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26.06.12

Für mehr Filme und Serien im Originalton: MyVideo inspiriert die Konkurrenz

MyVideo, das Videoportal von ProSiebenSat.1, zeigt vermehrt US-Serien als Erstausstrahlung und bietet dabei neben der synchronisierten Fassung auch die Version im Originalton an. Dies sollte den Wettbewerb inspirieren.

Es gibt viele Gründe, der Filmsynchronisierung kritisch gegenüber zu stehen. Im Vergleich zu Ländern mit TV-Inhalten im Originalton (OT) schlechtere Englischkenntnisse bei der Bevölkerung, inhaltliche und auch politische Zensur sowie die Vermittlung eines Weltbilds, bei dem Menschen in jedem Land dieses Planeten so zu ticken scheinen wie daheim, sind einige davon. Doch der Gedanke, dass im deutschsprachigen Free-TV Serien und Filme nicht mehr synchronisiert sondern stattdessen im OT mit Untertiteln gezeigt werden, erscheint bislang utopisch. Für den Großteil der Zuschauer wäre es eine enorme Umstellung, die Beschwerden, Protest und fallende Einschaltquoten nach sich zöge - erst recht, wenn die Veränderung von den Senderketten erzwungen würde. Wenn sich also etwas ändern sollte, dann kann dies nur Schritt für Schritt durch das Internet geschehen. Speziell jüngere Generationen werden durch YouTube, soziale Netzwerke und andere Portale mit Bewegtbildcontent heute schon deutlich stärker an fremdsprachliche Inhalte herangeführt - selbst wenn es sich dabei häufig nur um kurze Clips mit mehr oder weniger sinnvollen Dialogen handelt. Um OT-Material herum kommt auch nicht, wer sich auf (zumeist) illegalen Wegen US-Serien und -Filme aus dem Netz besorgt, die hierzulande noch gar nicht laufen. An legalen Videoangeboten im Netz mit hohem OT-Anteil an Mainstreaminhalten -mangelte es bisher in Deutschland. Obwohl die notwendigen Rechte für OT-Inhalte deutlich günstiger erworben werden können.

Doch vor einiger Zeit erkannte das zu ProSiebenSat.1 gehörende Videoportal MyVideo diese Marktlücke und begann damit, US-Serien, deren Eignung für das herkömmliche Programm der Senderkette noch nicht erwiesen war, kostenfrei online zu zeigen - sowohl in einer synchronisierten Fassung als auch im Originalton. Den Anfang machte die Serie Sons of Anarchy, daraufhin folgte "Spartacus: Blood and Sand". 15 Millionen Mal wurde die Serie über den römischen Gladiator auf dem Videoportal abgerufen, im Durchschnitt mehr als eine Million Views pro Abschnitt. Laut FAZ entfielen 1,5 Millionen Views auf Episoden im OT. Noch nicht viel, aber allein die Tatsache, dass MyVideo Zuschauern die Wahl lässt, verdient ein Lob. Denn es geht nicht darum, Anhängern der Synchronisierung ihren Serien- und Filmspaß zu vermiesen, sondern denen eine Alternative zu bieten, die sich an übersetzten Versionen stören.

Besonders die Resonanz auf Spartacus war so gut, dass MyVideo jetzt die Ausstrahlung der zweiten Staffel als Vorabpremiere im Internet ankündigte. Die zehn Folgen von "Spartacus: Vengeance" können On-Demand und kostenfrei, da werbefinanziert, ab dem 27. Juli auf MyVideo angeschaut werden. Die Free-TV-Premiere erfolgt dann einen Monat später. MyVideo-Chef Markan Karajica gab gegenüber der FAZ an, fünf bis sieben Online-Erstausstrahlungen pro Jahr zu planen. In der heutigen Pressemitteilung zur neuen Spartacus-Staffel bezeichnet das Videoportal die Online-Premiere der erste Staffel als "Überraschungserfolg". Offenbar hatte man selbst nicht mit einem derartigen Ansturm der Zuschauer gerechnet. Er zeigt jedoch, dass im Jahr 2012 ein verbreitetes Interesse an ausländischen Inhalten existiert, die hierzulande im Free-TV noch gar nicht beworben beziehungsweise etabliert wurden.

Es ist sehr wahrscheinlich und gleichermaßen zu hoffen, dass das Beispiel MyVideo andere hiesige Medienanbieter inspirieren wird, es ebenfalls mit Erstausstrahlungen im Web zu versuchen und dabei den OT als Option anzubieten. Auch US-Videoplattformen wie Hulu und Netflix bekommen nun vorgeführt, dass es durchaus möglich wäre, im deutschen Sprachraum zu starten, selbst wenn man zu Beginn nur (OT-)Inhalte anbieten würde, die hierzulande bisher nicht im TV gezeigt werden. Allerdings ist offen, zu welchen Bedingungen diese neuen Player im Markt entsprechende Lizenzrechte erwerben müssten.

Man kann nicht ausschließen, dass das lineare Einbahnstraßen-Fernsehen verschwunden ist, bevor die Nachfrage nach Inhalten im Originalton eine für Free-TV und dessen Werbekunden attraktive Dimension erreicht hat. Doch von heutigen und künftigen Onlinevideoangeboten mit qualitativen Bewegtbildinhalten ist zu wünschen, dass sie sich MyVideo zum Vorbild nehmen und künftig ihren Zuschauern die Wahl zwischen einer synchronisierten und einer OT-Fassung bieten, sofern damit die Lizenzkosten nicht explodieren (was aufgrund des deutlich kleineren Marktes nicht der Fall sein sollte). Das gilt für andere Private genauso wie für die Öffentlich-Rechtlichen sowie auf das Web spezialisierte Plattformen.

Wer nur synchronisierte Filme kennt, wird den Wunsch nach OT vielleicht nicht verstehen können. Jeder, der jedoch eine Gewöhnung an OT-Inhalte erlebt hat, weiß, wie schwer es danach ist, in Filmen trotz unterschiedlicher Schauspieler die immergleichen Stimmen ertragen zu müssen, deren Sprache überhaupt nicht zu den Mundbewegungen passt und deren eingedeutschten Witze so gar nicht lustig sein wollen. Vielleicht sorgt ein breiteres Angebot an OT-Content wie jetzt bei MyVideo dafür, dass mehr Menschen erkennen, wie sehr die Synchronisierung die Stimmung und Handlung eines Films zerstören kann. Denn bisher wurde die Synchronisierung vor allem aus einem Grund nicht in Frage gestellt: Weil nur sehr wenige Menschen mit dem OT überhaupt in Berührung kamen.

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