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23.05.12

Facebooks Börsengang: Die Zeit danach

Facebooks galaktische Bewertung lässt viele Beobachter zweifeln. Um sie zu rechtfertigen, muss das soziale Netzwerk in nächster Zeit an vielen Fronten arbeiten.

Hubertus Porschen ist Gründer und Geschäftsführer der Kölner Facebook-Marketing Agentur iConsultants. Mehr zum Autor am Ende des Artikels.

"Facebook sprengt alle Dimensionen!“ hieß es noch am Freitag. „Die Nachfrage übersteigt alle Erwartungen!“ Schon einen Werktag später klang alles ganz anders: „Lässt die Börse Facebook fallen?“. Schnell war von einem "Flop" die Rede .

Der Aufschrei war und ist gewaltig: 100 Milliarden Dollar Bewertung (zeitweise sogar noch mehr) für das Social-Network Facebook. Wo kommt dieser Wert her? Begründen 900 Millionen aktive User eine derart hohe Summe? Unternehmen, die jahrzehntelang Top-Renditen erwirtschaftet haben, sollen auf einmal nur einen Bruchteil wert sein? Bestes Beispiel: Daimler mit 106 Milliarden Euro Umsatz und sechs Milliarden Euro Gewinn im vergangenen Jahr wird an der Börse mit circa 50 Prozent des Facebook-Wertes gehandelt. Skepsis scheint angebracht zu sein.

Wie auch immer der Wert zustande kommt: Das Potential des Netzwerkes ist unermesslich. Bei sieben Milliarden Menschen, die auf unserem Planeten leben, sind bisher nur zwei Milliarden online. Gerade die Schwellenländer sorgen nicht nur im stationären Internet sondern auch mobil für einen extremen Zuwachs der Nutzerzahlen. Dieser Artikel thematisiert die Fragen, die für Facebook in der Zeit nach dem Börsengang wichtig sind, um seiner Bewertung gerecht zu werden! Wir fokussieren uns auf fünf Themenfelder:

Mobile & Apps: Schwächen in Chancen umwandeln!

Facebook ist bis heute nicht in der Lage, Werbeanzeigen mobil zu übertragen. Smartphones und Tablets waren 2011 der große Trend und werden auch dieses Jahr weiter boomen. Amerikaner verbringen bereits heute mehr Zeit auf der mobilen Facebook-App als auf der Webseite. Das bedeutet, dass im größten Facebook-Land, in den USA, nur 50 Prozent der Besuche monetarisiert werden können. Wenn Facebook dieses Hindernis überwindet und es gegebenenfalls sogar schafft, Location Based Services sinnvoll einzubinden, kann die Schwäche in eine große Chance umgewandelt werden. Ein weiteres Manko von Facebook ist bisher das Unvermögen, Facebook-Applikationen (auf die sich mein Unternehmen iConsultants spezialisiert hat) von externen Entwicklern bis auf Ausnahmen auf mobilen Endgeräten zugänglich zu machen. Unternehmen wird somit die Chance genommen, den Fans echte Mehrwerte beziehungsweise Spaß und Interaktion durch Facebook-Applikationen zu bieten.

Trust & Security

Der Börsengang von Facebook hat für Furore gesorgt - Im positiven wie im negativen Sinne. Facebook sieht sich einer 15-Milliarden-Dollar-Klage ausgesetzt. User werfen dem Unternehmen vor, Spuren im Internet aufgezeichnet zu haben. Die Börsenaufsicht SEC beschäftigt sich zudem mit den durch die Technologiebörse Nasdaq verursachten Pannen. Was sich im Vorfeld des Börsengangs noch unter der Rubrik „Auch negative PR ist Marketing“ subsummieren ließ, schreckt nun die Öffentlichkeit auf. Das hat zur Folge, dass Nutzer Facebook nur noch begrenzt vertrauen. Facebook muss auf der einen Seite aktiv Lobbyismus betreiben. Politik und Gesellschaft gilt es zu überzeugen, dass die „böse Datenkrake“ in Wirklichkeit ein Social Network ist, welches Menschen verbindet und sogar positive wirtschaftliche Effekte begünstigt. Gegenüber den Usern wäre Transparenz und eine verstärkte Aufklärung - auch über die Gefahren hinsichtlich des Umgangs mit sozialen Medien - die beste Form der Prävention.

Diversifikation

Google hat es verstanden, aus einem Produkt viele Produkte zu machen. Die meisten Internetuser kennen Google vor allem als Suchmaschine, allerdings entwickelt der Konzern jährlich dutzende Produkte, baut Glasfasernetze in den USA und investiert in Startups. Google ist ein innovatives Unternehmen, ebenso wie Facebook. Allerdings liegt es jetzt an Facebook, seine Produktpalette horizontal und vertikal zu erweitern, um das Kernprodukt interessanter zu gestalten. Instagram ist ein gutes Beispiel für Ideen, die Facebook bisher nutzt, um seine eigene Produktpalette zu erweitern.

Werbung

Die Möglichkeiten des Advertisings sind bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Es gilt, eine attraktive Lösung zu finden, die Werbung für Unternehmen rentabel macht und gleichzeitig dem Nutzer nicht das Gefühl gibt, dass die Usability des Netzwerkes eingeschränkt wird. Facebook Advertising erzeugt Aufmerksamkeit bei einer immer größer werdenden Userzahl. Für Facebook besteht die Herausforderung darin, die Werbung in einen „sozialen Kontext“ zu setzen. Zweifelsohne hat Facebook bisher noch nicht die Möglichkeit gefunden, Werbung attraktiv genug zu platzieren. Denkbar wäre es beispielsweise, Werbung im Zusammenhang mit Nachrichten oder auch in Form von Videos zu integrieren. Möglich wäre auch eine wie auch immer geartete Form der Audio-Werbung.

Suchalgorithmus

Der Suchalgorithmus stellt eine der größten Schwächen von Facebook dar. Wenn sich der Wert eines Unternehmens danach berechnet, wie lange die User online sind, dann muss Facebook an dieser Stelle nachbessern. Ende 2010 stellte ich die (zugegebenermaßen provokante) These auf, dass Facebook das Web überflüssig macht. Der bisherige Suchalgorithmus erlaubt nicht einmal das einfache Auffinden von Unternehmensseiten, ganz zu schweigen von externen Apps und Zusatzdiensten, die Facebook dringend und laufend integrieren muss, um die Nutzer bei Laune zu halten.

Die Erweiterung um die Open-Graph-Funktionalitäten ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Sie bindet den User länger an die Plattform, stellt aber bis dato nicht die optimalste Lösung dar. Andreas Pouros, COO des Marktforschungsunternehmens Greenlight, prognostiziert, dass eine saubere und grundsätzlich nutzbare Suche Facebook aus dem Stand einen weltweiten Marktanteil von 22 Prozent sichern könnte.

Facebook hat das Problem erkannt und sich unter anderem personell mit dem Ex-Googler Lars Rasmussen verstärkt.

Fazit

Wie alle hochgejubelten Firmen muss sich auch Facebook (teilweise berechtigte) Kritik gefallen lassen. Der Börsengang führt nun zu einem Wandel des Unternehmens. Einerseits muss es seine Produktpalette diversifizieren, auf der anderen Seite müssen die bisherigen Funktionen verbessert werden. Die wohl größte Hürde für das einstige Startup wird jedoch eine veränderte Öffentlichkeitsarbeit sein.

Über den Autor

Hubertus Porschen ist Gründer und Geschäftsführer der Kölner Facebook-Marketing Agentur iConsultants, die auf die Entwicklung von Facebook-Applikationen spezialisiert ist. Mit Ihrem Portal www.app-arena.com bieten die iConsultants Unternehmen und Agenturen die Möglichkeit, kostengünstige und individualisierbare Applikationen zu beziehen.

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