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07.04.10

friendticker: Welche Chancen hat der deutsche Foursquare-Klon?

US-Dienste wie Foursquare und Gowalla dominieren den noch kleinen, aber wachsenden Markt mobiler, ortsbezogener sozialer Netzwerke. Auch in Deutschland. Der Berliner Dienst friendticker möchte das ändern.

Ortsbezogene Social Networks für Mobiltelefone sind einer DER Trends dieses Jahres. Foursquare und Gowalla , Loopt und Brightkite, MyTown und Rummble heißen einige der bekanntesten Dienste, die - teilweise noch regional begrenzt - das Netzwerk-Erlebnis mit den aktuellen Aufenthaltsorten verknüpfen und erweitern.

Wie so oft kommen die führenden Anbieter im Bereich der "Location Based Services" (LBS) aus den USA. Speziell Foursquare und Gowalla gelang es in den letzten Monaten, ihren Nutzerkreis über die hartgesottenen Social-Media-Geeks hinaus langsam zu erweitern.

Erste Ansätze in die boomende LBS-Richtung gibt es zwar auch bei Startups aus dem deutschsprachigen Raum - aka-aki , dailyplaces ( Review ) oder Tagcrumbs (Review) seien als Beispiele erwähnt - aber insgesamt scheint es bisher nicht so, als wenn hiesige Webanbieter im größeren Stil vom Buzz rund um mobile, ortsbezogene Networks profitieren können. Stattdessen stehen auch bei neugierigen Nutzern aus dem deutschen Sprachraum die schon vergleichsweise etablierten US-Services, allen voran Gowalla und Foursquare, hoch im Kurs.

Doch ein weiteres Startup aus Deutschland möchte dies nun ändern: friendticker aus Berlin schickt sich an, den Übersee-Anbietern zumindest in Teilen Europas den Wind aus den Segeln zu nehmen.

friendticker ist das erste echte Foursquare-Pendant aus Deutschland: Über die friendticker-Applikation für das iPhone (Android in Planung) haben Nutzer die Möglichkeit, unterwegs in Restaurants, Bars, Clubs, Läden und anderen Örtlichkeiten einzuchecken und dadurch ihren Kontakten zu signalisieren, wo sie sich gerade befinden. Je häufiger User einen Check-In tätigen, desto mehr Punkte erhalten sie und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, "Präsident" einer Location zu werden.

Aktiven Nutzern verspricht friendticker Belohnungen in Form von virtuellen und realen Geschenken. Vorstellbar wäre hier zum Beispiel ein Gratisgetränk in einer Bar, sofern diese sich auf ein Sonderangebot für friendticker-Benutzer mit vielen Check-Ins einlässt.

Genau genommen ist friendticker also ein waschechter Foursquare- oder Gowalla-Klon. Und auch wenn damit der deutsche Hang zum Kopieren erfolgreicher Webkonzepte aus den USA einmal mehr manifestiert wird, macht man es sich zu leicht, friendticker deshalb sofort als einfallslose Copycat abzustempeln - zumal Foursquare & Co selbst stark von anderen Anbietern abgeguckt haben.

Während manch eine Kopie eines US-Dienstes auch entsprechend schnell und mit wenig Liebe zusammengefrickelt wirkt, strahlt friendticker durchaus Selbstbewusstsein und Energie aus: Ein für meinen Geschmack extrem ansprechendes Design der Website, eine Facebook Connect-Anbindung, Zweisprachigkeit (Deutsch und Englisch) sowie erste lokale Kooperationen wie mit dem dem Twittwoch Berlin hinterlassen einen positiven Eindruck. Und sie verdeutlichen, warum der Einsatz eines deutschen LBS-Dienstes für hiesige Nutzer tatsächlich sinnvoller sein kann als der eines ausländischen Rivalen:

Für ein in Berlin ansässiges Unternehmen ist es einfacher, Partnerschaften mit lokalen Händlern und Gastronomen einzufädeln, um den mobilen Social-Web-Usern endlich das zu bieten, worauf sie bei Foursquare und Gowalla bisher in Deutschland verzichten müssen: Echte physische Belohnungen und Freebies für eifriges Einchecken.

Doch obwohl friendticker mit attraktiven Belohungen in Deutschland (und den wenigen, bisher verfügbaren Städten im Ausland wie Zürich, Genf oder Barcelona) durchaus gegen Foursquare, Gowalla & Co punkten könnte, bleibt die Frage nach der langfristigen Perspektive.

Das Web ist global und früher oder später tendieren soziale Netzwerke dazu, entweder alle Nutzer in vielen Ländern auf sich zu vereinen, oder in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. studiVZ war über Jahre das tonangebende Social Network in Deutschland, geriet jedoch in letzter Zeit durch die Ausbreitung von Facebook hierzulande immer stärker unter Druck - Zukunft ungewiss.

Selbst wenn es friendticker also gelänge, in den nächsten Monaten den mittel- und westeuropäischen LBS-Markt einzunehmen, wäre dies womöglich nur ein temporärer Sieg: Denn früher oder später wird einer der etablierten US-Services erste Büros auf dem alten Kontinent öffnen, genau so wie es Facebook getan hat - und würde damit schnell zu einer echten Gefahr werden.

Hier verdeutlicht sich das Dilemma vieler hiesiger Startups: Den Aufbau eines nationalen Konkurrenten erst gar nicht zu versuchen, wäre im Nachhinein womöglich eine vertane Chance. Wer es aber tut, trifft früher oder später auf einen Wettbewerber aus Übersee. Diese sind oft funktionell innovativer und finanziell besser ausgestattet, was die eigenen Erfolgsaussichten deutlich reduziert.

friendticker täte gut daran, jetzt alles auf möglichst viele Kooperationen in den Kernmärkten zu setzen, seine Nutzer mit echten Gratisprodukten für ihre Aktivitäten zu belohnen und den Dienst rechtzeitig zu verkaufen - entweder an ein Medienhaus, das aus irgendwelchen Gründen der Überzeugung ist, ein langfristiges strategisches Investment zu tätigen, oder aber an einen US-Konkurrenten. Dann wäre die Rechnung aufgegangen.

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