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13.09.12

European Pirate Summit: Wunderkit und der Berlin-Hype lieferten viel Gesprächsstoff

Zum zweiten Mal versammelten sich in Köln Hunderte risikoaffine, innovationsfreudige Entrepreneure beim European Pirate Summit. Besonderen Gesprächsstoff lieferten das Ende von Wunderkit sowie die Entwicklung der Szene in Berlin.

Am Montag und Dienstag hielt ich mich beim European Pirate Summit in Köln auf, einer von netzwertig.com unterstützten Veranstaltung für risikofreudige und innovationslustige Gründer und Investoren. Das zum zweiten Mal stattfindende Event war wie schon 2011 ein voller Erfolg und brachte einen Großteil der Personen zusammen, die Deutschlands und Europas Onlinewirtschaft mit wichtigen Impulsen, neuen Ideen und unkonventionellen Ansätzen voranbringen und ihr internationalen Einfluss verschaffen.

Da ich Startup-Konferenzen nur vergleichsweise selten besuche und stattdessen lieber Artikel schreibe, nutzte ich die Gelegenheit, um so viele anregende und interessante Gespräche mit alten und neuen Bekannten zu führen wie nur möglich. Zwei Themen drängten sich dabei immer wieder und nahezu automatisch in den Vordergrund. Eins davon: Das am vergangenen Donnerstag bekannt gegebene Ende der mit großen Ambitionen gestarteten Produktivitätssuite Wunderkit des Berliner Startups 6Wunderkinder.Viel Respekt für 6Wunderkinder

Es war beachtlich, wie oft in den Gesprächen während der Veranstaltung der Name 6Wunderkinder fiel. Es schien, als wusste jeder der 500 Besucher des Events etwas mit dem Unternehmen aus der Hauptstadt anzufangen. Und was mich beeindruckte: Anders als in den Kommentarspalten im Netz, in denen nach Bekanntgabe der Entscheidung zur Einstellung von Wunderkit Kritiker des mit lautem PR-Getrommel lancierten Dienstes ihrer angestauten Irritation und Aggression Luft machten, äußerten sich ausnahmslose alle Webunternehmer, mit denen ich mich über das Thema persönlich und "Off the Record" unterhielt, beeindruckt von dem offenen und ehrlichen Umgang der Hauptstädter mit ihrem schweren Entschluss. Während Rückendeckung aus der sich nach außen hin häufig unterstützenden Berliner Ecke weniger verwundert, klang die Bewertung von erfahrenen Entrepreneuren aus Hamburg, Köln oder anderen Teilen Deutschlands kaum anders - und dort blickt man sonst durchaus kritisch auf die sich gerne selbst feiernde Startupszene Berlins.

Trotz oder gerade wegen des Scheiterns von Wunderkit und der Art, wie dies von 6Wunderkinder-Chef Christian Reber und seinem Team kommuniziert wurde, hat sich die junge Firma dem Anschein nach enormen Respekt innerhalb der Webwirtschaft erarbeitet. "6Wunderkinder haben ein Lehrstück darin abgeliefert, wie man die Einstellung eines Produktes kommuniziert", so das Urteil von wer-kennt-wen.de-Gründer Patrick Ohler. Für Respekt allein kann sich zwar niemand etwas kaufen, aber die daraus resultierende Unterstützung der Branche wird den Berlinern bei ihrem Unterfangen, sich voll und ganz auf den Taskmanager Wunderlist und dessen zweite Generation zu konzentrieren, garantiert nicht schaden - selbst wenn sie lediglich moralischer Natur ist.

Optimistische Sicht auf Berlins Social-App-Boom

Apropos Berlin: Der angestrebte Status der Stadt als Schmelztiegel von Europas Tech-Entrepreneuren bot ebenfalls viel Diskussionsstoff. Vor anderthalb Wochen skizzierte ich , wie sich angesichts der Gründungswelle an Social-Web-Diensten mit mangelnder internationaler Durchschlagskraft ein Akzeptanzproblem für die Spreemetropole abzeichnet. Gleichzeitig äußerte ich meine Hoffnung, künftig mehr disruptive, technologielastige und echte Probleme lösenden Startups in Berlin entstehen zu sehen. Auf dem Summit unterhielt ich mich mehrfach über diesen Aspekt. Neben Zustimmung begegnete ich dabei auch einer optimistischeren Sichtweise: Selbst wenn von der aktuellen Generation aus Berlin nicht alle die Ziellinie erreichen sollten, so sammeln viele Gründer gerade enorme Erfahrung und lernen ständig dazu. Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann vielleicht beim zweiten oder dritten. Die derzeitige Entwicklung legt die Grundlage für künftigen Erfolg - so der Tenor der Optimisten, mit denen ich mich unterhielt. Thomas Grota von T-Venture formulierte es so: "Wichtig für die Innovation in Deutschland ist es, dass wir bei den Gründern und Mitarbeitern die Skillsets für die Zukunft aufbauen… und das geht am besten in der Praxis". Das gelte aber natürlich nicht nur für Berlin, sondern auch für andere Hotspots wie Köln, München und Hamburg, fügte er hinzu.

Stefan Glänzer wünscht sich Kombination der Stärken

Dieses Argument war auch mehrfach im Bezug auf die Auswirkungen des Treibens deutscher Copycats auf das hiesige Ökosystem zu hören. Viele der tausenden, heute bei den Startups der samwerschen Klonfabrik Rocket Internet beschäftigten Menschen werden sich einiges von der Samwer-Stärke des blitzschnellen Aufbaus perfekt durchstrukturierter Organisationen in aller Herren Länder abgucken und mit diesem Know-how in Zukunft beim Vorantreiben der hiesigen Internetwirtschaft mithelfen können. Deutschland müsse versuchen, die Mentalität von innovationsgetriebenem, Experimente wagendem Unternehmertum, wie es auf dem European Pirate Summit im Zentrum stand, mit den Qualitäten zu kombinieren, die hinter dem hierzulande erfolgreich praktizierten Nachahmen von existierenden Geschäftsmodellen stecken, beschrieb es Passion-Capital-Investor Stefan Glänzer auf der Bühne.

Diese Perspektive, welche versucht, das Positive aus dem hiesigen Hang zum Klonen und der damit verbundenen Perfektion dieser Praxis zu extrahieren, hat definitiv ihre Berechtigung. Doch während speziell die Samwer-Brüder Experten darin sind, was die zielorientierte, durchgeplante und rasante Errichtung von global agierenden Firmen betrifft, und sich Gründer daran einiges abgucken können, basiert das Erfolgsrezept dennoch auf einem überaus aggressiven Geschäftsgebaren - intern wie extern - an der permanenten Grenze zum Unethischen. Egal wie viele Millionen oder Milliarden Euro Unternehmer auf diese Weise auch erwirtschaften mögen, halte ich es grundsätzlich für falsch, verbissene Entrepreneure mit einer Tendenz, am laufenden Band menschliches Miteinander sicherstellende soziale Normen zu brechen, zu Vorbildern hochzustilisieren. Egal wie schnell sie "executen" können. Der Zweck rechtfertigt nicht immer die Mittel.

"Geld ist nur ein Nebenprodukt"

Ein dazu passendes Zitat kam am Ende des Pirate Summits von Lars Hinrichs: "Money is just a side product of being an entrepreneur" - "Geld ist nur ein Nebenprodukt des Unternehmertums". Zwar hat Hinrichs dank des Börsengangs von Xing seine Schäfchen bereits im Trockenen, weshalb ihm eine solche Aussage leichter über die Zunge gehen dürfte als Studienabgängern ohne Rücklagen. Dennoch trifft er meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf: Die Motivation von Entrepreneuren sollte nicht darin liegen, reich zu werden.

Ich denke, wer Geld nicht als das übergeordnete Ziel ansieht, für den gibt es gar keinen Grund, aggressiv und ohne Rücksicht auf Verluste plump nachzubauen, was andere bereits vor einem geschaffen haben.

Den Startup-Wettbewerb gewann übrigens BoxCryptor aus Augsburg. Wir hatten die "Dropbox-Verschlüsselung für die Masse" im Dezember vorgestellt.

Fotos vom European Pirate Summit 2012 gibt es hier und hier.

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