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28.10.11

Facebook-Manager Tom Furlong im Interview: "Für Nutzer in Europa wird sich die Performance verbessern"

Facebook wagt mit seinen Servern den Sprung über den großen Teich und errichtet sein erstes Rechenzentrum in Europa. Im Interview erläutert Facebook-Manager Tom Furlong die Hintergründe, in Nordschweden drei riesige Serverhallen zu errichten.

 

Quelle: lulea.seAm gestrigen Donnerstag wurde offiziell verkündet, was schon länger als Gerücht zu hören war: Facebook wird im nordschwedischen Luleå sein erstes Rechenzentrum in Europa und gleichzeitig das erste außerhalb der USA errichten. Drei Serverhallen mit einer Fläche von 28.000 Quadratmetern sollen etappenweise gebaut und sukzessive mit zunehmendem Bedarf in Betrieb genommen werden - kurioserweise gefördert mit gut 10 Millionen Euro aus EU-Töpfen (übersetzte Quelle).

Tom Furlong, bei Facebook als "Director Site Operations" für die Server des 800 Millionen aktive Mitglieder zählenden sozialen Netzwerks zuständig, war gestern in Luleå vor Ort. Am Freitagmorgen traf ich ihn in Stockholm zu einem Interview und befragte ihn zu den Hintergründen der Entscheidung, erstmals Server in Europa aufzustellen, und was dieser Schritt für den anhaltenden Datenschutz-Konflikt zwischen der EU und Facebook bedeutet.Wenn Nutzer heute von einem beliebigen Ort auf der Welt Facebook ansteuern - von wo kommen dann die Inhalte?

Grundsätzlich von einem unserer Rechenzentren in den USA. Für europäische Nutzer ist dies gewöhnlich das an der US-Ostküste, für Anwender aus dem Asien-Pazifik-Raum eines an der Westküste. Bisher nutzten wir ausschließlich geleasten Serverplatz in Rechenzentren im Großraum San Francisco (Bay Area) sowie in Virginia. Vor einigen Monaten aber ging unser erstes eigenständig konzipiertes und errichtetes Rechenzentrum in Oregon ans Netz. Die Nummer zwei entsteht momentan in North Carolina und wird im nächsten Jahr fertiggestellt.

Tom FurlongAndere US-Internetkonzerne wie Google und Amazon haben ihre Rechenzentren über den Globus verteilt. Facebook also bisher nicht. Müsste sich dies nicht in deutlichen Geschwindigkeitseinbußen niederschlagen?

Da jede Nutzern präsentierte Facebook-Seite individuell generiert wird, bringt dies automatisch eine gewisse Latenz mit sich. Die zusätzlich durch die Distanz zum Server auftretende Verzögerung ist deshalb kaum wahrnehmbar. Aber unser Ziel ist es natürlich, angefragte Seiten so schnell wie möglich auszuliefern, sowohl durch Verbesserungen der Softwarearchitektur, als auch durch die Verringerung der physischen Entfernung. Nun unser erstes eigenes Rechenzentrum außerhalb der USA zu errichten, ist daher ein natürlicher Schritt für Facebook und wird für europäische Anwender mit einem zusätzlichen Performance-Gewinn einhergehen.

Wieso fiel die Wahl auf Schweden? Welche anderen Regionen standen zur Debatte?

Ich möchte mich ungern darüber äußern, bei welchen Ländern wir uns gegen ein Engagement entschlossen haben. Zu Beginn standen im Prinzip alle Länder Westeuropas zur Diskussion. Bei der Wahl des am besten geeigneten Ortes müssen viele, von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich priorisierte Kriterien erfüllt sein. Für uns waren dies ein geeignetes Klima, ein robustes Stromnetz mit ausreichender Kapazität zu geringen Kosten und die Verfügbarkeit einer hinreichend großen Landfläche. Eine Rolle spielen zudem das allgemeine Geschäftsklima, regulatorische, administrative und steuerliche Aspekte sowie die Verfügbarkeit von gut ausgebildetem Personal.

Beim Blick auf eine optimale Energieversorgung verengt sich die Zahl möglicher Standorte automatisch auf die Regionen, in denen viel Strom erzeugt wird, und der Klima-Aspekt sorgt für einen Fokus auf nördliche Breitengrade. Schließlich fiel die Wahl deshalb auf Schweden. Von acht Standorten, die uns von Invest Sweden, einer staatlichen Behörde zur Ansiedlung ausländischer Unternehmen, vorgeschlagen wurden und die wir besucht haben, blieben am Ende zwei übrig, woraufhin Luleå dann den Zuschlag erhielt.

Wäre nicht Island, das sich seit einiger Zeit als sicherer Standort für Serveranlagen anpreist, auch eine Alternative gewesen?

Tatsächlich sprechen viele Argumente für Island, vor allem die ausgezeichnete Verfügbarkeit von Wasser- und Erdwärmekraft. Allerdings ist durch die abgelegene geografische Lage die Latenzzeit nicht optimal - man ist ein wenig zu weit von sowohl den USA als auch Europa entfernt.

Der Luleå-Standort soll anders als die US-Rechenzentren zu einem großen Teil mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Spielt das Thema Nachhaltigkeit für Facebook zukünftig eine größere Rolle?

Datenzentren müssen da errichten werden, wo es aus geschäftlichen und operativen Gesichtspunkten sinnvoll ist. Wir benötigen die Kapazitäten an der Ost- und Westküste der USA, wo aber ungefähr die Hälfte der Energie aus Kohlekraftwerken stammt und 20-25 Prozent aus Kernkraft. Insofern werden wir auch zukünftig in manchen Fällen die vorhandenen Ressourcen nutzen müssen, selbst wenn uns "grüner Strom" lieber wäre. Aber das ist eben einer der Gründe, der für die Etablierung in Nordschweden spricht. Während wir die Quellen der verfügbaren Energie nur bedingt beeinflussen können, versuchen wir stetig, die Effizienz unserer Systeme zu erhöhen. Durch eine smarte Systemarchitektur, die wir im Rahmen des Open Compute Project auch anderen zugänglich machen, können wir die verfügbaren Serverkapazitäten besser nutzen.

Wird Facebook in den nächsten Jahren in Europa noch weitere Rechenzentren bauen?

Man soll ja niemals nie sagen. Für die nahe Zukunft gibt es jedoch keine konkreten Pläne dafür. Das Datencenter in Schweden ist für uns ein großer Schritt. Zumal wir zuerst eine Serverhalle bauen und anschließend zwei weitere, die bei Bedarf in Betrieb genommen werden können. Vorerst sind wir froh, uns nicht nach einem weiteren Standort umschauen zu müssen.

Wären denn Deutschland oder die Schweiz attraktive Standorte für ein Facebook-Rechenzentrum?

Ich denke, dies sind immer potenzielle Optionen. Aber wie gesagt: Momentan sind wir mit dem Bau in Luleå beschäftigt, der uns sowieso erst ab 2013 die anvisierte Serverkapazität liefern wird. Es ist schon eine Herausforderung, die Entwicklung der nächsten zwölf Monate vorherzusagen. Zwei bis drei Jahr sind dann erst recht schwierig.

Die EU und einige ihrer Mitgliedsländer wie zum Beispiel Deutschland versuchen seit längerem, Facebook zu zähmen und sehen unter anderem ein Problem darin, dass Daten wie IP-Adressen im Zusammenhang mit dem Like-Button auf externen Websites an Server außerhalb der EU gesendet werden. Wird Facebook das Luleå-Rechenzentrum nutzen, um Zugeständnisse zu machen und beispielsweise Daten von Anwendern aus der EU primär in Schweden statt in den USA zu lagern?

Facebooks Head of Corporate Communications EMEA Stefano Hesse übernimmt das Wort.

Es spielt eigentlich keine Rolle, wo das Rechenzentrum steht. Entscheidend ist, dass man die europäische Rechtslage sowie die am Firmensitz in Irland befolgt - das machen wir und befinden uns in stetigem Kontakt mit den politischen Entscheidungsträgern. Die Server in Schweden werden 2013 ihren Betrieb aufnehmen und ich gehe davon aus, dass auch dann Facebook-Nutzer aus Europa von unterschiedlichen Serverstandorten aus bedient werden. Aber für eine Aussage, wie das dann im Detail aussehen wird, ist es einfach noch zu früh.

Aber mit einem Rechenzentrum in einem EU-Land riskiert Facebook, dass sich der Druck von Politik und Datenschützern weiter erhöht, oder? Im schlimmsten Fall könnten dann sogar die Ermittlungsbehörden auftauchen und die Server beschlagnahmen.

Stefano Hesse: Ein solches Szenario würde eine ganz außerordentliche Notsituation voraussetzen und ist sonst in keiner Weise rechtskonform. Wir versuchen, bestmöglich mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten und wenn beispielsweise aus Deutschland ein Einwand oder eine Anfrage kommt, dann haben wir dafür ein Team bei Facebook, das sich damit auseinandersetzt.

Das heißt, dass es keine Pläne gibt, in Luleå speziell die Daten europäischer Nutzer zu speichern?

Stefano Hesse: Wir müssen das tun, was am besten für unsere Nutzer ist - vor allem hinsichtlich Effizienz und Sicherheit. Wo die Daten liegen, spielt keine Rolle. Was wir heute noch nicht wissen, ist, wie sich die Rahmenbedingungen und Gesetzeslage bis 2013 verändert hat.

Tom, wird es nicht schwer, Facebook-Mitarbeiter aus Kalifornien zum Umzug ins kalte Luleå zu bewegen?

Tom Furlong: Das wird sicherlich eine Herausforderung. Wir möchten aber ohnehin den Großteil des erforderlichen Personals lokal oder aus anderen Ländern Europas rekrutieren. Aber sicherlich werden wir in nächster Zeit viele Flugmeilen anhäufen. Und eventuell finden sich ja ein oder zwei US-Kollegen, die sich einen längeren Aufenthalt in Nordeuropa vorstellen können.

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