<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

19.07.12

Firmenlenker und Startup-Gründer: Das verzerrte Bild von Arbeitszeit und Erfolg

Dass mit Marissa Mayer eine schwangere Frau den Chefsessel eines börsennotierten Konzerns erklimmt, sorgt für viel Diskussionsstoff. Doch würde im öffentlichen Bewusstsein Erfolg nicht mit langen Arbeitszeiten gleichgesetzt werden, gäbe es diese Debatte nicht.

"Eine schwangere Frau wird Chefin eines Fortune-500-Unternehmens? Im deutschsprachigen Raum wäre dies unvorstellbar." So oder ähnlich fielen am Dienstag vielerorts die Reaktionen auf die Berufung von Google-Managerin Marissa Mayer als CEO von Yahoo aus. In dieser Woche begann die 37-Jährige ihre Tätigkeit bei dem angeschlagenen US-Internetkonzern, im Oktober soll ihr erstes Kind auf die Welt kommen.

Gerade wir Deutschen neigen traditionell zu einem selbstkritischen Blick, weshalb das Fazit, hierzulande wäre eine derartige Personalie zumindest bei großen Konzernen mit akutem Handlungsdruck ein Ding der Unmöglichkeit, nahe liegt. Doch was dabei nicht unter den Tisch fallen sollte: Natürlich ist die Causa Mayer auch in den USA ein Novum und Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Das Wall Street Journal debattiert, inwieweit Mayers Schwangerschaft ihre Führungsfähigkeiten beeinträchtigen wird, TechCrunch-Autorin Sarah Perez sorgt sich darum, dass Mayers Plan, nach der Geburt sofort an ihren Schreibtisch zurückzukehren, andere werdende Mütter unter Druck setzt, und Forbes untersucht, welche rechtlichen Aspekte bei der Bekanntmachung der Schwangerschaft des CEO eines börsennotierten Unternehmens zu beachten sind.

Mayer ist ein Einzelfall auch in den USA

Während die Ernennung Mayers zur Vorstandsvorsitzenden also durch die deutsche Brille ein weiteres Indiz für den enormen Nachholbedarf darstellt, den unserer Land mit Blick auf Chancengleichheit und Gleichberechtigung hat, gibt es in diesem Kontext wenig Grund zur Romantisierung der US-amerikanischen Mentalität: Auch dort sorgt die Meldung für viel Diskussionsstoff und ruft zahlreiche Kritiker auf den Plan. Und auch dort ist das Ereignis bisher ein Einzelfall - ein wichtiger natürlich, denn jede derartige Debatte führt letztendlich zu einer zumindest minimalen Verschiebung geltender Konventionen. Wenn das nächste Mal in den Vereinigten Staaten eine schwangere Frau auf dem Chefsessel eines Konzerns Platz nimmt, wird das Echo von Presse und Öffentlichkeit schon deutlich moderater ausfallen.

Lange Arbeitstage bei Entscheidern und Gründern

Das Grundproblem der Debatte ist jedoch ein anderes, und eines, das auch speziell die Internet- und Startupwirtschaft betrifft: eine ungesunde Einstellung zu Arbeitszeiten. Es ist kein Geheimnis, dass die Gründung und Mitarbeit bei aufstrebenden Firmen mit einem Verlust von Freizeit einhergeht. Nine-to-Five-Jobs gibt es bei Startups nicht. Durchgearbeitete Nächte, Wochenendschichten und der Zwang zu veränderten Prioritäten, was das eigene Privatleben betrifft, sind eher Regel als Ausnahme.

Nun ist Yahoo bald zwanzig Jahre nach seiner Entstehung kein Startup mehr, und Angestellte werden sicherlich in der Lage sein, auch einmal 17:00 Uhr Feierabend machen zu können. Doch bei hochbezahlten Managern und CEOs gilt allgemein die Grundannahme, dass sie von früh bis spät mit ihrer Arbeit beschäftigt sind und ganz einfach nur sehr wenig Zeit dafür haben, sich um Familie, Freunde und Interessen zu kümmern. Angesichts dieses omnipräsenten Gedankenkonstrukts ist es gar kein Wunder, dass einer schwangeren Firmenlenkerin Skepsis entgegenweht. Erst recht, weil in vielen Köpfen noch immer das Bild verankert ist, als Mutter würde sie automatisch den Löwenanteil der Familien- und Hausarbeit stemmen müssen. Und das neben ihrem 16-Stunden-Tag. Klar, dass man da zu dem Fazit kommen muss, diese Rechnung könne nicht aufgehen.

Harte Arbeit = kein Privatleben = Erfolg?

Von den für die Millionärin Mayer einmal abgesehenen Möglichkeiten zu professioneller Unterstützung bei der Kinderbetreuung zeigt sich, dass es vor allem unsere Assoziation von Erfolg und langen Arbeitstagen ist, die uns bei der Akzeptanz einer schwangeren Konzernchefin, aber auch einer schwangeren Startup-Gründerin im Wege steht. Wer viel erreichen will, muss hart arbeiten. Und harte Arbeit heißt, alle anderen menschlichen und sozialen Bedürfnisse hinten an zu stellen und jeden Tag von 8 bis 22 Uhr im Büro zu sitzen. Gerade im leistungsorientierten Deutschland ist diese Haltung bei vielen karrierewilligen Menschen verbreitet und wird von Vorgesetzten oft auch erwartet.

Dabei gibt es mittlerweile genug Untersuchungen, die belegen, dass die Qualität der Arbeit nicht besser wird, nur weil man an die Kernarbeitszeit nochmal sechs Stunden heranhängt und unter chronischem Schlafmangel leidet. Auch dass Politiker wichtige Entschlüsse zur Zukunft des Euro in Marathonsitzungen um fünf Uhr früh fassen, widerspricht wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Erreichen bestmöglicher Entscheidungen.

Sicherlich hat sich in den vergangenen Jahren schon vieles verbessert - von Gleitzeit über Heimarbeit bis hin zu betrieblicher Kinderbetreuung existieren zahlreiche Ansätze, um eine ausgeglichene Work-Life-Balance herzustellen. In Startup-Kreisen und vielen Chefetagen allerdings gelten nach wie vor andere Regeln: Unermüdliches Ackern und Erreichbarkeit rund um die Uhr stehen einem erfüllten Privatleben im Wege.

Natürlich existieren handfeste Gründe dafür, dass Menschen in diesen Positionen mehr arbeiten als der durchschnittliche Angestellte: Startups kämpfen mit begrenzten Mitteln gegen die Zeit und eventuelle Konkurrenten, was eine gewisse Geschwindigkeit bei der Produktentwicklung erforderlich macht. Zudem zeichnen sich die Tätigkeiten von Gründern häufig dadurch aus, ihren Machern viel Spaß und Freude zu bereiten, was automatisch die Bereitschaft zu längeren Arbeitstagen erhöht. Und Unternehmenslenker und Entscheider haben gewöhnlich vorzügliche Einkommen, was einen zusätzlichen Einsatz für die Firma rechtfertigt. Andererseits tragen sie dafür auch eine besondere Verantwortung, weil ihre Beschlüsse oft die ganze Belegschaft betreffen.

Workaholics sind kein Ideal

Es passiert zu leicht, dass man einen CEO mit einer 80-Stunden-Woche im Büro oder auf Terminen automatisch für fähiger hält als einen Chef, der zwei Tage die Woche von zu Hause arbeitet und noch dazu die Zeit findet, sich um die Familie zu kümmern und den eigenen Hobbys nachzugehen. Doch es existieren hinreichend Indizien dafür, dass ein Workaholic ohne Leben neben dem Job keineswegs die bessere Wahl für ein Unternehmen ist. Nur hat diese Information noch nicht richtig in das kollektive Bewusstsein gefunden.

Am Ende lautet die Frage, ob unsere zukünftige Gesellschaft ein Interesse daran hat, dass auch kompetente, für einen Posten geeignete schwangere Frauen (oder Frauen, die in naher Zukunft schwanger werden könnten) in Entscheiderpositionen aktiv oder - um den Bogen zurück zur Technologie- und Internetbranche zu spannen - am Aufbau eines Startups beteiligt sein können. Geht man davon aus, dass Menschen mit einem gesunden, erfüllten Privatleben auch im Job eher brillieren, gibt es mindestens einen guten Grund, sich dafür einzusetzen. Dafür notwendig ist jedoch ein gedanklicher Abschied von der bewiesenermaßen fehlerhaften Assoziationskette "mehr Arbeit = mehr Leistung = mehr Erfolg". An dem Tag, an dem eine Schwangere oder junge Mutter als Firmenchef für uns so normal ist wie ein junger Geek im Kapuzenpullover oder ein ergrauter Herr um die 60 im Anzug, wissen wir, dass wir diesen Punkt erreicht haben.

Und weil es so gut passt: Der Gründer des US-Startups Demos hat die Regel aufgestellt, dass die Angestellten nicht ins Büro kommen dürfen, wenn sie müde sind. Seine Erfahrung bisher: Das Team arbeitet produktiver und ist zufriedener.

(Foto: Flickr/Charles Williams, CC BY 2.0)

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer