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08.03.11

Facebooks neues Kommentarsystem: Das Schweigen der Nutzer

Mit seinem neuen identitätsgebundenen Kommentarsystem für Drittanbieter bringt Facebook Anstand und Höflichkeit in die Kommentarspalten von Nachrichtensites und Blogs - und läuft gleichzeitig Gefahr, gute Diskussionen zu verhindern.

 

Zu behaupten, dass einige der netzwertig.com-Leser gelegentlich bei TechCrunch vorbeischauen, ist keine gewagte Aussage. Immerhin gilt das kürzlich von AOL übernommene US-Blog noch immer als erste Adresse für Eil- und Exklusivmeldungen aus dem Silicon Valley und anderen Technologie-Hotspots. Und wer TechCrunch kennt, wird auch wissen, wie einzelne Artikel bei der bis zu zwei Millionen Unique Visitors pro Monat zählenden Site (laut Compete) stets viele Dutzend oder gar hundert Kommentare von sehr variierender Qualität anhäuften.

Seit einigen Tagen ist dies jedoch vorbei: da hat das Branchenmagazin aus San Francisco sein bisheriges Kommentarsystem von Disqus zugunsten von Facebooks neuer Kommentarfunktion für Drittanbieter ausgetauscht. Um bei TechCrunch Meinungen oder Ergänzungen zu einzelnen Beiträgen hinterlassen zu können, ist nun ein Login via Facebook (oder alternativ Yahoo) erforderlich.

Die Konsequenz: relative Totenstille unterhalb der Beiträge (zumindest verglichen mit der Situation zuvor). Ein Blick auf die TechCrunch-Homepage zeigt, dass nur noch ein geringer Teil der Postings mehr als 20 Kommentare aufweisen kann. Ausnahmen stellen besonders polarisierende Themen (z.B. Apple vs Android) oder Texte dar, welche eben dieses neue Kommentarsystem thematisieren - wie dieser, in dem TechCrunch-Autor MG Siegler darüber sinniert, ob es nach der Umstellung auf die Facebook-Lösung in der Kommentarspalte zu ruhig geworden ist.

Websites, die auf das neue Feature das Social-Networking-Giganten setzen, erhöhen die Qualität der Leserkommentare - darüber scheint im Web Einigkeit zu herrschen. Berater Thomas Knüwer rechnet damit, dass so demnächst auch über Facebook realisierte Kommentare von Verbrauchern auf Unternehmens-Websites möglich werden.

Das nachvollziehbare Argument: Wer über Facebook kommentiert, äußert sich in der Regel mit seinem Klarnamen und seiner tatsächlichen Identität. Trollen und Provokateuren wird so Wind aus den Segeln genommen, weil sie extra ein fingiertes Facebook-Profil betreiben müssten. Überzeugt von dieser Eigenschaft hat Stern.de als eine der ersten großen Mediensites im deutschsprachigen Raum seine Kommentarfunktion komplett auf Facebook umgestellt.

Doch wie die jüngste Kommentarflaute bei TechCrunch zeigt, hat das System auch seine Schwächen. Zumindest für Websites, die an direktem Leserfeedback und -austausch interessiert sind, scheint ein Wechsel zu Facebook-Kommentaren mit einem erheblichen Opfer verbunden zu sein. Denn selbst wenn es Querulanten und Spammer den Autoren nicht immer leicht machen, ist eine sorgfältig moderierte Diskussion interessierter User zumeist eine große Bereicherung für Artikel und hilft Autoren, Stärken und Schwächen ihrer Arbeit zu identifizieren.

Im Sommer vergangenen Jahres schrieb ich ein Plädoyer gegen anonyme Kommentare bei Kritik am Artikel oder Autor, um eine Debatte auf Augenhöhe führen zu können. Zu diesem Wunsch stehe ich weiterhin. Aber mehr als diese Bitte scheint zumindest bei einem Branchenmedium wie unserem mit mehr als 20.000 regelmäßigen Lesern (über alle Kanäle) kaum notwendig zu sein.

Abgesehen von einigen traditionell zu heftigen Debatten führenden Themen geht es trotz des Fehlens technischer Einschränkungen (mit Ausnahme von einigen Spamschutz-Mechanismen) in unseren Kommentaren fast immer sehr gesittet zu. Nicht selten erhalten wir von Lesern auf diesem Weg wichtige Ergänzungen und Hinweise zu den Beiträgen, die wir ungern missen möchten.

Essentiell ist, dass sich Redaktionen/Autoren/Blogger die Zeit nehmen, Kommentare zu moderieren. Folgende Tipps kann ich aus eigener Erfahrung dazu geben:

  • Einen regelmäßigen Blick auf Kommentare werfen, und mehrmals täglich (aber nicht im Minutentakt) reagieren - mitunter gesammelt in einem Kommentar mit Antworten auf mehrere Leser.
  • Sich nicht provozieren lassen (manchmal unvermeidlich, aber man sollte es wenigstens versuchen). Es ist nicht notwendig, auf jeden Einwurf sowie in einem Kommentar hervorgebrachten Aspekt zu reagieren. Es reicht, zu signalisieren, dass man Einwürfe/Kritik zur Kenntnis genommen hat.
  • Kommentarlöschungen möglichst nur auf Spam begrenzen, lieber auch mal einen völlig absurd erscheinenden Kommentar stehen lassen, solange er nicht die Grenzen des guten Benehmens überschreitet.

Einschränkungen der Kommentarfunktion oder die Implementierung der Facebook-Lösung dürften je nach Reichweite einer Site mit einer Zeitersparnis einhergehen, was den Moderationsaufwand betrifft. Die damit verbundenen Kosten in Form von entgangenem Leserfeedback sollten jedoch nicht unterschätzt werden.

Speziell so lange Facebook nur den Alternativ-Login via Yahoo erlaubt, jedoch eine (kurz vor dem Launch entfernte) Anmeldung über Google- oder Twitter-Benutzerdaten nicht gestattet, verschließen sich Blogs und Nachrichtensites den Meinungen und Gedanken aller User ohne Facebook-Konto und erzwingen womöglich lammfromme Äußerungen von Kommentatoren, die eigentlich mehr zu sagen hätten, dies aus unterschiedlichen Gründen aber nicht über ihre Facebook-Identität tun möchten.

Denkt ihr über eine Implementierung von Facebooks Kommentarfeature auf eurer Website nach?

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