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13.07.12

Explosion des mobilen Datenverkehrs: WLAN-Outsourcing als Hoffnung der Netzanbieter

Die Netzbetreiber klagen über den extremen Anstieg des mobilen Datenverkehrs. Eine Umleitung des Traffics über Drahtlosnetzwerke kann Entlastung bringen - und der WLAN-Community Fon nach vielen Jahren zu später Blüte verhelfen.

Für Mobilfunkbetreiber ist die rasante Zunahme des Datenverkehrs über ihre Netze bekanntlich eine große Herausforderung. Mit der Einführung der nächsten Mobilfunkgeneration LTE könnte sich die Situation zwar entspannen, da diese nicht nur schneller ist sondern auch mehr Kapazität pro Anwender verspricht, gleichzeitig setzt sich die Trafficexplosion durch anspruchsvollere mobile Dienste sowie eine weitere Zunahme von Smartphone- und Tabletnutzern aber unvermindert fort. Laut einer Schätzung von Cisco wird der Datenverkehr über Handynetze im Jahr 2016 18-mal größer sein als im Jahr 2011. Ein Lösungsansatz, der schon länger existiert, aber bisher eher ein Schattendasein fristete, könnte angesichts dieser Entwicklung zu spätem Ruhm gelangen: Die Auslagerung von mobilem Traffic auf fixe Internetanschlüsse über Drahtlosnetzwerke.

Pionier auf diesem Gebiet ist der spanische Anbieter Fon. Das 2006 gegründete Unternehmen betreibt eine Art WLAN-Community. Mitglieder erwerben einen speziellen Fon-Router und erklären sich bereit, künftig ihren Internetzugang mit anderen Fon-Anwendern zu teilen, die sich zufällig gerade in der Gegend befinden. Im Gegenzug dürfen sie die Drahtlosnetze aller anderen Fon-Nutzer auf diesem Planeten zum Surfen verwenden. Fon-Router generieren zwei unterschiedliche WLAN-Signale - ein verschlüsseltes für den Privatgebrauch und ein offenes für "Foneros". Was auf dem Papier nach einer sehr interessanten Idee klingt - auch weil Fon-Nutzer durch die kostenpflichtige Bereitstellung ihres Onlinezugangs für Nicht-Fon-Mitglieder sogar Geld verdienen können - hat den entscheidenden Nachteil, dass es in der Praxis nur funktioniert, wenn eine kritische Masse an Fon-Kunden existiert. Selbst wenn diese in einer Stadt erreicht werden sollte, beginnt ihr Aufbau im Nachbarort aufs Neue.

Kooperation mit Netzanbietern als Erfolgsrezept

Derzeit sind sechs Millionen Fon-Router in 100 Ländern aktiv - durchschnittlich also 60.000 pro Land. Sich in der Nähe eines Fon-Netzes zu befinden, ist damit nur etwas wahrscheinlicher, als im Lotto zu gewinnen. Doch nach Aussage dieses Berichts von GigaOm nähern sich die Spanier derzeit in zumindest einem Markt einer gesunden Penetrationsrate: Denn eine Million der sechs Millionen Fon-Stationen befinden sich in Japan. Dank einer Kooperation mit dem dortigen Telekomriesen Softbank erhält jeder Käufer eines Smartphones oder Tablets einen Fon-Router und wird somit Teil der globalen Fon-Gemeinschaft.

Durch Partnerschaften mit Providern löst Fon sein bisher größtes Problem: Niemand möchte Geld für einen präparierten Router ausgeben, wenn die Wahrscheinlichkeit, regelmäßig über die Drahtlosnetze anderer Fon-Mitglieder online gehen zu können, zu gering erscheint. Spendiert aber ein Netzanbieter die Hardware, löst sich diese Einstiegsbarriere in Luft auf. Zwar müssen sich Kunden dazu bereiterklären, einen geringen Teil ihrer Bandbreite anderen Foneros zur Verfügung zu stellen - aber durch Anreize bei der Tarifgestaltung sollten sich damit verbundene Bedenken schnell eliminieren lassen. In den letzten Monaten hat Fon eine Reihe weiterer Partnerschaft mit Telekomfirmen bekannt gegeben, unter anderem in Polen, Brasilien und Belgien.

Und was haben die Provider von einem solchen Deal? Sie verringern die Belastung ihrer Mobilfunknetze, indem der Datenverkehr der Kunden unterwegs partiell über Fon-WLANs statt über die mobile Datenverbindung läuft. Auch wenn die Konzerne gerne betonen, dass auch das Festnetzinternet an seine Kapazitätsgrenzen stößt, machen ein paar Gigabyte mehr oder weniger Traffic dort im Gegensatz zu 3G-Verbindungen keinen großen Unterschied.

Französischer Provider kocht sein eigenes Süppchen

Weil die Vorteile des Outsourcings von mobilen Daten so offensichtlich sind, ist Fon nicht mehr das einzige Unternehmen, das mit dieser Technologie experimentiert. In Frankreich sorgt der Triple-Play-Anbieter Free seit einiger Zeit für Aufmerksamkeit. Die Set-Top-Box von laut eigenen Angaben drei Millionen Breitbandkunden beinhaltet einen WLAN-Router, der automatisch anderen Free-Nutzern in der Umgebung Zugriff gestattet. Wie bei Fon geschieht dies über ein vom heimischen Netz separates Signal, und analog zur Funktionweise des Produkts aus Spanien können Free-Kunden so an vielen Orten innerhalb Frankreichs per WLAN statt über unzuverlässige Mobilfunkverbindungen online gehen.

Angesichts der Tatsache, dass die größten Nutznießer des Datenoutsourcings die Netzanbieter selbst sind, bleibt zu hoffen, dass genau diese das Konzept weiter vorantreiben. Auch künftig werden nur wenige Endkunden bereit sein, 39 Euro für die einfachste Ausführung des Fon-Routers hinzublättern, nur um ab und an ihre Instagram-Bilder und Tweets über Fon-WLANs statt über mal mehr, mal weniger stabile mobile Datenverbindungen hochzuladen. Angesichts der Vorteile aus Sicht der Provider ist aber nicht auszuschließen, dass in einigen Jahren jeder moderne WLAN-Router eine Fon-ähnliche Sharing-Funktion beinhaltet. Nach sechs Jahren der mühsamen und nur bedingt erfolgreichen Kundenakquisitionsarbeit könnte das Startup aus Madrid doch noch zu später Blüte kommen - der mobilen Revolution sei Dank.

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