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11.10.11

Facebook und Apple: Zwei Ökosysteme kollidieren

Facebook weitet seine App-Plattform auf mobile Geräte aus. Doch dort kollidiert sie mit dem mächtigen Ökosystem von Apple.

 

Foto: stock.xchng

Aktualisiert

Mit einer eigenen HTML5-App-Plattform Entwicklern eine Möglichkeit zu geben, ihre Anwendungen ohne Apple-Freigabeprozess in eine native iOS-Applikation zu verpacken - genau dieses kecke Ziel wird Facebook seit einiger Zeit nachgesagt ("Project Spartan").

Am Montagabend nun hat das kalifornische Unternehmen wie berichtet seine iPad-App sowie die erste Fassung seiner mobilen App-Plattform veröffentlicht. Doch seine Vision einer Apple vorführenden App-Plattform innerhalb der Facebook-iOS-Applikationen verwirklicht das soziale Netzwerk vorerst nicht. Der Grund: ein Konflikt mit dem Computer- und Smartphone-Hersteller aus Cupertino.

Ginge es nach dem Willen von Facebook-Chef Mark Zuckerberg, würde das Prinzip des mobilen App-Ökosystems unter dem Dach des Social Networks folgendermaßen aussehen:

  • Anwender könnten direkt aus Facebooks iPhone- und iPad-App auf HTML5-basierte Apps von Drittanwendern zugreifen, ohne dafür den Umweg über den Browser hinnehmen zu müssen.
  • Anwender könnten innerhalb der HTML5-Apps virtuelle Güter über Facebooks eigene Währung Credits erwerben. Facebook erhält hierbei die übliche 30-prozentige Umsatzbeteiligung.

Diese Lösung wäre für den US-Dienst der ultimative Ansatz: Er würde über die eigenen iOS-Apps eine Hintertür in Apples App Store einbauen, über die Entwickler Anwendungen in eine native iOS-App portieren können, ohne dafür Apples Freigabeprozess durchlaufen zu müssen. Zeitgleich würden so Facebooks Umsätze durch den Verkauf von Credits innerhalb dieser HTML5-Apps angekurbelt. Nutzer anderer Plattformen greifen über die mobile Website m.facebook.com auf die HTML5-Apps zu und könnten so beispielsweise mit Freunden ein Social Game zocken, selbst wenn diese Facebooks native iOS-Apps verwenden.

Doch vorerst bleibt dies bis auf die Verfügbarkeit der Apps bei m.facebook.com ein Wunschtraum, Apples strengen Regeln für den App Store sei Dank.

[Update] Entgegen der Ankündigungen öffnen sich die neuen mobilen Apps von z.B. wooga oder der Huffington Post direkt innerhalb von Facebooks iPad-App - Nutzer werden somit nicht extra zum Safari-Browser weitergeleitet. Stattdessen bietet Facebook einen eigenen In-App-Browser. [Update Ende]

Apple verdirbt Facebook den Spaß

Der Konzern mit dem Apfel-Logo untersagt es den Betreibern der im App Store verfügbaren Applikationen nämlich , für Transaktionen andere Zahlungswege als die hauseigenen "In-App-Käufe" zu verwenden. Während es unklar ist, inwieweit zuvor über Facebooks Browser-Site erworbene Credits innerhalb der iPad- und iPhone-App des sozialen Netzwerkes für den Erwerb virtueller Güter eingesetzt werden dürfen, besteht für Facebook nach heutigem Stand keine Chance, über die nativen iOS-Applikationen den Kauf weiterer Credits zu ermöglichen - es sei denn, das soziale Netzwerk verwendet dafür Apples In-App-Kauffunktion. Dann jedoch gingen 30 Prozent der Erlöse an Apple, nicht an Facebook.

Neben dem Interessenkonflikt bezüglich der Zahlungsweise stellt sich darüber hinaus die Frage, inwieweit es regelkonform wäre, wenn Facebook seine nativen iOS-Anwendungen für Drittanbieter-Apps öffnen würde. Ich bin kein Experte der App-Store-Geschäftsbedingungen. Offensichtlich ist aber das Risiko, dass Apple im Zweifelsfall Facebooks native Apps sperren könnte, sollte eine darüber verfügbare HTML5-Web-App (z.B. die klassische, von Apple nicht geduldete Furz-App) in Cupertino schlecht ankommen.

Facebook und Apple können weder miteinander noch ohneeinander

Facebook und Apple haben in den vergangenen Jahren zwei äußerst starke Ökosysteme aufgebaut. Über 250 Millionen iPhones, iPads und iPod touch-Geräte gingen bisher weltweit über den Ladentisch. Facebook kann es sich nicht leisten, für deren Besitzer lediglich über eine mobile Website erreichbar zu sein - Apps sind für viele Konsumenten das Maß aller Dinge. Es ist somit gezwungen, mit Applikationen innerhalb von Apples Ökosystem präsent zu sein - wird dadurch aber an der ungestörten Expansion seiner eigenen App-Plattform gehindert.

Beide Anbieter liefern sich derzeit ein Kräftemessen. Wahrscheinlich auch deshalb verzögerte Facebook die Veröffentlichung einer nativen iPad-App: um in den Verhandlungen mit dem Kontrahenten etwas in die Waagschale werfen zu können. Wenn ein von 800 Millionen Menschen aktiv genutzter Onlinedienst nicht mit einer nativen App auf dem iPad vertreten ist, dann sorgt dies bei Apple garantiert nicht nur für Schulterzucken.

Nun also scheint Facebook nachgegeben zu haben - ohne dass in der jetzigen Phase Zugeständnisse von Seiten Apple ersichtlich sind. Im Gegenteil: Nutzer können nun direkt aus der Facebook iPad-App weitere native Apps aus dem App Store herunterladen. Abgesehen von einigen zusätzlichen Informationen über die Präferenzen seiner Mitglieder hat das soziale Netzwerk davon wenig.

Ich frage mich daher: War es schlicht der öffentliche Druck, der Facebook schließlich dazu bewog, seine iPad-App ohne direkt integrierte HTML5-Web-Apps zu veröffentlichen? Oder konnte der Dienst von Apple Freiräume erwirken, die zum jetzigen Zeitpunkt lediglich nicht sichtbar sind?

Wir beobachten gerade, wie zwei mächtige digitale Ökosysteme kollidieren. Beiden können weder miteinander noch ohneeinander. Das wahrscheinlichste Ergebnis ist daher ein Kompromiss - wir werden sehen, ob es ein guter oder ein schlechter wird.

(Foto: stock.xchng)

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