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08.06.11

Frauenmangel in der Internet- und Startup-Branche: Von Gründerinnen und Rollenbildern

Über die Frage, wieso es in der Web- und Startupwelt so wenig Frauen in entscheidenden Positionen gibt, lässt sich vortrefflich diskutieren. Ein wichtiger Punkt, nämlich die stetige Präsenz wenig in Frage gestellter Rollenbilder, fällt dabei gerne unter den Tisch.

 

Flickr/Safety Neal, CC-Lizenz

Der Internetbranche mangelt es an weiblichen Gründern sowie an Frauen in Schlüsselpositionen. Dieses Dilemma haben wir in den letzten Monaten bereits einige Male beleuchtet. Die Webwelt wird von Männer gestaltet, obwohl auf Nutzerseite ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis herrscht. Dass durch den Frauenmangel Potenzial, Know-how und Kreativität ungenutzt bleiben - mit direkten wirtschaftlichen Folgen - ist eindeutig.

Janka Schmeißer von der auf das Onlinegeschäft spezialisierten Personalagentur i-potentials hat bei Gründerszene in einem Gastbeitrag die Problematik abermals aufgegriffen und fasst einige mögliche Gründe für die geringe Startup-Affinität von Frauen kompakt zusammen.

Einen von ihr erwähnten Aspekt möchte ich an dieser Stelle noch einmal ganz besonders hervorheben, da ich glaube, dass er von vielen bewusst oder unbewusst verdrängt wird:Die Frage nach der gesellschaftlich anerkannten Rollenverteilung, besonders in Hinsicht auf die Kindererziehung. Als jemand, der nun insgesamt seit über fünf Jahren in Schweden lebt, denke ich, hier mit einer Perspektive von außerhalb Denkanstöße geben zu können.

Die nordischen Länder besitzen die größte Chancengleichheit

Schweden ist bekanntlich eines der Länder, das hinsichtlich der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau am weitesten vorangekommen ist. Während zwar auch in dem skandinavischen Land noch lange keine absolute Chancengleichheit herrscht, so rangiert es laut Weltwirtschaftsforum global immerhin auf dem vierten Platz  - hinter Island, Norwegen und Finnland. Deutschland landet auf dem 13. Rang (von 134 untersuchten Ländern).

Die nordischen Ländern zeichnen sich demnach vor allem dadurch aus, dass viele Frauen arbeiten, durch geringe Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern, gute Aufstiegschancen für Frauen sowie durch höhere Geburtenraten als in anderen Wirtschaftsnationen.

Abwesenheit von traditionellen Rollenbildern

Einflussfaktoren hierauf gibt es zahlreiche. Einen ganz wesentlichen stellt meines Erachtens nach das vergleichsweise gering ausgeprägte Rollenverständnis in Hinsicht auf die Geschlechter dar. In Stockholm, wo ich wohne, ist es tabu, Individuen aufgrund ihres Geschlechtes zu sehr in bestimmte, traditionelle Rollenmuster zu pressen. Ich weiß nicht, wann die in der Vergangenheit sicher auch in Schweden existente Vorstellung verschwand, dass der Mann arbeiten geht und die Frau den Haushalt schmeißt und sich um die Kinder kümmert, aber heutzutage ist er im Vergleich zu anderen Ländern - und definitiv zum deutschsprachigen Raum - weitgehend ausgerottet.

Die Folge: Es gilt zumindest im öffentlichen Diskurs als Selbstverständlichkeit, dass sich Mutter und Vater die Arbeit mit dem Kind teilen. Gerade in den Großstädten finden sich nur sehr wenige Frauen, die für sich eine klassische, mit einer längeren Auszeit und damit einem Karrierebruch verbundene Mutterrolle reklamieren.

Deutschland wird subtile Rollenmuster nicht los

Mittlerweile fällt mir bei jeder meiner Reisen nach Deutschland auf, wie sehr hierzulande die traditionelle Arbeitsaufteilung Frau = Mutter und Mann = Karriere in den Köpfen noch präsent ist. Das Gefährliche daran ist, dass sie eher subtil vorgetragen wird. Das fängt bei Werbespots an, in denen der Mann beim Autohändler einen Kleinwagen für die Frau kauft, und endet bei der von den Medien gerne als Vorbild propagierten "Powerfrau", der man doch großen Respekt zollen solle, weil sie Job, Haushalt und Kindererziehung gleichzeitig handhabt.

Ich behaupte nicht, dass es dieses Phänomen nicht auch in Nordeuropa noch gibt. Tatsache ist aber, dass der Konsens, Kindererziehung und Heim seien die Aufgabe beider Elternteile, deutlich weiter in den Alltag vorgedrungen ist als im deutschen Raum. Das belegen auch die Zahlen:

Laut Statistischem Bundesamt bezogen im Jahr 2009 96 Prozent der Mütter das Elterngeld, aber nur 23,6 Prozent der Väter - und drei Viertel davon nur für maximal zwei Monate. Auch in Schweden erhalten Frauen das dortige Äquivalent "Föräldrapenning" deutlich länger als Männer (nur 21 Prozent der Tage entfallen auf Väter), aber immerhin nimmt ein Großteil der Väter diese Möglichkeit wenigstens temporär in Anspruch: Immerhin 44 Prozent derjenigen, die in Schweden Elterngeld beziehen, sind Männer (Quelle, übersetzt).

Mehr Freiheit zur Selbstverwirklichung und Mut zum Risiko zulassen

Warum ist es in Hinblick auf das Ziel einer größeren "Diversity" im Startup- und Internetumfeld erstrebenswert, konservative Rollenmuster auch in den Köpfen aufzubrechen und Heim und Kind als eine Aufgabe anzusehen, für die Mann und Frau gleichermaßen verantwortlich sein sollten? Die Antwort hierauf ist einfach:

Jobs im Webbereich, gerade wenn man selbst gründet, sind arbeitsintensiv, kennen keine oder nur geringe Work-Life-Balance und erfordern häufig eine gesunde Portion Mut zum Risiko. Solange die meisten Frauen jedoch wissen, dass sie früher oder später vor dem berühmten Kind-oder-Karriere-Dilemma stehen werden, ist klar, dass dies die Entscheidung pro Gründung bzw. pro Startup-Stress nicht unbedingt positiv beeinflusst. In einem Szenario, in dem wir Kinder (abgesehen von der Schwangerschaft und Geburt) nicht automatisch als Aufgabe der Mutter ansehen, entstünde für viele Frauen deutlich mehr Freiheit zur Selbstverwirklichung und Raum für ambitionierte, auch mit Risiko behaftete Projekte.

Die Ursache behandeln, nicht die Symptome

Nun würde eine Demontage der latent vorhandenen Geschlechterstereotypen sicherlich nicht schlagartig zu einer Schar von weiblichen Unternehmern führen. Unterschiedliche Interessenlagen und Lebensziele werden weiterhin existieren. Zudem ist das Rollenverständnis (über das ich mir nicht einmal bewusst war, solange ich in Deutschland gelebt habe) tief in uns verankert und wurde (nach meinem Eindruck) nicht nur von Männern, sondern auch von vielen Frauen ganz einfach akzeptiert (oder zähneknirschend hingenommen).

Dennoch würde ein gesamtgesellschaftlicher Akt zur Eliminierung einiger das Zukunfts- und Entwicklungspotenzial hemmenden Klischees und Rollenbilder die notwendige Grundlage dafür schaffen, dass mehr Frauen ihre Ideen in die Tat umsetzen, Wagnisse eingehen und in Entscheiderpositionen vordringen können.

Frauen nicht mehr gedanklich nach Hause schicken

Solange wir als Gesellschaft also Mütter pro Kind gedanklich für mindestens zwei Jahre nach Hause schicken, können wir noch so viele Analysen über die Abwesenheit von Frauen in bestimmten Positionen und Branchen anstellen und daraus Maßnahmen ableiten. Es wäre nur eine Linderung der Symptome, aber keine Behandlung der Ursachen.

Im Jahr 2009 verdienten Frauen in Deutschland für gleiche Arbeit im Durchschnitt 23,2 Prozent weniger als Männer (Schweden schneidet mit 16,0 Prozent auch gar nicht so gut ab). Solange derartige Unterschiede herrschen, muss die Vorstellung einer vollständigen Aufteilung bei der Kindererziehung Utopie bleiben - denn so entsteht Familien mit jedem Monat, in dem die Frau arbeiten geht und der Mann mit dem Kind zu Hause bleibt, ein echter finanzieller Nachteil.

Hier sollte also unbedingt auf eine Schließung dieser Lücke hingearbeitet werden (die ja auch pikanterweise wieder teilweise aus der Vorstellung resultiert, dass Frauen ja irgendwann mit Kindern zu Hause sein müssen, während Männer durcharbeiten und damit die Firma weiter voranbringen könnten). Parallel muss ein Bewusstsein für diese Problematik geschaffen werden - die sich womöglich nur schwer identifizieren lässt, wenn man nicht den direkten Vergleich mit einer anderen Nation anstellt, die hier schon weiter ist. Sonst kommt es leicht zu dem Irrglaube, ein Land mit einer Frau an der Spitze der Politik müsse doch automatisch eine totale Chancengleichheit bieten.

Ich hoffe, mit diesem Artikel einen Beitrag zur Schaffung dieses Bewusstseins geleistet zu haben. Über Kommentare und Meinungen freue ich mich.

(Foto: Flickr/Safety Neal, CC-Lizenz)

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