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20.06.07

Frank A. Meyer ist kein Dinosaurier

Frank A. Meyer, Citoyen, hat erstmals nach fünf Jahren ein längeres Interview gewährt, dem Schweizer Journalist. Er findet den Auflageneinbruch der Bezahlzeitungen unerheblich, liebt die Boulevardzeitung Österreich und sieht sich als junger Journalist mit vierzig Jahren Berufserfahrung. Nicht etwa als Dinosaurier.

Frank A

Das Interview wurde schon länger gemacht, gedruckt und verteilt - doch zwischen Berlin und Zürich, wo zurzeit sowohl Herr Meyer als auch ich hin- und herpendeln, ist das wohl Anfang Mai erschienene Printprodukt liegengeblieben (schon wieder was, das einem nur offline passieren kann). Nun lesen wir es halt jetzt.

Offiziell heisst die Aufgabe von Frank A. Meyer bei Ringier "Medienentwicklung", eine Position, die er zusammen mit Jacques Pilet inne hat. Inoffiziell aber ist er ein enger Vertrauter des Verlegerehepaars Michael und Ellen Ringier und hat dort, wie viele vermuten, mehr Einfluss auf die Zukunftsentwicklung des Ringier-Verlags als jeder andere. Er ist eine wichtige Stimme, die über die Zukunft des grössten Schweizer Medienunternehmens mitentscheidet.

Das Gespräch beginnt mit der Erklärung, warum er so selten Interviews gibt:

 

Weil ich nicht durch meine Person wirken will, sondern durch das, was ich schreibe oder durch die Sendungen, die ich mache. Es ist mein Beruf, mich zu äussern. Da muss ich mich doch nicht noch über das Äussern äussern. Ausser heute. (lacht)

Ich bin auch der Meinung, dass jeder die Freiheit hat, Interviews und Öffentlichkeit abzulehnen. Und dass man so einen Wunsch respektieren sollte. Trotzdem möchte ich diese Aussage allen, die von einer Ringier-Publikation lieber nicht interviewt werden möchten, ans Herz legen.

Wollen nicht fast alle durch ihre Arbeit wirken und nicht durch ihre Person? Und wird nicht genau dieser Wunsch dauernd von den Medien nicht respektiert? Sagen nicht die genau die Medien Managern, Sportlern oder Politikern dauernd, "die Leute" wollen mehr, viel mehr als nur ihre Arbeit? "Die Leute" wollten sie, die durch ihre Arbeit in den Mittelpunkt gerückten Menschen, in der Badewanne, in der Wohnung und in der Ferienwohnung sehen? Und dazu alle Details zu Beziehungen und wenn möglich auch noch zum Sexleben wissen? Wer immer in Zukunft nicht mit einem Produkt aus dem Ringier-Verlag, zum Beispiel mit dem People-Blatt Schweizer Illustrierte oder dem Boulevardblatt Blick, reden möchte: Frank A. Meyer hat die Vorlage dazu geliefert.

"Der letzte Journalist", wie er im Titel angekündigt wird, hat aber noch mehr zu sagen:

 

Hierarchie:

 

Die wichtigsten Leute sind in einem Verlag immer die Journalisten.

Macht:

 

Entscheidend ist, wem ein Unternehmen gehört. Es gehört der Familie Ringier. Und Michael Ringier ist Journalist, von Ausbildung und von Herzen. Er bestimmt die Kultur des Hauses. Gleichzeitig ist unser CEO Martin Werfeli ein Mensch, der die Sprache liebt. Ich lese ihm meine Kolumnen vor, denn er mag das Denkhandwerk und das Sprachhandwerk. Es ist ein hübsches Spiel zwischen uns. Dabei spüre ich immer wieder eine grosse sprachliche Sensibilität bei ihm. Martin Werfeli geht mit Zahlen um wie ein Komponist mit Noten. Und gleichzeitig mag er Sprache!

Die Gewinnung von jungen Lesern:

 

So dramatisch ist das alles nicht. Als ich zwanzig war, haben auch nicht viele junge Leute Zeitung gelesen. Ich gehörte zu einer kleinen Minderheit. Die Gratiszeitungen machen heute sehr viele junge Menschen mit dem Zeitungslesen vertraut. Doch irgendwann genügt ihnen die Gratis-Häppchenkultur nicht mehr. Spätestens dann, wenn sie in der gesellschaftlichen Verantwortung stehen, mit den Sorgen von Vätern und Müttern.

Internet:

 

Im Internet finden Sie nur, was Sie suchen. Das aber verengt den Blickwinkel doch sehr.

Bezahlmodelle:

 

Was etwas wert ist, dafür wird auch bezahlt. Der Preis ist geradezu der Beweis für den Wert.

Journalismus heute:

 

Der Journalismus heute ist weitgehend gut gemachte Konfektion. Das jedoch genügt nicht, wenn man Leser gewinnen und binden will.

In-den-Laptop-Gucker:

 

Die Misere der Laptop-Gaffer ist auch eine Generationenfrage. Viele junge Journalisten ziehen die Welt des Bildschirms der wirklichen Welt vor, weil sie bequem abzurufen ist. Man muss nicht hinaus in den Regen zu den Menschen.

Persönliche Zukunft:

 

Ich bleibe Journalist, bis zu meinem letzten Tag. Und Ringier bleibt meine journalistische Heimat.

Vorbild Österreich:

 

Die Tageszeitung "Österreich" liebe ich! Ich hoffe, dass sie Erfolg hat. Sie ist für mich ein Beispiel des modernen Boulevard. "Österreich" ist das journalistische Prinzip Hoffnung. Nur die Hoffnung verändert die Welt!

Zur österreichischen Boulevardzeitung Österreich findet sich im gleichen Heft ein Bericht mit dem Titel "'Österreich' unter Druck". Einer, der dort mitgearbeitet hat und "jetzt glücklich bei einer anderen Tageszeitung arbeitet und dort auch schreiben darf", wird so zitiert:

 

Das hatte mit Journalismus nichts zu tun. Das waren Hilfsarbeiten, und wehe, das Ergebnis der Recherche war nicht das gewünschte.

Frank A

Eine der letzten Fragen von Schweizer-Journalist- Chefredaktor Markus Wiegand an Frank A. Meyer lautet:

 

Kann man die Leser heute noch durch Dinosaurier wie Sie gewinnen?

Frank A. Meyer antwortet:

 

Mich stört Ihr Bild. Ich bin ein junger Journalist mit vierzig Jahren Berufserfahrung.

Seltsam. Anderen jungen Journalisten will man lieber keine Verantwortung übergeben.

Wir schliessen den Rapport mit einem Satz aus einem Weltwoche-Artikel von Urs Paul Engeler von Ende 2004:

Letztlich ist die Macht Meyers lediglich die grosse Angst der anderen.

Bild 1: Pressebild ringier.ch. Bild 2: Ausschnitt blick.ch

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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