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17.08.10

FriendCaller: Das deutsche Skype

FriendCaller aus Werl bei Dortmund erlaubt kostenlose VoIP-Gespräche sowie günstige Telefonate in Fest- und Mobilfunknetze. In einigen Punkten hebt sich der Dienst sehr positiv vom großen Wettbewerber Skype ab.

 

Es gehört schon eine gewisse Portion Mut dazu, einen auf private Nutzer abzielenden VoIP-Service zu starten, mit dem vom heimischen Computer aus sowohl kostenlose Gespräche mit Freunden als auch günstige Anrufe in internationale Fest- und Mobilfunknetze möglich sind. Denn genau das macht Skype, der globale Marktführer unter den VoIP-Diensten mit 560 Millionen registrierten Konten und 124 Millionen aktiven Anwendern monatlich.

Doch das hat ein junges Unternehmen aus Werl in Nordrhein-Westfalen nicht daran gehindert, mit FriendCaller einen eigenen Skype-Konkurrenten an den Start zu schicken. Und offensichtlich glauben neben den Gründern auch Investoren an das Vorhaben: Gestern berichtete deutsche-startups.de, dass der Dienst rund zwei Millionen Dollar an frischem Kapital erhalten hat (warum die Summe in Dollar und nicht in Euro angegeben wird, ist unklar).

Der signifikanteste Unterschied zu Skype besteht darin, dass FriendCaller keine Desktop-Software erfordert sondern über ein Java-Aplett direkt im Browser funktioniert. Wer Java auf seinem Rechner installiert hat, kann nach der Registrierung sofort mit FriendCaller telefonieren und muss nicht extra einen VoIP-Client herunterladen. Anrufe zu anderen FriendCaller-Nutzern sind gratis, zum Start erhält man außerdem 10 Cent für einen Testanruf auf einen Fest- oder Mobilfunkanschluss.

Natürlich kann es sinnvoll sein, FriendCaller permanent im Hintergrund offen zu haben, um keine eingehenden Gespräche zu verpassen. Wer sich mit der Browserversion nicht begnügt, kann das Java-Aplett auch auf seinen Desktop laden.

FriendCaller scheint die wichtigsten Telefonie-Features zu beinhalten, allerdings im Funktionsumfang nicht an die Vielseitigkeit von Skype heranzureichen (Konferenzen mit mehreren Nutzern scheinen zum Beispiel nicht möglich zu sein).

Dafür bietet FriendCaller ein anderes Highlight: Über den Einladen-Button kann man beliebige User per Mail zu einem kostenlosen VoIP-Gespräch einladen - auch wenn diese nicht bei FriendCaller registriert sind. Nachdem sie auf den entsprechenden Link in der Mail geklickt haben, öffnet sich die FriendCaller-Website mit dem Java-Aplett und initiiert das Telefonat. Zur Abwicklung der VoIP-Gespräche setzt FriendCaller auf das SIP-Protokoll sowie eigene Technologie.

Für die mobile Nutzung gibt es eine iPhone- und eine Android-App, die VoIP-Telefonate über WiFi und auch über 3G erlauben (beim iPhone 3G nur über WiFi), sofern es euer Mobilfunkanbieter nicht blockiert hat. Mein erster Eindruck der iPhone-App ist, dass diese (auf meinem iPhone 3G) deutlich schneller und gelenkiger wirkt als die Skype-Anwendung für das iPhone. Besonders praktisch ist, dass die iPhone-App das Aufladen des FriendCaller-Guthabens per "In-App-Purchase" ermöglicht, also via Abbrechnung über den Apple App Store.

Die mobilen Apps beherrschen auch Push - leider hatte ich (mangels FriendCaller-Kontakten) noch keine Möglichkeit, dieses Feature auszuprobieren, insofern ist unklar, ob dies nur Instant Messages oder auch eingehende Telefonate umfasst. - sowohl für Instant Messages als auch für eingehende Gespräche. Bei Skype fehlt Push-Funktionalität bisher komplett.

FriendCallers womöglich größter Vorteil liegt in der Transparenz der Preise für Anrufe auf Fest- und Mobilanschlüsse. Während Skype in letzter Zeit alles dafür tut, um seine Gebührenstruktur so unübersichtlich und verwirrend wie möglich zu gestalten, passt das Preismodell von FriendCaller auf einen Bierdeckel: Je nach angerufener Nummer fällt eine Gebühr pro Minute an, Kosten für den Verbindungsaufbau (wie bei Skype) gibt es keine. Auch scheinen die durchschnittlichen Gebühren pro Gesprächsminute bei FriendCaller unter denen von Skype zu liegen.

Löblich ist, wie FriendCaller neben dem Eingabefeld für eine Telefonnummer einen mit "i" gekennzeichneten Button anzeigt, der bei einem Klick über die anfallenden Minutenkosten zur jeweiligen Nummer informiert. Von einer derartigen Transparenz kann man bei Skype nur träumen.

Ob FriendCaller das Potenzial besitzt, dem großen Konkurrenten loyale User abspenstig zu machen, ist schwer zu sagen. Es wäre verwunderlich, wenn ein kleines Startup aus Deutschland mit einer handvoll Mitarbeitern in puncto Funktionsvielfalt mit einem Riesen wie Skype mithalten könnte. Andererseits setzt FriendCaller an zwei entscheidenden Punkten an: Eine sympathischere Preisstruktur sowie die Möglichkeit, das Tool direkt im Browser zu verwenden. Auch das Feature, mit Nicht-FriendCaller-Usern zu telefonieren, hat seinen Charme (und erinnert an den "No-Frills"-VoIP-Dienst fonie.de).

Ich bin sehr gespannt, wie FriendCaller, das auch in einer englischen, französischen und italienischen Version angeboten wird, das frische Kapital einsetzt. Womöglich entsteht hier ja gerade ein neuer deutscher Stern am internationalen Webhimmel. Es wäre sehr erfreulich.

Link: FriendCaller

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