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06.04.10

Facebook & Co: Der Regelbruch als Erfolgsrezept

Facebook ignoriert grundlegende Datenschutzkonventionen, ist mit derartigen Regelbrüchen aber bei weitem nicht allein. Manchmal sind sie für Internetdienste sogar treibende Kraft des Erfolgs.

Während Facebook unaufhaltsam wächst, zieht das weltweit größte soziale Netzwerk immer mehr Kritik auf sich. Verwunderlich ist das nicht, betrachtet man die wiederholten Versuche des Dienstes, im Netz geltende Konventionen bezüglich Datenschutz und Privatsphäre auf eine etwas zu aggressive Art auszuhölen und zum eigenen Vorteil zu verändern.

Die deutsche Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner haben die jüngsten Vorstöße von Facebook nun dazu veranlasst, einen offenen Brief an Mark Zuckerberg zu schicken, in dem sie den CEO des Social Networks dazu auffordert, mehr Rücksicht auf die Datenschutzbedürfnisse der über 400 Millionen Mitglieder zu nehmen.

Während das Vorpreschen von Facebook aus Nutzersicht beunruhigend ist, gibt es eine einfache Erklärung dafür, warum der US-Dienst stetig seine Grenzen auszureizen versucht: Tabubrüche und Regelverstöße haben im Netz schon oft als Turbo für das quantitative und wirtschaftliche Wachstum eines Onlineservices fungiert.

Speziell das Ignorieren gängiger Richtlinien zum Schutz von Nutzerdaten sowie das Tolerieren von Urheberrechtsverstößen sind relativ häufig zu beobachtende "Vergehen", die Webdiensten dabei geholfen haben, sich ins Gespräch zu bringen, neue User zu gewinnen und die Einnahmen zu erhöhen. Beispiele gibt es einige:

 

YouTube

Das 2006 von Google übernommene Portal ist die mit Abstand führende Videosite im Netz - und verdankt ihre Bekanntheit unter anderem dem großen Angebot urheberrechtlich geschützter Musikclips und Videos, die von Usern widerrechtlich hochgeladen wurden. Später, als der öffentliche Druck größer wurde, ließ man sich auf eine intensive Zusammenarbeit mit der Contentindustrie ein. Gerade in der Anfangszeit von YouTube jedoch beschleunigte das Angebot an professionellem Content das Wachstum des Videoportals. Den Gründern dürfte das sehr gelegen gekommen sein. Am Ende hat es sich bekanntlich auch finanziell ausgezahlt.

RapidShare

RapidShare mit Sitz in der Schweiz ist der führende One-Click-Hoster und eine der meistbesuchten Websites der Welt. Erfolgreich geworden ist der Dienst jedoch nicht durch das Hosten von privaten Dokumenten und Fotosammlungen, sondern - so sieht es zumindest die Musikindustrie - als Hort von urheberrechtlich geschützten Inhalten. Und wer bei Google nach "Rapidshare" in Kombination mit beliebigen Alben-, Interpreten oder Filmnamen sucht, wird tatsächlich oft fündig. Derzeit arbeitet Rapidshare daran, seine Weste reinzuwaschen, und will zukünftig konsequenter gegen Urheberrechtsverstöße vorgehen. Aber nun ist man ja auch schon groß und populär...

Google Buzz

Mittlerweile ist es zwar wieder etwas stiller geworden um Googles neuen Kommunikationsdienst Buzz, aber in den Tagen und Wochen nach dem Launch im Februar war die Aufmerksamkeit für den Service groß - nicht zuletzt deshalb, weil Google es an der ein oder anderen Stelle nicht so genau mit dem Einhalten von Privatsphären-Konventionen nahm. Das sorgte nicht nur für eine sofortige Vernetzung aller Gmail-User über Buzz, sondern auch für eine Vielzahl Pressereaktionen. Der aggressive Start von Buzz führte aus dem Stand zu einer signifikanten Bekanntheit des Dienstes. Dafür war selbst das "Don't be evil"-Unternehmen Google bereit, einen Batzen Negativ-PR und Nutzerproteste in Kauf zu nehmen.

Xing

Auch Deutschlands Vorzeigenetzwerk Xing versuchte sich schon einmal an der Strategie, durch einen als fragwürdig wahrgenommenen Vorstoß den eigenen Zielen näher zu kommen: Als das Hamburger Unternehmen Ende 2007 die Vermarktung seiner Plattform anschob, sahen Gratis-Mitglieder auch auf den Profilen von Premium-Mitgliedern Werbung - teilweise für Konkurrenzfirmen. Es kam zu Benutzerprotesten, woraufhin Xing zurückruderte und eine Opt-Out-Möglichkeit für Premium-Mitglieder anbot, mit der sie das Anzeigen von Werbung auf dem eigenen Profil für Gratisuser deaktivieren konnten.

Der "politisch korrekte" Ansatz wäre gewesen, dass zahlende Xing-Benutzer das Anzeigen von Werbung auf ihrem Profil manuell per Opt-In hätten aktivieren müssen. Bei Xing stellte man sich die nachvollziehbare Frage, wie viele User dies wohl getan hätten, und entschied sich, den unbequemen, aber zielführenden Weg des Tabubruchs zu gehen und darauf zu hoffen, dass ein Großteil der Premium-Mitglieder Werbeeinblendungen nicht abschalten würde. In einem späteren Schritt entschloss sich Xing dann allerdings doch, Werbung auf den Profilen von Premiumnutzern ganz zu deaktivieren.

Fazit

Webunternehmen haben gelernt, dass es sich manchmal lohnt, Konventionen und allgemeingültige Regeln zu missachten, selbst wenn sie dabei von Benutzern, Bloggern, Journalisten, Urhebern oder Politikern Schelte einstecken müssen. Oft lässt sich so mehr Erreichen als mit Regeltreue und dem Bitten um Erlaubnis bei den Betroffenen.

Facebook scheint sich diese Erkenntnis mittlerweile immer öfter zu Nutze machen zu wollen. Irgendwann ist allerdings jeder Bogen überspannt...

(Foto: stock.xchng)

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