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24.07.13

Fragmentierung: Die Chancen für verschlüsselte Smartphone-Messenger stehen schlecht

Verschlüsselte Smartphone-Messenger schießen wie Pilze aus dem Boden. Doch ihre Erfolgschancen sind nicht gut.

MessengerVor einigen Wochen registrierte ich mich beim Schweizer Messenger-Anbieter Threema, einer WhatsApp-Alternative mit clientseitiger Verschlüsselung. Dummerweise leidet die für 1,79 Euro angebotene iPhone- und Android-App unter dem typischen Problem junger Netzwerkdienste: Nur wenige meiner Kontakte sind dabei. Versuche, ausgewählte Freunde zu einer Installation zu bewegen, schlugen fehl. Die meisten Anwender sind mit den existierenden Services wie WhatsApp, Facebook Messenger und iMessage zufrieden.

Dennoch - oder gerade deswegen - entschlossen sich die Flattr-Macher Peter Sunde, Linus Olsson und Leif Högberg, mit Heml.is einen weiteren Smartphone-Chatdienst mit End-to-End-Encryption anzuschieben. Eine erfolgreiche Crowdfundingkampagne brachte 152.310 Dollar ein. Mit diesen Mitteln wird Heml.is nun entwickelt.

Vor einigen Tagen gab dann die Zürcher Qnective AG den Startschuss für die iPhone-Version ihres Messengers myENIGMA (fortan bei uns "myEnigma" genannt"). Auch hier dient wieder eine Verschlüsselung auf den Endgeräten als Aufhänger. myEnigma wird außerdem für Android und BlackBerry angeboten und ist in puncto Funktionalität Threema etwas voraus, beherrscht etwa die für einen mobilen Chatservice essentiellen Gruppenchats. Mehr Wettbewerb heißt mehr Fragmentierung

Der erste Gedanken mag nun lauten: "Toll, Wettbewerb belebt das Geschäft", und so sieht es auch Heml.is-Macher Sunde. Allerdings sorgt dieser Wettbewerb gleichzeitig auch für die Fragmentierung eines ohnehin winzigen Marktes. Eine Eigenheit des Segments sozialer Netzwerke ist es, dass im Falle der Präsenz einer Vielzahl von miteinander in Konkurrenz stehenden, nicht interoperablen Anbieter alle geschwächt werden und niemand als Sieger hervorgeht. Denn anstatt dass sich User an einer Stelle konzentrieren und durch Netzwerkeffekte tatsächlich praktischen Nutzen erhalten, verteilen sie sich auf mehrere jeweils ihr eigenes Süppchen kochende Dienste.

Nachdem ich schon bei Threema im Prinzip zu Selbstgesprächen verdammt bin, habe ich gar keine Lust mehr, mir myEnigma und Heml.is noch näher anzuschauen. Nur mein Beruf hilft mir, dieses Desinteresse hinter mir zu lassen. Doch für Endanwender könnte die wachsende Auswahl den gleichen Effekt mit sich bringen wie die unter Marketingleuten bekannte Marmeladenwahl, bei der zumindest unter gewissen Umständen mehr Auswahl für eine größere Zurückhaltung bei den Kunden sorgt. Noch dazu sind die metaphorischen Marmeladengläser im Messenger-Beispiel halb leer - weil User zum chatten fehlen.

Grundsatzfrage Verschlüsselung

Für den Erfolg der verschlüsselten Messenger erschwerend kommt hinzu, dass selbst auf Seiten der für Überwachungs- und Datenschutzfragen kompetent sensibilisierten Nutzer der Griff zu starken Verschlüsselungen nicht unumstritten ist. Denn das häufig mit viel Aufwand verbundene Verschlüsseln hat durchaus den Beigeschmack einer Resignation der Bürger gegenüber einem seinen Pflichten zur Aufrechterhaltung der freiheitlich, demokratischen Grundordnung nicht nachkommenden Staates. Zudem besteht die Gefahr, dass Verschlüsselungen eine falsche Sicherheit vorgaukeln. Im schlimmsten Fall werden Anwender für Geheimdienste erst recht interessant, wenn sie verschlüsselt kommunizieren.

Grundsätzlich sind Smartphone-Messenger mit clientseitiger Verschlüsselung keine schlechte Idee. Ihre Einbußen hinsichtlich Nutzerkomfort sind anders als etwa bei der Verschüsselung von E-Mails gering, gleichzeitig hindern die implementierten Sicherheitsmaßnahmen die Anbieter sowie unbefugte Dritte (Hacker oder Behörden) zumindest am zu einfachen Zugriff auf Anwenderdaten. Würden die mehreren hundert Millionen User von WhatsApp & Konsorten verschlüsselte Alternativen verwenden, gäbe es daran nichts auszusetzen. Doch aktuell stehen die Chancen dafür, dass es dazu kommt, eher schlecht. Deutlich einfacher wäre es, wenn das anders als Facebook nicht von kontextsensitiver Werbung abhängige WhatsApp selbst eine clientseitige Verschlüsselung einführen würde. Allerdings erscheint aktuell schwer vorstellbar, dass die Kalifornier mit ihren 250 Millionen Nutzern einen solchen Schritt vollziehen könnten, ohne dass die NSA ein Veto einlegt. /mw

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