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21.11.12

Foodsharing startet: Der schwierige Versuch, die Welt mit einer Tauschbörse für Lebensmittel zu bereichern

Einen ehrenwerteren Ansatz kann es eigentlich gar nicht geben: Zwei Filmemacher drehen einen Dokumentarfilm über die Verschwendung von Nahrungsmitteln und beschließen daraufhin, das dargestellte Problem mit einer Tauschbörse für Lebensmittel selbst zu lösen. Foodsharing ging in dieser Woche in die offene Beta-Phase. Das Projekt wird es nicht leicht haben.

Kollaborativer Konsum ist ein Trend, der noch in den Kinderschuhen steckt. Die Gundidee: Jeder kauft nicht alles immer neu, sondern greift auf bereits vorhandene Dinge zurück. Das kann bedeuten, sich eine Säge vom Nachbarn auszuleihen oder sich bei eBay einen gebrauchten Fernseher statt im Fachgeschäft oder im Online-Shop einen neuen zu kaufen. Valentin Thurn, Regisseur des Dokumentarfilms "Taste the Waste" und Sebastian Engbrocks, der die Social-Media-Kampagne des Films verantwortete, haben sich mit Foodsharing dem Thema Ernährung angenommen. Wir haben das Konzept im Oktober vorgestellt; in dieser Woche fiel der Startschuss für die offene Beta-Phase von Foodsharing.Auf Foodsharing kann nun jeder für andere auf einer Plattform auflisten, was er noch an einwandfreien Lebensmitteln zu Hause hat. Hintergrund ist, dass laut Recherchen für "Taste the Waste" 50 Prozent aller Lebensmittel weggeworfen werden, bevor sie überhaupt den Kunden erreichen. Entsprechend des kurzfristigen Starts sind die die Angebote auf Foodsharing noch sehr spärlich gesät. Aktuell verfügbar sind etwa drei Soßenwürfel in Gütersloh, ein Kilo Orangen in Hamburg oder zwei Bio-Zitronen in Berlin.

Ohne die kritische Masse bleibt es nur eine schöne Idee

Die Beispiele verraten bereits, dass Foodsharing gleich vor mehreren Herausforderungen steht: Bis die kritische Masse erreicht ist, kann das Prinzip, Essen zu teilen, überhaupt nur bei nicht schnell verderblichen Lebensmitteln funktionieren. Knackpunkt dürfte sein, den faulen Durchschnittsbürger dazu zu bewegen, seine überschüssigen Lebensmittel einzeln aufzulisten und online zu stellen. Notwendig ist außerdem nicht weniger als ein Umdenken in der Bevölkerung. Anderen Menschen die eigenen Lebensmittel anzubieten, ohne etwas dafür als Gegenleistung zu erhalten, wird nicht jedem Konsumenten direkt einleuchten. Noch größer dürfte die Hemmschwelle sein, Essensgeschenke von fremden Leuten anzunehmen.

Die Angebote auf Foodsharing lassen sich nach Ort, Art des Lebensmittels, Datum der Veröffentlichung und Verfallsdatum sortieren. Was derzeit noch fehlt, ist eine Suchfunktion. Die integrierte Google Map zeigt im Augenblick keine Essenskörbe an, wenn man nah heranzoomt. Für Köln werden auf der Karte zwar vier verfügbare Körbe angezeigt, man kann diese aber auf der Karte nicht aufrufen, und bei der Sortierung nach Köln findet sich statt vier Angeboten tatsächlich nur eines.

Die Foodsharing-Macher sind für konstruktive Vorschläge offen und werden sicherlich im Laufe der Beta-Phase noch nachbessern. Die große Frage ist: Wird das funktionieren? Damit die Idee ein Erfolg und nicht schon nach wenigen Wochen wieder vergessen wird, müssen Tausende mitmachen. Ich halte das für schwierig, wenn ich mir überlege, dass viele Menschen von den sozialen Medien bereits derart überfüttert sind, dass sie nicht einmal einen Satz verfassen, um eine interessante Statusmeldung zu kommentieren. Es wird schwer sein, sie dazu zu motivieren, ihre verfügbaren Lebensmittel zu veröffentlichen, zumal kein finanzieller Anreiz besteht, das zu tun. Foodsharing ist für alle Beteiligten kostenlos. Geld lässt sich damit nicht verdienen.

Rezeptideen, gemeinsam Kochen

Die Chancen allerdings sind groß: Gelingt es, Foodsharing zu einem Massentrend zu machen, kann die Idee über das bloße Teilen von Nahrungsmitteln hinausgehen. Man wird neue Menschen kennenlernen, mit denen man ansonsten nie gesprochen hätte. Völlig Fremde werden ausprobieren können, wie etwa die eigene selbst gemachte Marmelade bei anderen ankommt. Schon beim Lesen über verfügbare Lebensmittel können Ideen für Rezepte oder gemeinsames Kochen entstehen. Und falls man doch einen kommerziellen Gedanken dort hineinbringen möchte, so könnten Kleinbetriebe über Foodsharing mit Kostproben auf sich aufmerksam machen.

Eine interessante Lösung, wie Foodsharing die eigenen Möglichkeiten noch erweitern könnte, kommt erstaunlicherweise jüngst vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Das Projekt "Zu gut für die Tonne" wirbt mit einem Einkaufsplaner, Informationsmaterial und Rezepten von Prominenten wie dem Schauspieler Daniel Brühl oder den Fernsehköchen Christian Rach und Johan Lafer für einen sorgsameren Umgang mit Lebensmitteln. Gut verstecktes und noch nicht besonders attraktiv gemachtes Herzstück des Portals ist ein Rezeptefinder. Für noch vorhandene Lebensmittel findet das Tool mögliche Rezepte.

Das ist eine Idee, die sich auch Foodsharing zu Nutze machen kann, indem es die verfügbaren Lebensmittel in der Umgebung kombiniert und daraus Rezepte erstellt. Kooperationen mit Kochportalen wie Chefkoch oder eben der Seite des Ministeriums wären denkbar. Doch auch hier gilt: Nichts geht ohne eine kritische Masse. Gute Ideen haben es immer ein bisschen schwerer als andere. Das ändert nichts daran, dass Foodsharing ein großer Erfolg werden kann, wenn sich die Idee erst einmal herumgesprochen hat.

Link: Foodsharing

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