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10.10.08

FTD, Welt, FAZ: Schlachtschiffe in der Zeitenwende

Was schreiben die ideologischen Leitmedien des Neoliberalismus? Die Richtung, in der ihre Schreiber jetzt das untergehende Schiff zu verlassen trachten, ist ganz unterschiedlich ...

Börsenticker in New York: Diskursives Debakel (Keystone)

Die Financial Times Deutschland, die Frankfurter Allgemeine und Die Welt durfte man mit Fug und Recht allesamt als ideologische Schlachtschiffe des Neoliberalismus in Deutschland bezeichnen. Ganz unterschiedlich aber ist die Richtung, in der ihre Schreiber jetzt das untergehende Schiff zu verlassen trachten.

Wolfgang Münchau ist Associate Editor der Financial Times und gründete Anfang des Jahrtausends die Financial Times Deutschland mit. Er vertraut primär auf das sprichwörtlich kurze Gedächtnis des Publikums. So, wenn er behauptet, dass er als untrügliches Finanzorakel die große Krise immer schon geweissagt habe. Dass er nur ihre Heftigkeit unterschätzt habe:

 

"Ich habe diese Krise zwar prognostiziert, habe im Gegensatz zu Nouriel Roubini von der Stern School of Business in New York und anderen Pessimisten das schlimmste Szenario bislang aber für unwahrscheinlich gehalten."

Überhaupt seien - so Münchau - ja nicht die Banker und Broker für das Chaos verantwortlich, sondern einzig und allein die üblichen Verdächtigen aus dem neoliberalen Kasperltheater, also die Politiker und die Bürokraten. Und schon fährt der Münchau'sche Tanker wieder stramm auf liberalem Kurs:

 

"Unseren Politikern geht es hier nur noch darum , wer entscheidet und wer nicht. Es sind vorwiegend private Interessen - für die der Steuerzahler jetzt aufkommen muss. Wenn wir wirklich in Seenot geraten, dann können Sie darauf wetten, dass unsere Skipper den Kahn mit großem Getöse auf Grund setzen."

Dumm ist nur, dass sich wirre Thesen bei Schreibern leicht überprüfen lassen. Immerhin hat eben der gleiche Wolfgang Münchau vor zwei Jahren eine Bibel neoliberaler Marktideologie verfasst, die im Jahr 2006 in erster Auflage bei Hanser erschien.

Hier predigte er den anglosächsischen Radikalkapitalismus sans phrase, er wetterte gegen jeden Staatseingriff, forderte die Abschaffung aller Sozialkomponenten in der Gesellschaftsarchitektur und wollte völlig deregulierte Märkte auch im Finanzbereich - bzw. wollte er einen 'modernen Finanzsektor' statt der verschnarchten deutschen 'Universalbanken' (S. 108 ff), für deren Existenz wir heute Gott danken. Krisen kamen in einem solchen Modell, das in 'god's own country' heute die Krise antreibt, gar nicht mehr vor - es war ein Modell ewigwährenden Fortschritts. Von einem Propheten der Krise, als den sich Münchau nun inszeniert, ist 2006 jedenfalls nichts zu spüren. Als 'Krise' galt ihm noch das, was wir heute als Rettungsanker betrachten:

 

"Es darf kein Gesetz erlassen werden, das Eigentumsrechte einschränkt. Aktionäre entscheiden über ihr Unternehmen, nicht Aufsichtsräte. Staatliche Institutionen unterhalten keine Banken. Der Finanzsektor in einem solchen System [= der endlich beendeten Sozialen Marktwirtschaft] ist privatisiert und weitgehend dereguliert. Die Regulierung dieses Sektors erfolgt nach internationalen [ = angloamerikanischen] Gepflogenheiten".

Kurzum: Wolfgang Münchau übt noch an seiner neuen Rolle, er beherrscht den Tonfall nicht und ist hinter seiner Zeit zurück - betrachtet man die Inkonsistenz seiner Thesen, das altbaksche Vokabular, die abgenutzten Pappkameraden und die wild herumsensenden Schwinger eines Leitartikels, der keinen real existierenden Gegner trifft. Aus dem Neoliberalismus folgt hier die Don-Quichotterie ...

Anders, wiewohl nicht angenehmer, verfährt der ehemalige K-Grüppler Alan Posener, bis 2008 Kommentarchef für die Welt am Sonntag. Wenn man so will, ist er der 'oberste Welterklärer' des Springer-Konzerns. Posener versucht sich an einem pars pro toto: die kleine Investmentbank stünde für das große Ganze - gewissermaßen seien wir charakterlich doch alle kleine Broker, wir alle wären von jener Gier besessen, nach der auch die Wall Street so unwiderstehlich duftet:

 

"Wer die Gier verurteilt, verurteilt den Kapitalismus. Das ist absurd. Denn der Wunsch, mehr zu verdienen und besser zu leben, hat der Welt einen Wohlstand beschert, der vor 100 Jahren unvorstellbar erschien. Daran ändert auch die überall gegenwärtige Finanzkrise nichts: Gier ist geil."

Solche steilen Thesen klingen zwar zunächst ebenso schmissig wie altmodisch, einige unverbesserliche Koksnasen mögen dazu noch immer Beifall klatschen. Aber sie passen nun mal nicht mehr in die Zeit, denn die ist inzwischen fortgeschritten. Der absehbare Effekt dieses nassforschen Daherdelirierens: Alan Posener, der unbeeindruckt die neoliberale Amoral weiterhin genüsslich als Fortschrittsmotor zelebrieren wollte, der fing sich damit einen der längsten Rattenschwänze an Kommentaren in der jüngeren deutschen Redaktionsgeschichte ein (was zugleich zeigt, wie diese neuen dialogmedialen Kommunikationsstrukturen sich auswirken - unzensiert werden die Massenmedien zu Orten schonungsloser Debatte):

 

"Der Autor des möge seine nass-forsch-frechen und Lernresistenz in größtem Ausmaß offenbarenden Weisheiten doch einmal einer Rentnerin mitteilen, die einem provisionsgierigen Kundenberater aufgesssen ist, der ihr Lehman-Zertifikate als sichere Anlage verkauft hat. Dieser Artikel ist Zeichen derselben Gesinnung, die die Krise herbeigeführt hat, die jetzt schon Millionen Menschen den Boden unter den Füßen entzogen hat. Das solche Zeilen in der "Welt" erscheinen dürfen, ist ein Zeichen geistiger Armut für diese Zeitung" (8. 10. 13:59 Uhr).

Immerhin - Die Welt hat in das diskursive Debakel, in den argumentativen Bankrott ihres obersten Kommentators nicht redigierend eingegriffen. Das sei ihr hoch angerechnet.

Eine wirkliche Zeitenwende dagegen fand in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung statt. Nils Minkmar, FAS-Redakteur und Mitglied der Montaigne-Gesellschaft, schrieb hier einen ultimativen Schwanengesang auf den abklingenden Neoliberalismus - in einer Zeitung, die bisher selbst durch und durch als neoliberal galt. Die Frage ist jetzt, ob dieser Text eine Eintagsfliege bleibt, ob man sich damit nur mal einen 'Ausreißer' gegönnt hat, um später wieder auf das Diktat der Wirtschaftsredaktion einzuschwenken. Falls nicht, könnte unsere gute alte FAZ wirklich zum Sprachrohr einer neuen Zeit avancieren, spätere Fusion mit der taz nicht ausgeschlossen:

 

"Das Geld kam, so das Märchen, nicht von Patriarchen, es kam ohne Gewerkschaft und ohne Partei, nachts in den Büros wurde es digital gezeugt und durch die Nase gezogen. Und später – das war der zweite, unaufregende Teil der Geschichte, den man, wie Faust zwei, abnickte – ist noch was für alle da. Die Superreichen lassen es herabrieseln, wie Sternenstaub, und auf dem steigen dann die Armen empor, sie sitzen nicht mehr den ganzen Tag zu Hause oder stehen spät auf, sie dürfen ins Call-Center oder ein Nagelstudio betreiben und morgens die Faust ballen, wenn sie Kaffee im Becher über die Bürgersteige befördern. Dieses letzte Kapitel war mit „Agenda 2010“ überschrieben. ... Nur Streber fragten: Gibt es das wirklich? Geld, das von oben nach unten rieselt? Die Antwort war: Wenn du ganz fest daran glaubst."

Der Mann hat nicht nur recht, er schreibt auch noch gute Literatur.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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