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27.09.11

Erwartungsgemäß: Facebook stehen stürmische Wochen bevor

Die Zeit für eine neuerliche Facebook-Kontroverse auf breiter Front scheint gekommen. Traditionell wird dies Alternativen helfen, sich ins Gespräch zu bringen. Ein bleibender Effekt ist allerdings nicht garantiert.

 

Foto: Flickr/TwisterMc, CC-LizenzNach den in der vergangenen Woche vorgestellten Veränderungen bei Facebook (Timeline-Profile, neue Open-Graph-Anwendungsklasse) lässt eine Kontroverse um das immer allwissendere Social Network nicht lange auf sich warten. Wie schon nach der Entwicklerkonferenz im Frühjahr 2010, als Facebook u.a. den Like-Button präsentierte, stehen dem Dienst nun einige stürmische Wochen mit allerlei Protestaktionen und plakativen Kontolöschungen bevor.

off the record-Blogger Olaf Kolbrück macht den Anfang und will "seine Aktivitäten bei Facebook auf Null herunterfahren". CCC-Sprecher Frank Rieger vergleicht Facebook mit der Stasi und AOL. Richard Gutjahr nimmt die jüngste Verwandlung von Facebook hin zu einem "digitalen Lebensarchiv" zum Anlass für einen Aufruf an seine Leser, das soziale Netzwerk mit der Anforderung einer alle persönlichen Daten enthaltenden CD auf die Nerven zu gehen. Für ihn ist das ein symbolisches Eintreten für mehr Rechte im Umgang mit seinen Daten - an anderer Stelle hält man die Initiative für "Datenschutztheater".

Nicht gerade unterstützend für Facebook sind die Vorwürfe von Blogger Nik Cubrilovic, der US-Dienst würde Bewegungen der Nutzer im Netz mittels Cookies auch dann verfolgen, wenn sie sich aus dem sozialen Netzwerk ausgeloggt haben. Facebook antworte mittlerweile, dass Cookies tatsächlich auch nach dem Abmelden Informationen über den Anwender enthalten, diese jedoch nicht zum Tracking eingesetzt werden, sondern lediglich zur Spamabwehr und zur Bereitstellung von Sicherheitsmechanismen. Zudem wolle das Unternehmen nachbessern.

In diesem Kontext erwähnenswert ist zudem die von uns monierte Sichtbarmachung von einst geschützten Profilinhalten. Facebook beteuert , keine Einstellungen verändert zu haben.

Kurzum: Bewussten und konfliktfreudigen Beobachtern bietet sich einmal mehr ein bunter Strauß an als negativ wahrgenommenen Aspekten rund um das Vorgehen des weltweit führenden, übermächtig erscheinenden Social Networks. Und dabei haben 99,9 Prozent der Mitglieder das neue, attraktive aber gewöhnungsbedürftige Timeline-Profil noch nicht einmal zu Gesicht bekommen (so aktiviert man es manuell).

Analog zu den Geschehnissen aus dem Frühjahr 2010 bietet die latent schwelende, nun wieder auf breiter Front aufflammende Debatte um Facebook Chancen für Konkurrenten, sich ins Gespräch zu bringen. Vor anderthalb Jahren profitierte primär diaspora von der Anti-Facebook-Welle. Dieses Mal könnte Googles Ende Juli lanciertes Social Network Google+ Nutznießer sein - das laut einer aktuellen Schätzung gerade die Marke von 50 Millionen Mitgliedern durchbrochen haben soll und seit einigen Tagen ohne Einladung zugänglich ist.

"Kommt zu Google+ – macht Schluss mit Facebook" lautet die Forderung von Blogger Tim Bormann. Ähnliche Aufrufe werden wir in nächster Zeit vermutlich noch häufiger hören. Während das Google-Netzwerk in der englischsprachigen Tech-Welt nicht immer ganz ernst genommen wird, konnte es bei technisch versierten Trendsettern im deutschsprachigen Raum schnell viele loyale Fans gewinnen.

Doch den Gedanke, Google+ sei das netzpolitisch gesehen bessere Facebook, halte ich trotz der nachvollziehbaren Suche nach Alternativen für falsch. Auch wenn es Google gelungen ist, sein "Sei nicht böse"-Mantra über viele Jahre und trotz einiger Ausrutscher zu verteidigen, kann niemand wirkliches Interesse an DEM einen übermächtigen Netzgiganten haben. Egal ob er Facebook oder Google heißt.

An dem Tag, an dem Google+ hypothetisch die Marke von 800 Millionen aktiven Nutzern durchbricht, wird das Netzwerk sich auf ähnliche Weise Feinde und Kritiker gemacht haben wie jetzt Facebook.

Meines Erachtens nach kann nur eine dezentrale Lösung (im Stile von diaspora, Liste von Servern hier) eine erstrebenswerte Alternative zu Facebook darstellen - eine mit einem von Grund auf anderen Verständnis darüber, wer die Kontrolle über die Nutzerdaten besitzt. Diese Kontrolle sollte nicht bei Facebook liegen und auch nicht bei Google+, sondern bei den Anwendern selbst - auch wenn dies Einschnitte bei Funktionalität und Bedienungskomfort mitbringt.

Sonst werden wir auch in zehn Jahren noch die gleiche Diskussion führen wie heute.

(Foto: Flickr/TwisterMc, CC-Lizenz)

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