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01.08.14

Evolution des Internets: Eine Häufung bedenklicher Entwicklungen

Seit rund 20 Jahren existiert das kommerzielle Internet. Der Alltag der meisten Menschen wurde durch die globale Vernetzung erheblich vereinfacht. Dennoch gibt es im Rahmen der Evolution des Netzes abseits vom großen, übergeordneten Sorgenthema Überwachung verschiedene bedenkliche Entwicklungen.

InternetSeit das Internet Mitte der 90er Jahre seinen kommerziellen Durchbruch erlebte, haben die durch das Netz möglich gewordenen digitalen Innovationen das Leben aller Menschen massiv vereinfacht und bequemer gemacht. Dennoch entwickelten sich nicht alle Rahmenbedingungen nur zum Besseren. Die hohe Bedeutung der Digitalisierung für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft weckt Begehrlichkeiten und verursacht von allen Seiten Druck auf die Infrastruktur und die Funktionsweise des Internets. Noch funktioniert dieses zwar im Prinzip so wie anno 1995 (nur dank Breitband viel schneller und dank mobiler Datenverbindungen von fast jedem Ort aus). Dennoch besteht die begründete Gefahr, dass das nicht immer so bleiben wird. Es folgen sechs Punkte, in denen sich die Dinge eher zum Schlechten verändert haben. Links und Zitate sind nicht mehr “frei”

Die Verlinkung war und ist ein essentieller Bestandteil des Internets. Doch kommerzielle und machtorientierte netzpolitische Vorstöße sägen an diesem Prinzip. In Deutschland gibt es das Leistungschutzrecht für Presseverlage, in Spanien werden Links ebenfalls unter Urheberrechtsschutz gestellt. Die Verantwortlichen erkennen nicht, was sie da gerade kaputt machen. Oder sie sabotieren das Netz bewusst.

Spammer stellen Forderungen

Natürlich gibt es eigentlich keinen Grund, dem der Suchmaschinenoptimierung dienenden Kommentarspam unter Blog- und Nachrichtenartikeln nachzutrauern. Doch weitaus unangenehmer ist die Häufung von manchmal auch sehr bestimmend klingenden Anfragen ehemaliger Spammer an Betreiber von Blogs und Websites, Verweise aus uralten Kommentaren zu entfernen. Was damals die Positionierung in Suchmaschinen verbesserte, schadet ihr heute aufgrund geänderter Regeln von Google & Konsorten. Genügte es bei Spam-Kommentaren, diese einfach zu löschen, muss man sich heute auf E-Mail-Debatten einlassen - zumindest mit der Frage im Hinterkopf, wie weit der oder die Gegenüber gehen würde, um die Linkentfernung durchzusetzen.

RSS fällt bei seinen Unterstützern in Ungnade

RSS ist nicht tot, fällt aber bei einer besonders wichtigen Unterstützergruppe zunehmend in Ungnade: Blogs und alternative Onlinemedien abseits der großen Medienanbieter. Gab es in den RSS-Feeds der bekannten Nachrichtenportale ohnehin immer nur die Überschrift und im besten Fall die ersten Zeilen eines Artikels, verbreiteten reine Internetpublikationen ihre Inhalte lange Zeit per RSS-Fullfeed. Doch jetzt verändert sich das. deutsche-startups.de, Gründerszene, TechCrunch und GigaOm gehören zu den bekannten, als Blogs gestarteten Technologie- und Startup-Fachmedien, die in jüngster Zeit ihre RSS-Feeds gekürzt haben. Weitere Sites dürften folgen. Das ungeschriebene Gesetz, dass “netzfreundliche” Publikationen ihren loyalsten Leserinnen und Lesern einen besonderen Service per RSS bieten, existiert nicht mehr.

Gesetzlich legitimierte Suchmaschinen-Zensur

Über 300.000 Links wollten Antragsteller bislang aus den Google-Suchergebnislisten, die bei Recherchen nach ihren Namen erscheinen, streichen lassen. In rund der Hälfte der Gesuche folgt Google nach eigenen Angaben diesem Wunsch. Der Gerichtsentscheid des Europäischen Gerichtshofs zum “Recht auf Vergessen” mag in Einzelfällen fair sein. Er fördert aber auch die Vertuschung von Informationen, an denen ein öffentliches Interesse besteht. Einem kleinen Zugewinn an Datenschutz steht ein großer Verlust an kollektiver Meinungs- und Informationsfreiheit gegenüber. Wer 2006 bei Google nach einer Person suchte, konnte sich sicher sein, alle wichtigen und relevanten Angaben zu ihr in einer Suchmaschine zu finden. Im Sommer 2014 ist dies nicht mehr gegeben.

Diskriminierung von Daten

Immer mehr Mobilfunkanbieter räumen Nutzern von ausgewählten, “befreundeten” Internetfirmen die Befreiung von Limitierungen beim monatlichen Datenvolumen ein. Anderswo bezahlen Onlineschwergewichte Provider für verbesserten Zugang zu den Datenleitungen. Parallel lancieren Netzkonzerne Initiativen, die ihre Angebote in bestimmten Ecken dieses Planeten auch zu Menschen bringen, die nicht für einen mobilen Internetzugang bezahlen. Während jeder dieser Vorstöße Vorteile für gewisse Gruppen mit sich führt, zeichnen sich mittel- bis langfristig nicht im Interesse der Allgemeinheit liegende Trends ab: Onlinedienste, die genug Geld haben, erkaufen sich in Form einer Ungleichbehandlung von Daten bevorzugten Zugang zu den Konsumenten. Wer sich dies nicht leisten kann, muss sich mit der langsamen, nicht optimierten, nicht gesondert vermarkteten sekundären “Fahrspur” des Internets begnügen. Das Netz verfällt damit in die alten, von Machtkonzentration und einem Ungleichgewicht bei Distributionswegen geprägten Strukturen des Fernsehgeschäfts.

Aus einer App werden vier

Wer sich vor ein paar Jahren ein Smartphone zulegte, der konnte sich anschließend die Apps der führenden Social Networks und Online-Anbieter installieren. Jüngst aber erkannten viele Firmen, dass es smart wäre, die verschiedenen in einer Anwendung untergebrachten Features in verschiedene Apps aufzuteilen. Statt Google Drive gibt es nun Google Drive und Google Docs, statt Facebook benötigt man mindestens Facebook und Messenger, und statt Foursquare sowohl Foursquare und Swarm. Manchmal, bei besonders überladenen Apps, mag eine Ausgliederung einzelner Bereiche zwar Sinn ergeben. Zumeist geht es aber nur darum, sich wertvollen, begrenzten Platz auf den Home Screens der Nutzer-Smartphones zu sichern und damit User daran zu hindern, zu viel Zeit mit Apps der Konkurrenz zu verbringen. Auch wenn dies nicht jede und jeder sofort erkennt, aber im Endeffekt sind die Anwender Verlierer der Entbündelungswelle. Denn sie sorgt letztlich für weniger Vielfalt und abermals eine Konzentration von Reichweite und Aufmerksamkeit bei einigen wenigen Firmen. /mw

Foto: Cables on walls in new server room, Shutterstock

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