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06.10.10

Facebook Groups: Geschlossene Gesellschaft

Facebook wird komplexer: Die neue Gruppen-Funktion teilt das Sozialnetz in verschiedene Kreise - ganz wie das reale Leben. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Mark Zuckerberg bei der Vorstellung der neuen Facebook-Features

Die grosse Frage, die sich bei jedem neuen Kontakt auf Facebook bisher gestellt hat: Will ich, dass diese Person all meine privaten Mitteilungen, Fotos und sonstigen Informationen mitkriegt?

Groupchat und Dokumenten-Sharing

Jetzt löst Facebook dieses Problem mit einem neuen Feature: geschlossene Gruppen. Listen und Gruppen gab es zwar bisher bereits, aber sie boten beschränkte Möglichkeiten, und sie waren entweder offen oder zentral verwaltet. Die neuen Gruppen erlauben erstens weitreichende Kollaboration wie einen Gruppen-Chat - und sie erlauben einen komplexeren Entstehungsprozess der Gruppe, indem Mitglieder andere einladen, Gruppen aber geschlossen oder gar geheim bleiben können. Mein Approach zum eingangs erwähnten Problem war bisher, nur Leute als meine "Freunde" zuzulassen, zu denen ich tatsächlich eine, wenn auch bisweilen marginale, persönliche Beziehung habe oder hatte. Geschäftskontakte waren eine Sache für Xing und Linkedin. Andere Facebook-Benutzer haben angeblich zwei oder mehrere Profile angelegt, um die verschiedenen sozialen Kreise auseinanderzuhalten.

Mit dem neuen Gruppen-Feature wird es nun einerseits einfacher, die Art der eigenen Beziehungen zu organisieren. Das dürfte zwei Folgen haben: Mein generelles Netzwerk wird sich aufblasen, weil die Hemmschwelle zur Annahme von Freundschaftsanträgen sinkt, aber meine Posting-Zahl auf meiner persönlichen und durch die wachsende Zahl Halb-Bekannter schon fast vollständig öffentlichen Wall sinkt ebenfalls, weil ich mich mehr und mehr in den verschiedenen Gruppen zu Wort melde.

Und damit stellt sich die Frage, ob die Gruppen nicht das Wesen von Facebook völlig umkrempeln. Denn der Umstand, dass alle, mit denen ich mich verknüpft habe, grundsätzlich auch alles mitkriegen, was ich poste, sorgte bisher für ein Bewusstsein für ein soziales Gefüge.

Die weit höhere Komplexität der in Gruppen verschiedener Intensität unterteilten Netzwerke schafft neue Möglichkeiten, hebt aber auch dieses simple Gefühl von Verbundensein oder eben nicht auf. Anders gesagt: Fusst der Erfolg von Facebook nicht auf der extrem vereinfachten Abbildung sozialer Beziehungen - ich kenne jemanden, also gehört er in mein Netz? Oder ist Facebook als System vielleicht jetzt gross genug, um neue Layer einzuführen?

Geschossene und geheime Gruppen

Für den einzelnen Nutzer dürfte der Überblick jedenfalls sehr viel komplizierter werden - und das Risiko, etwas aus Versehen auf der eigenen Wall und damit öffentlich statt in einer bestimmten Gruppe zu posten, dürfte steigen.

Die Gruppen können wie bisher öffentlich sein (jeder kann sich ihr anschliessen), geschlossen (das Profil der Gruppe ist sichtbar, man kann eine Mitgliedschaft auf Knopfdruck bei den Administratoren beantragen) oder "geheim": noch nicht mal die Existenz der Gruppe ist öffentlich (ich bin gespannt, was die NSA und das Homeland-Departement dazu sagen...). Die Nachrichten aus der Gruppe werden indes im Newsstream der Mitglieder auftauchen.

Virales Modell bei der Gruppenbildung

Nachdem das Feature der "Listen" von Freunden eigentlich bereits eine gewisse Unterteilung in verschiedene Beziehungsnetze erlaubte, die aber jeweils individuell waren und nur von einer Person "gewartet" wurden, soll mit den neuen Gruppen (die alten bleiben übrigens bestehen) ein virales Element eingeführt werden. Offenbar kann jedes Mitglied der Gruppe neue Mitglieder einladen (haben wir bei einem ersten Test mit einer "Business-Gruppe" allerdings nicht bestätigen können - nur Admins konnten einladen) - was aber innerhalb der Gruppe angezeigt wird: Im Nachrichtenstrom taucht die Meldung auf, wer wen in die Gruppe geholt hat. Das heisst, als Begrenzung kommt die soziale Kontrolle zum Tragen - wer ein missliebiges neues Mitglied einlädt, wird von den andern den Kopf gewaschen kriegen. Umgekehrt kann jeder, der eingeladen wird, die Gruppe jederzeit verlassen.

Zuckerberg und Co versprechen sich durch diese Mechanik eine schnell wachsende Zahl von Gruppen. Denn während bisher rund 5 Prozent der Facebook-User Listen angelegt hatten, werden jetzt durch die einfache Bedienung schnell auch dann grosse Teile der Facebook-Gemeinschaft Gruppen beitreten, wenn wiederum nur 5 Prozent die Initiative ergreifen, eine Gruppe zu gründen.

Die Gruppen sind auf kleinere Zahlen ausgerichtet - von 200 bis 250 Leuten war am Presse-Event die Rede. Bei grösseren Zahlen wird die Kommunikation zum Dschungel, der Chat wird zu lärmig (und deswegen offenbar automatisch abgestellt).

Ab- und Ausgrenzung wird möglich

Facebook Groups: Geschlossene- und Geheimgesellschaft

Der kritische Wechsel, den Facebook hier vollzieht, ist meiner Ansicht nach die Möglichkeit der Ab- und Ausgrenzung durch soziale Gruppen: Bisher konnte man als Individuum die Beziehung zu andern Individuen ablehnen, aber einzelne Leute konnten nicht von ganzen Gruppen ausgegrenzt werden (höchstens aktiv angegriffen werden, und das versucht Facebook zu unterbinden). Genau das wird aber wohl rasch das Problem und zugleich der Reiz der Gruppen ausmachen: Es werden sich exklusive Klubs bilden, zu denen man dazugehören möchte, und es werden Aussenseiter im Abseits stehen, die nirgends eingeladen werden.

Damit widersprechen die Gruppen eigentlich dem Grundgedanken der Vernetzung: Sie schaffen nämlich Grenzen und Wände. Immerhin konnten sich bisher Andersdenkende auch in politischen Gruppen einklinken und Ihre Meinung sagen, und bisweilen kam dadurch auch eine Diskussion auf der Wall der entsprechenden Gruppe zustande.

Die geschlossenen Gruppen und das Einladungssystem leisten jener Polarisierung Vorschub, die im Internet mit den sozialen Medien ohnehin und namentlich in der bipolaren amerikanischen Politik als krassestes Beispiel zu beobachten ist.

Das ist eine 180-Grad Wende nicht des Gedankens von Facebook, aber seiner Wirkung. Denn erst durch Facebook und die Schmelztiegel-Wirkung, welche die einfache Abbildung der sozialen Verbindungen mit sich brachte, sind Einblicke in Ansichten und Lebensumstände anderer Menschen entstanden, die wir vorher nicht hatten: Durch die undifferenzierte Publikation der Nachrichten und Infos im Newsstream kriegte man auch jene Seiten aus dem Leben der andern mit, die man im Gesangsverein oder in der lokalen Partei eben nicht zu Gesicht kriegte. Die vermeintlich oberflächlichen Beziehungen auf Facebook sorgten in Tat und Wahrheit für ungewohnte Annäherungen.

Diese Einsichten und Einblicke könnten durch die neuen Gruppen weggewischt werden. Denn mit dem komplexen Gefüge der realen sozialen Beziehungen hält auf Facebook auch die Segregation der Meinungen wieder Einzug.

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