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22.06.08

Euro 2008: "Wenn das die Chinesen täten"

Nur ausgewählte Bilder bekommen Zuschauer von der Euro 2008 zu sehen. Journalisten meiden das Thema, fürchten um ihre VIP-Karten. In Sachen Zensur kritisiert man lieber China.

Euro-2008-Krawalle (Bild Keystone/Alessandro Della Bella)Das doch eher als provinziell angesehene St. Galler Tagblatt spricht aus, wie viele Journalisten die nicht gezeigten Bildern von der Fussball-EM 2008 wahrnehmen. Das lesenswerte Werk heisst Sport und Medien: Ein Anpfiff:

Eigentlich müsste ein Aufschrei durch die Medienlandschaft gehen, ja, durch ganz Europa. Denn die journalistische Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Doch es sind nur einige wenige Stimmen, die auf Anfrage Stellung nehmen (...). Wieso aber sollte man reagieren? Nun, ersetzen Sie doch mal die Euro durch Olympia und «Uefa» durch «chinesische Regierung»: «Wer die Olympia-Wettkämpfe am Fernsehen verfolgt, sieht nicht alles: Die Bilderauswahl trifft die chinesische Regierung als Veranstalter gleich selber – und achtet darauf, dass keine ihr unliebsamen Szenen in die guten Stuben flimmern.»

Doch es geht kaum ein Aufschrei durch die Medienlandschaft. Und Marlis Prinzing, Verfasserin des Anpfiffs, weiss auch wieso:

Viele Schweizer Sportjournalisten sind selber Fans, sie sind mit vielen Sportlern und Funktionären per Du, freuen sich über VIP-Karten und andere Geschenke. Ziehen Gewitterwolken auf in der Friede-Freude-Eierkuchen-Welt, schweigt man so lange wie möglich. Sind Gewalt und Doping, Sex und Bestechung unübersehbar, fordert man schlagartig Härte, schärfere Gesetze und Köpfe – bis das Gewitter vorüber ist.

Prinzing kommt zum Schluss auf eine erstaunliche Einsicht, die in Printmedien nicht oft zu lesen ist:

Wer die Wirklichkeit sehen will, muss ins Internet, in Blogs und auf Foren. Auf Youtube gibt es alternatives Bildmaterial, aber oft nur kurze Zeit, weil die Uefa rasch reagiert.

Den Stein zum Anstoss einer Diskussion darüber ins Rollen gebracht hat der schweizer Sportminister Samuel Schmid, der sich nach dem Spiel Österreich gegen Kroatien, das er sich live im Stadion ansah, am Schweizer Fernsehen über die von kroatischen Fans ausgelösten Rauchschwaden empörte. Doch Rauchschwaden hatte niemand gesehen, der die Partie am TV verfolgte. Auch den das Spielfeld stürmenden kroatischen Fan nicht (Bilder hier).

Was den Boss einer anderen grossen, übergeordneten, nicht als besonders liberal und flexibel bekannten Organisation, SRG-Chef Armin Walpen, in Aufruhr brachte: "Wir lehnen jede Zensur von Sportveranstaltungen ab", sagte er der Sonntagszeitung und kündigte an, bei der Uefa schriftlich zu intervenieren. Diese wies alle Vorwürfe als Albernheiten zurück, merkte an, dass sich auch noch andere Kameras im Stadion befinden würden und begründete die nicht gezeigten Bilder mit einer Konzentration auf spielrelevante Szenen. Ausserdem wolle man Störenfrieden keine Plattform bieten.

Nicht spielrelevante Szenen? Dazu gehören Flitzer, Rauchbomben, Feuerwerk, Auseinandersetzungen auf den Rängen, Spieler, die gepflegt werden und vieles mehr. Das alles, passiert es denn, will die Uefa seinen Zuschauern nicht zeigen. Gerne zeigt sie uns aber brav feierende und freundlich in die Kamera grinsende Fans. Damit ist die Fusballverband Uefa nicht alleine. Auch die Volksrepublik China will nicht zeigen, wie der olympische Fackellauf von Protesten gestört wird oder wie bei die olympische Zeremonie gestört wird.

Was in der Schweiz und in Österreich diskutiert wird, kümmert deutsche Journalisten aber offenbar nur wenig. Immerhin Steffen Grimberg von der taz schreibt über "Aufregung" im "Gastgeberland Schweiz" am "Happy Clappy Event".

Die Fussball-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Deutschland ist vielen als "Sommermärchen" bekannt. Auf YouTube sind aber auch andere Szenen zu sehen. Szenen, von denen ich mich nicht erinnere, sie während der WM gesehen zu haben. Die von n-tv ausgestrahlte Dokumentation zeigt "ein anderes Sommermärchen":

(Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5)

Im Tagesspiegel ist dazu zu lesen:

Wer hat schon groß mitbekommen, dass bei einem WM-Spiel in Dortmund 429 Männer von der Polizei in Gewahrsam genommen wurden. ?429?, sagt der Fahnder und hebt den Finger, ?das waren fast fünf Mal so viele wie beim 1. Mai in Berlin.? Es gab auch Randale in Stuttgart, Köln und Frankfurt am Main. Die Bilder kursieren im Untergrundfilm ?Das andere Sommermärchen?. Damit aber nicht auch noch die Mitläufer animiert wurden, schwiegen Polizei und Politik damals lieber.

In der Neuen Zürcher Zeitung (nicht online) war am 19.06.2008 (Seite 43, Zürich und Region) eine Spalte über den Zürcher Stadtrat, der nach zehn Tagen Euro 08 "eine äusserst positive Zwischenbilanz" zieht. Es habe sich bei den Streitereien und Auseinandersetzungen in den meisten Fällen um eigentliche Bagatellfälle gehandelt. Trotzdem wurden eine ansehnliche Zahl von Leuten eingebuchtet:

Insgesamt wurden 341 Personen verhaftet, 63 davon wurden an die Staats- oder Jugendanwaltschaft zugeführt. In 51 Fällen wurden gravierende Delikte wie Raub, Körperverletzung und Tätlichkeit begangen, in 51 Fällen erfolgte eine Festnahme wegen Diebstahls.

Ist das nun viel oder wenig? Eigentlich kommt es gar nicht draufan. Schliesslich wollen alle Beteiligten eine schöne Europameisterschaft mit guten Umsätzen und guten News. Und da müssen alle an einem Strick ziehen. Wenn man es sich so überlegt, dann wollen die Chinesen auch nichts anderes. Nämlich ein schönes, sauberes, störungsfreies Beijing 2008.

An vielem, was als "Zensur" der Uefa verschrien wird, sind die Medien mitverantwortlich. Sie haben die dicken Verträge mit der durchaus kontrollsüchtigen Uefa unterschrieben. Sie lassen es zu, von den Uefa-Bildern bedient zu werden. Die NZZ nennt die Fernsehsender "naiv" und "blauäugig":

Ein ZDF-Sprecher sagte, die sendereigenen Kameras seien eigentlich dazu bestimmt gewesen, das Geschehen auf der Trainerbank der Heimmannschaft zu verfolgen.

Nun ja, sowas ist natürlich auch wirklich "spielrelevant". So wie Bastian Schweinsteigers "Mental-Training mit der Kanzlerin".

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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