<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

16.01.14

Film- und Serienkunst im Zeitalter der Klick-Mentalität: Komplexe Zufluchten

Weil die Welt immer komplizierter wird, bietet die Unterhaltungsindustrie Menschen ständig die Gelegenheit einer ersehnten Vereinfachung. Gleichzeitig aber entsteht mit Serien wie "Breaking Bad" oder "Mad Men" eine neue Art der komplexen Filmkunst, der die Klick-Mentalität des digitalen Zeitalters nichts anhaben kann.

Breaking Bad

Ein Großteil unseres Alltags scheint aus dem zu bestehen, was David Foster Wallace in seinem letzten Roman "irrelevant complexities" taufte: Komplexitäten, denen keine Notwendigkeit innewohnt, aus denen keine Bedeutung hervorgeht. Wenn die Zahnbürste und der Rasierer vibrieren, wenn sich der Mistkübel per Bewegungssensor automatisch öffnet, wenn wir bei Starbucks aus zahllosen Kaffeesorten, bei McDonalds aus unzähligen Burgervariationen oder im Supermarkt aus zig Klopapierversionen wählen, so handelt es sich dabei um überschüssige und alles andere als notwendige Komplexitäten, die in westlichen Gesellschaften ganz selbstverständlich als Begleitphänomen hingenommen werden.

In der digitalen Sphäre potenziert sich diese Dynamik: Nachrichten-Seiten, Blogs, Social-Media-Accounts, Online-Shopping, Online-Werbung und unzählige andere Dinge ringen um unsere Aufmerksamkeit, machen uns alles zu jeder Zeit verfügbar, bieten letztendlich aber immer ähnliche Information, und niemals oder in den seltensten Fällen wirklich essentielle. Wir kreieren um uns herum eine künstlich komplizierte Welt, in der tatsächlich relevante Dinge wie politische, soziologische oder ökonomische Dynamiken als banale Schlagzeilen genauso viel Platz eingeräumt bekommen wie die Neuigkeiten aus dem Leben irgendwelcher Celebrities. Flucht in eine vereinfachende Fiktion

In Kombination mit stetig wachsender Beschleunigung bildet die Summe dieser digitalen wie materiellen Reize ein hochkompliziertes Gebilde, das als Ganzes kaum zu duchschauen ist und dadurch frustriert und überfordert. Die meiste Zeit verbringen wir geradewegs verseucht von medialen Reizen, niedergestreckt von einer Kakophonie aus Meinungen, Ermahnungen, Verkaufsgeplärr und dergleichen mehr. Das Grundübel der meisten ist nicht länger zermürbende körperliche Arbeit, unsere Zermürbung kommt durch die Unablässigkeit dieser ungefilterten Informationsüberladung. Dieser bedrohliche Strom, dessen Einzelreize besonders duch das Internet und der Art wie wir es verwenden, intensiviert werden, erzeugt einen mentalen Fluchtreflex, ein Fernweh nach einer reduzierten, überschaubaren Welt, in der uns eine alles umfassende Vereinfachung von der Zumutung der Wirklichkeit befreit.

Die Ermöglichung dieser Flucht aus der ungeordneten, komplizierten in die geordnete und simplifizierte Reizflut scheint inbesondere der Unterhaltungsindustrie zuzufallen. Die fiktionalen Welten, die dem Science Fiction oder Fantasy Genre entspringen, befriedigen nicht mehr nur ein Bedürfnis nach Fremde, sondern liefern eben auch die ersehnte Vereinfachung und unterhalten uns immer öfter mit falschen Quersummen und infantilen Zusammenfassungen unserer überfordernden Wirklichkeit.

Wenn wir zum Beispiel "The Hobbit" ansehen, dann tauchen wir in eine Welt ein, die zwar faszinierend aus der Zeit gefallen scheint, aber letztendlich auf einer Vereinfachung unserer Wirklichkeit beruht. Die Welt des Filmes ist klar in gut und böse unterteilt, in Nord und Süd, ja selbst in schwarz und weiß (der einzig nichtschwarze Ork wird sogar "the pale orc" genannt). Männer bekämpfen zumeist das Böse, Frauen behüten zumeist das Heim, Zwerge sind kämpferisch, Elben anmutig, Hobbits bequem; und alle lösen durch beherzte Taten gemeinsam ein letztendlich lösbares Problem. Charakterliche Ambivalenz findet in diesem Universum höchstens in Gestalt von Gollum alias Sméagol statt, der Rest ist reduziert, wie in Kinderbüchern sozusagen auf ganze Zahlen gerundet. Im Gegensatz zu unserer absurden Wirklichkeit sind die Geschehnisse in Mittelerde mit Sinn behaftet, eingespannt in den vermeintlich universalen Kampf von Gut und Böse. Natürlich fühlen wir uns in diesem Universum, in dem Tradition noch etwas bedeutet, Abenteuer noch möglich ist und klare Kategorien herrschen, gut aufgehoben.

Wenn wir uns mitunter Serien wie "The Big Bang Theory" ansehen, begeben wir uns in eine Welt, die noch gröber vereinfacht ist, da hier alles auf Humor basiert, alles auf einen Lacher hinausläuft. Das Gefüge dieses Universums besteht nur aus Witzen, selbst die traurigsten Momente werden oft in Pointen verwandelt und mit Konservenlachern quittiert, sodass alles auf eine rein humoristische Oberfläche reduziert wird. Indem wir über die Gegebenheiten dieser Welt permanent lachen, also darüber, dass die Hauptfigur Sheldon ein schrecklicher Nerd ist, darüber, dass Penny die dumme Kellnerin ist, legitimieren wir diese Gegebenheiten außerdem in unserer eigenen Welt. Dann ist es auch für uns okay ein semisoziopathischer Freak, eine durchschnittlich-anspruchslose aber dafür hübsche Kellnerin zu sein, denn wir lachen ja drüber und deswegen ist es alles halb so wild.

Wenn wir diese besänftigenden Vereinfachungen suchen, wollen wir zudem unsere Wachsamkeit senken, den Alltag vergessen, uns berieseln lassen und die chronische Überreizung in Betäubung und Abtötung gipfeln lassen. Von der Aktivität, die uns die Außenwelt abverlangt, wollen wir in eine lauwarme Passivität abfallen, in der wir uns selbst zu verlieren hoffen, denn nur dann spüren wir das Stechen und die rasende Geschwindigkeit der Informationsflut nicht mehr und atmen innerlich auf.

Aber wenn wir Kulturprodukte immer nur konsumieren, um für einige Momente unseren Apparat zu narkotisieren, wann soll dann jemals ein Zeitpunkt kommen, wo zum Beispiel ein David Lynch Film oder vielleicht ein alter Fellini-Film angesehen werden kann? Und wer würde schon Mammutwerke wie zum Beispiel das tausendseitige "Infinite Jest" von besagtem Autor Foster Wallace lesen, das noch dazu seitenlange Sätze beinhaltet? Könnte man nicht anstattdessen "Fifty Shades Of Grey" ein zweites Mal lesen und auf all die hochnäsige Hochkultur verzichten?

Das bildungsbürgerliche "Du musst", mit dem oft an solch lange, komplizierte Werke herangegangen wird, der Kulturzwang, weil Kulturkonsum Prestige bringt, ist absurd. Wer keine Lust hat, soll es lassen. Zumal für jemanden, der den ganzen Tag mit auslaugender Arbeit zubringt, ein Film wie "Inland Empire" abends aller Wahrscheinlichkeit nach schlicht irrelevant ist, insbesondere wenn leichte Zerstreuung ohnehin nicht weit entfernt ist. Wie aber soll in diesem Klima Kultur stattfinden, die höchste Wahrnehmungsbereitschaft erfordert und keine Zerstreuung verspricht?

Eine neue Sorte komplexer Filmkunst

Erstaunlicherweise hat sich in den letzten 15 Jahren im Fernsehen eine neue Art und Weise etabliert, wie wirklich komplexe Filmkunst stattfinden kann und auch ein weites Publikum findet. Fernsehserien wie "Breaking Bad", "Mad Men", "Twin Peaks" (ein früher Vorreiter) oder "The Wire" sind kompizierter als die meisten Kinofilme, tragen dies aber nicht offen vor sich her, sondern versuchen den Zuseher hinters Licht zu führen. An der Oberfläche ist beispielsweise "Boardwalk Empire" eine typische Ausgeburt des Gangstergenres, mit Schusswaffen, Drogen, Prostitution und allen übrigen Zutaten. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch offenbar, dass es eigentlich um Themen wie Familie, Emanzipation, Rassismus oder Inzest in furchtbar komplexen Figurenkonstellationen geht. Diese Komplexität, die "Boardwalk Empire" wie all die anderen genannten Serien mit der Zeit entfaltet, ist getarnt. Zunächst wird der Zuseher an der Hand genommen und schonend eingeführt: Im Minutentakt werden die Handlungsstränge gewechselt, um das Interesse aufs Neue anzuregen; Längen werden konsequent werden und das Publikum wird mit der Frage "Wie geht es weiter?" an die Handlung gebunden. Folge um Folge steigert sich die Komplexität der vielen, ineinander verwobenen Erzählungen, immer neue Figuren tauchen auf, neue Geheimnisse werden gelüftet; solange, bis es kein Entkommen mehr gibt und der Zuseher zu absoluter Aufmerksamkeit gezwungen ist, obwohl die Ansprüche äußerst hoch sind. Alle Müdigkeit ist dann verflogen, man neigt so lange zum "Binge Watching", bis eine befriedigende Katharsis eintritt.

Ohne Frage spielen auch hier Vereinfachungen eine Rolle, jede Art von medialer Repräsentation ist eine Art der Vereinfachung, aber die besten dieser Serien versuchen im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen nicht, einfache Lösungen für komplexe Probleme zu bieten oder billigen Trost zu stiften, sondern im Gegenteil dem Zuseher zu ermöglichen, komplizierte Erzählungen auf angenehme Weise als bereichernd und stimulierend zu erleben.

Diese Form der Filmkunst, in der man in komplexen Zusammenhängen versinkt wie im Treibsand, scheint die einzige Möglichkeit zu sein, unsere Aufmerksamkeit über lange Zeit zu halten und uns zur Auseinandersetzung mit komplexen Inhalten zu zwingen. Jegliche andere anspruchsvolle Unterhaltung, die nicht nach diesem Prinzip funktioniert, fällt der 'Klick-Mentalität' zum Opfer, die uns das Internet eingetrichtert hat: Sobald etwas zu anstrengend wird, wird es schlicht per Klick auf die Maus, Tastatur oder Fernbedienung beziehungsweise per Berührung des Bildschirms aus dem Sinn entfernt. In einer Welt, in der das Internet die Hauptarena für Kulturkonsum ist, gibt diese Klick-Mentalität den Ton an, denn andere, simplere Reize stehen ja immer zur Verfügung. Kulturschaffende, die komplizierte Produkte verkaufen wollen, müssen diese Tatsache bedenken: das Publikum ist mächtiger als je zuvor und hat weniger Ausdauer als je zuvor.

Wie an den erwähnten Serien zu sehen ist, bedeutet das aber nicht, dass alle Unterhaltung deswegen gefällig und anbiedernd sein muss oder dem Publikum verlogenen Trost mit dem Löffel füttern muss (Wie es vielleicht am deutlichsten bei den "Twilight" Filmen der Fall ist). Dank den bereits etablierten Serien, kann man vielleicht darauf vertrauen, dass der Zuseher, der vor der einen Reizflut Zuflucht in einer anderen sucht, im Wissen um diese Serien vielleicht einen Moment lang dem impulsiven Verlangen nach extremer Reduktion widersteht und sich stattdessen in eine Welt flüchtet, in der er nicht wie ein unmündiges Kind sondern wie ein denkender Erwachsener behandelt wird – solange diese Welt nicht mit aufreibender Komplexität abschreckt, denn kulturelle Komplexität ist ein modernes Tabu und darf sich nur im Verborgenen entfalten.

Screenshot: Breaking Bad, YouTube

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer