Lehre, soziales Engagement etc. Die Automatisierung von Tätigkeiten, die allein einem Selbstzweck oder der Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse dienen, setzt die Ressourcen frei, die wir als Gesellschaft benötigen, um den Problemen der Zukunft begegnen zu können.

(Foto: Flickr/ste3ve, CC-Lizenz)

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