<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

29.03.16

Interview

FinTechs sind konsequent aus Kundensicht gedacht

Oliver Stock als Interview Partner

Interview mit Oliver Stock, Chief Editor bei Sentifi und Christina Cassala

Banken sind lahm, kundenunfreundlich und die Produkte unattraktiv- dieses Image hängt Banken schon eine ganze Weile nach. Die Krise der Geldinstitute machten sich junge Gründer zu Nutze und zogen aus, das Bankenwesen zu revolutionieren. Das war die Geburtsstunde der FinTechs, jene Startups, die mit hoher technologischer Innovation Dienstleistungen anbieten, die wieder nah am Kunden sind.

Förderland sprach mit Oliver Stock, Chief Editor beim Schweizer Startups Sentifi, einem Crowd-Intelligenz Anbieter für Finanzmärkte über die Veränderungen im Bankenwesen, die Bedeutung der FinTechs und dem richtigen Standort zur Unternehmensgründung.

Jeder spricht über FinTech wer oder was ist das eigentlich?

FinTechs sind Unternehmen, die die Finanzwelt neu erfinden. Nicht ihre Inhalte, aber wie sich mit ihnen umgehen lässt. Sie bauen für Aufgaben, die bislang Bankn, Versicherer oder andere Finanzdienstleister bewältigt haben digitale Lösungen, die alles einiges gemeinsam haben: Sie sind konsequent aus Kundensicht gedacht.

Um FinTechs gibt es gerade einen riesen Hype – Blase oder bleibt der Rummel?

Jeder Hype geht vorbei. Gestern war es E-Commerce, vor 200 Jahren die Dampfmaschine und davor der Buchdruck. Aber von all diesen epochemachenden Erfindungen ist etwas geblieben und in unserem täglichen Leben nicht wegzudenken. So wird es auch den Fin Techs und ihren Produkten ergehen.

Worin genau liegt das disruptive Modell der FinTech im Bereich Banken?

Fin Techs bauen wie Amazon, Google oder AirBnB Plattformen, auf denen sie Finanzdienstleister und Kunden zusammenbringen. Irgendwann führt an diesen Plattformen kein Weg vorbei und die Banken oder Versicherer brauchen sie wie die Luft zum Atmen. Dann ist das disruptive Modell aufgegangen.

Warum sind Banken erst so spät auf FinTechs aufmerksam geworden, haben sie gar den Trend verschlafen?

Die Banken waren lange Zeit mit sich selbst beschäftigt: Erst lief es zu gut, um irgendetwas zu ändern. Dann lief es zu schlecht, als dass sich in der Krise etwas hätte ändern können. Das war die Stunde der Fin Techs.

Wie schätzen Sie die Entwicklung ein: werden Banken wegen der FinTechs in Zukunft verschwunden sein?

Nein. Banken wird es immer geben. Bloß wie sie mit ihren Kunden kommunizieren, das wird ein anderer Weg sein. An der Schnittstelle zwischen Bank und Kunden nehmen die Fin Techs ihre Chance wahr. 

Warum brauchen FinTechs dennoch Banken?

Fin Techs wollen sich weder selbst Geld in den Tresor legen, noch M&A-Beratung im Investmentbanking betreiben - um nur ein zwei Bankdienstleistungen zu nennen. Nein - die Banken braucht es weiter. Nur ihre Rolle ist eine andere. Nochmal: Das ist wie bei AirBnB. Hotels braucht es weiter. Bloß finden wir sie auf einem anderen Weg.

Welche Trends erkennen Sie innerhalb der FinTech-Branche?

Zwei Trends. Der erste: Immer mehr Bankdienstleistungen werden durch Fintechs vereinfacht: Von der Kreditvergabe zur Geldüberweisung, von der Datenanalyse bis zur Kundenberatung. Und der zweite Trend: Die Fin Techs beginnen sich ebenfalls intensiv mit der Versicherungsbranche auseinanderzusetzen. 

Worauf werden sich die Konsumenten im Bereich Geldwesen einstellen, bzw. was wird sie erwarten?

Eine schöne neue Welt: Bei der manches schneller geht und vieles transparenter ist, in der aber auf dem Weg dorthin noch die eine oder andere Panne passieren wird. Die Fin Techs stecken noch in den Kinderschuhen, sie müssen noch lernen, wie sie tatsächlich nützliche Mitglieder der Gesellschaft werden.

Was brauchen speziell Gründer im Bereich FinTechs, um erfolgreich zu werden?

Sie brauchen den Blick fürs Wesentliche. Sie müssen allen Ablenkungen, was sich so alles schönes noch entwickeln ließe, widerstehen. Sie brauchen die volle Konzentration auf ihre wichtigste Idee.

Ihr neuer Arbeitgeber, Sentifi, sitzt in der Schweiz, viele FinTechs haben ihre HQ in London: wie gut sind die Chancen auf Erfolg für FinTechs in Deutschland?

Ein Fin Tech muss da sein, wo die Ideen sind und die Mitarbeiter, um sie umzusetzen. Insofern hat ein Bankenstandort Vorteile, weil dort viele potenzielle Mitarbeiter sitzen, die jede Menge Ahnung von der Branche und den Bedürfnissen der Kunden haben.

Welcher Standort ist besser: Berlin oder Frankfurt

Nehmen Sie Berlin, da ist die digitale Szene sehr brauchbar. Oder nehmen Sie Frankfurt, dort gibt es eine Bankenszene. Das ist nicht wirklich entscheidend, solange sie nicht aus Unentschiedenheit irgendwo in der Mitte hängenbleiben.

Über Oliver Stock:

Oliver Stock (50) ist Chief Editor von Sentifi, einem Schweizer Unternehmen, das finanzmarktrelevante Daten aus Sozial Media, News und Blogs gewinnt und Investoren zur Verfügung stellt. Bis Februar 2015 war Stock stv. Chefredakteur des Handelsblatts und hat die Digitalstrategie der Wirtschaftszeitung entscheidend geprägt. Der Journalist, Moderator und Buchautor hatte beim Handelsblatt zunächst als Auslandskorrespondent für die Länder Schweiz und Österreich und später als Leiter der Finanzredaktion in Frankfurt gearbeitet. Vor seiner Handelsblatt-Zeit war Stock Sprecher des Wirtschaftsministeriums in Niedersachsen. Der gebürtige Hannoveraner hat Geschichte und Volkswirtschaft studiert. 

 

Autorenprofil Christina Cassala

Christina Cassala ist freie Journalistin aus Berlin schreibt für verschiedene Medien und bloggt über digitale Themen, Startups und Venture Capital, Investoren sowie Businessmodelle. Sie engagiert sich zudem für die Förderung von Startups innerhalb des Bundesverbandes Deutsche Startup (BVDS), der auch Veranstalter de des Startup Camp Berlin, der größten Early Stage Konferenz, am 8./9. April 2016 ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer