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11.04.08

Frank A. Meyer: Lilliput putt ...

Wunschwelt-Blasen eines Linkspopulisten: Unser loser Streifzug durch die Welt der Alphajournalisten führt uns diesmal zu Frank A. Meyer, Chefpublizist bei Ringier.

Frank A. Meyer (Bild Keystone)
Für ein paar Minuten stand hier ein falsches Foto. Jetzt aber: Blochers Gegenspieler, Frank A. Meyer (Bild [M] Keystone)

Wer als Deutscher über die Schweiz schreibt, der kann eigentlich nur Verkehrtes sagen. Schließlich lässt sich auch die Geschichte des Denver-Clans nur aus der Binnenperspektive fehlerfrei aufdröseln. Ein seltsam verworrenes Land voller Ricola-Kräuterbonbons und granitener Bankfestungen, so erscheint es uns, wo inzwischen fast alle Bewohner für einen Milliardär schwärmen, der ihr Land ausländerfrei machen und in ein zweites Liechtenstein verwandeln möchte, in eine Insel mit drei Bergen (oder so), fern, möglichst fern von Europa –

Aber sind es denn wirklich alle Bewohner, die für diese Schlümpfe schwärmen? Nein, es sind dort vor allem jene Regionen, wo noch die Kuhglocken bimmeln und allnächtlich die Muren zu Tale rauschen, wo die Menschen allem Urbanen Valet sagen möchten, aber trotzdem twittern wollen. Ein einziger Held aber, ein republikanischer Winkelried, der stemmt sich wie der Berner Bär gegen die fortschreitende Provinzialisierung und die große SVP-Dampfwalze des Herrn Blocher. Das ist Frank A. Meyer, die graue Eminenz des Ringier-Presseimperiums. Ein leibhaftiger Linkspopulist!

Noch so ein komisches Wort: Linkspopulist. Zwar haben auch wir hier in Deutschland unseren Lafontaine, da aber wissen im Grunde doch alle, dass es sich in Wirklichkeit um einen Saarlouis und Villenbesitzer handelt, der nur so daherredet, weil er sich für einen komischen Job keilen ließ: Germany's Next Polit Model. In Wahrheit aber bleibt rinks bei ihm lechts, und so findet sich bspw. steuerbord von seiner Frau nur noch die CSU, während er sich backbords ungefragt an jene keifenden Vorruheständler ranschmeißt, die zwischen Asylbewerbern und Ackermann ausweisungstechnisch keinerlei Unterschied mehr machen möchten. Vorne Lenin, hinten Blocher - womit wir schon wieder beim Thema wären.

Denn in der Schweiz gibt es ihn wirklich, den Linkspopulisten sans phrase. Die Kreuzung von Heribert Prantl und Franz Josef Wagner ist dort gelungen, wohl, weil das Land andere Traditionen und auch Bedarf für so etwas hat. Das Resultat stößt keineswegs allen angenehm auf: So dürften beispielsweise der Urs Paul Engeler von der wirtschaftsliberalen resp. rechtskonservativen Weltwoche

(was so ziemlich dasselbe ist) und der republikanisch-macchiavellistische Machtmensch von Blick und Sonntagsblick keine Freunde mehr werden:

 

"Er könnte der beste, der erste Journalist des Landes sein und spielt doch nur die elende Rolle eines zweitklassigen Politikers. ... [E]ine Scheinmacht, die ihren Schrecken verliert".

Zu früh gefreut, Herr Engeler, möchte man antworten, auch wenn sie damals alles zusammengescharrt haben, was der schwatzhafte Schwyzer Medienmarkt hergab. Weshalb ich den Artikel ja hier verlinke, um mir endlose Rezitative zu ersparen. Dennoch: Ihr Text ist von Anno 2004 - und der Frank A. Meyer erfreut sich nachwievor bester publizistischer Gesundheit, auch wenn er in den letzten Jahren kürzer tritt und nicht mehr allüberall, sondern nur noch überall im Reich des Ringier und umzu zu finden ist.

Ob aber links, ob rechts, ob Blocher, ob Meyer - was für alle Populisten dieser Welt zutrifft, das ist die bemerkenswerte Antiquiertheit ihrer Gedankenwelt. Sie sind alle rückwärtsgewandt, ob sie nun über die eine oder über die andere Schulter gucken. Kein Wunder, sagen Zyniker, schließlich müssen sie ihrem avisierten Publikum immer verständlich bleiben und sie dürfen den Kontakt niemals verlieren.

Dieses Phänomen soll uns im folgenden ein wenig beschäftigen. Am besten anhand jener O-Töne, wie sie allwöchentlich aus den Seiten des Sonntagsblick quellen. Als Stichwortgeber wurde dort ein gewisser Marc Walder, Redaktionsdirektor Zeitungen bei Ringier, dazu verdonnert, seinem Impressario einen Espresso zu servieren und dessen weltbewegende Worte zu schlürfen.

Vor allem die Sorge um das Ansehen der Politik zerfurcht die Stirn des großen Schweizer Meisterdenkers. So bspw., wenn Sarkozy, der smarte Präsident des welschen Nachbarn, Hand in Hand mit seinem Model vor der englischen Queen die Honneurs und Hofknickse macht:

 

"Die Politik soll ja die ernsteren Dinge besorgen. In London wurde sie in den Hintergrund gedrängt, vom Bürger kaum mehr wahrgenommen".

Jeder Satz trifft bekanntlich nicht nur eine Aussage, sondern er ruht immer auch auf einer oder mehreren unausgesprochenen Annahmen. So auch hier: Der Herr Meyer behauptet (indem er es eben nicht sagt) dass einstmals, in jener Zeit ohne Model-Wahn, es besser gewesen sei. Dass also ohne den 'quel cul!' (F. J. Wagner) der Frau Bruni ein schlichter Bürger die Politik der diplomatischen Empfänge und des Small Talk noch mit geradezu rezeptionistischer Gier 'wahrgenommen' hätte. Was - mit Verlaub - mir doch arg zweifelhaft erscheint. Au contraire: In gewisser Weise lässt sich sogar sagen, dass der notgeile frauenbewundernde Pfahlbürger die bilaterale Politik von Briten und Franzosen dank des Derrières der Frau Bruni 'endlich mal wahrgenommen' hat.

Kurzum: Die Annahmen und Voraussetzungen des Frank A. Meyer sind allzu oft Wunschwelt-Blasen, wie sie nur der Kopf eines Bildungsbürgers zu produzieren vermag, der in der Vergangenheit ständig nur die Aufklärung und den Weltgeist wirken sieht, und dabei die Hitlers und auch Scharpings ignoriert. Anders ausgedrückt: Die Vergangenheit war auch nicht schön.

Die Antwort auf die Folgefrage, die ihm der Herr Walder kongenial und passgenau in den Lauf der Vorurteile dribbelt, verfährt ebenso. Es geht dort darum, dass der Helmut Schmidt mit seiner Loki niemals so viel Glamour produziert hätte. Was dem Herrn Meyer die Gelegenheit zu einer 'schillernden Replik' gibt. Niemals wäre eine Loki vor den Monarchen im Staub gekrochen - dagegen heute aber:

 

"Brunis Hofknicks war leider auch schon Politik: Eine Präsidenten-Gattin aus dem Land der stolzen französischen Revolution darf vor einer Königin nicht in die Knie gehen."

Mein Gott, ein solcher Satz ist heutzutage nur noch in der Schweiz möglich! Wo der 'Bürgerstolz vor Fürstenthronen' noch immer Teil der alpinen Folklore ist. Ohne den Mythos vom Gesslerhut wäre der Gedanke völlig abwegig, dass man sich mit einer formalen Geste etwas vergeben könne, zumal vor einer Queen, die doch selbst zugunsten der Bourgeoisie längst abgedankt hat und nur noch als deren Grüß-Augusta fungiert.

Ich könnte meinen Faden weiter und weiter spinnen, das beschriebene Ergebnis wäre immer gleich. Wobei ich betonen möchte, dass mir das Engagement des Herrn Frank A. Meyer gegen die Blocheria oder außer Kontrolle geratene Bankdirektoren persönlich sehr sympathisch ist. Trotzdem ist Populismus notwendigerweise immer konservativ, ob nun von links oder rechts. Mal greift er auf 1848 oder auf die Helvetische Revolution zurück, und mal greift sich der Blocher den Jeremias Gotthelf aus dem Schrank. Immer aber wendet sich Populismus an diejenigen, die nicht mehr hinterherkommen - und er verspricht ihnen vor allem 'Vergangenheit'. Deshalb hält er nie wirkliche Lösungen bereit.

Letzteres wird deutlich, wenn man eine andere dieser 'Espresso-Etüden' aufschlägt, wo Frank A. Meyer die Aufklärung unwiderruflich und ein für allemal mit dem ollen Gutenberg verkuppeln möchte. Das Wort, sagt er, sei unwiderruflich mit den Holzmedien verbunden: Alles Gute, alles Wahre und Schöne käme einzig und allein aus der Rotationspresse, es sei undenkbar, dass das geschriebene Wort etwa im flüchtigen Internet eine neue Heimstatt finden könne. Das exakt ist diese uralte 'Angst vor der Eisenbahn', wie wir sie schon aus dem frühen 19. Jahrhundert kennen, das Gebelfer des Großbauern, der behauptet, dass seine Säuli sich nur bei ihm im Koben richtig sauwohl fühlen könnten:

 

"Es gibt keine Demokratie ohne Zeitungen! Das gedruckte Wort steht am Ursprung der politischen Emanzipation des Menschen: von den revolutionären Flugschriften über Diderots Enzyklopädie bis eben zu den Zeitungen. Auch die Menschenrechte wurden gedruckt und die Verfassungen aller modernen Gesellschaften sind festgehalten auf Papier".

Trotzdem: Auch ohne Papier lassen sich Dinge schreiben, die nicht von Pappe sind ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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