<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

21.11.11

Erneute Einschnitte bei der Gratis-Version: simfy kapituliert und macht Platz für Spotify

Zwei Monate nach der Begrenzung der Hördauer für Gratisnutzer sieht sich simfy zu noch größeren Einschnitten gezwungen. Das Kölner Startup übergibt den D-A-CH-Markt damit nahezu kampflos an Spotify.

 

Gut zwei Monate ist es her, dass der Kölner On-Demand-Dienst simfy für seine kostenfreie Basisversion eine Begrenzung von 20 Musikstreaming-Stunden pro Monat eingeführt hat. Wem das nicht genügte, der musste für 4,99 bzw. 9,99 Euro ein kostenpflichtiges Paket erwerben.

Dieser Schritt verwunderte kaum, passte sich simfy damit der für vergleichbare internationale Online-Demand-Musikangebote zum Standard gewordenen Preis- und Produktgestaltung an.

Umso überraschender kommt die jüngste Ankündigung des Startups aus dem Rheinland: Kaum hatten sich Nutzer der Free-Version an das 20-Stunden-Limit gewöhnt, verringert simfy dies erneut auf nun nur noch fünf Stunden pro Monat. Zudem sind besondere "Premium-Titel" fortan lediglich Bezahl-Mitgliedern vorbehalten. Anwender von simfy Free können sich von diesen lediglich eine 30-sekündige Vorschau anhören.

Ein aus der Not geborener Entschluss?

Diese erneute Beschneidung so kurz nach der jüngsten Anpassung wirft Fragen zu simfys langfristiger Strategie sowie Standhaftigkeit in einem herausfordernden und sich schnell verändernden Markt auf.

  • So kurze Zeit nach der Einführung des 20-Stunden-Limits eine nochmals radikale Verringerung der Hördauer einzuführen, macht den Eindruck eines aus der Not geborenen Entschlusses, statt Teil eines langfristigen, durchdachten Plans zur Erhöhung der Konversionsrate von Free zu simfys Bezahlpaketen zu sein.
  • Die Free-Version war bisher simfys wichtigstes Unterscheidungsmerkmal gegenüber reinen Bezahl-Angeboten wie Napster oder Juke und ein entscheidendes Instrument, um Neunutzer zu generieren, die in einem späteren Schritt zu zahlenden Kunden werden sollten. Mit der drastischen Entwertung von simfy Free verschwinden dieser Effekt und simfys bisher herausragende Positionierung.
  • simfys Vorbild, der aus Schweden stammende On-Demand-Dienst Spotify, breitet sich sukzessive über den Kontinent aus und ist seit der vergangenen Woche in Österreich, der Schweiz und Belgien verfügbar - dort treffen simfy und Spotify erstmals direkt aufeinander. Vor einem Spotify-Deutschlandstart muss zwar noch eine Einigung mit der Verwertungsgesellschaft GEMA erfolgen, aber Spotify-Stellenangebote für den deutschsprachigen Markt mit Sitz in Berlin lassen keinen Zweifel an dem Bestreben der Schweden, bald auch in simfys Heimatmarkt vorzustoßen.

simfy überlässt Spotify den Massenmarkt

Bisher konnte man sich für den deutschen Markt auf einen Showdown freuen: Spotify hat zwar den internationalen Hype, eine modernere Benutzeroberfläche sowie eine enge Integration mit Facebook auf seiner Seite, bietet jedoch anders als simfy keine Browservariante und mag manche Anwender durch den Zwang zum Facebook-Login abschrecken.

Mit 20 Stunden kostenfreiem Streaming pro Monat im Vergleich zu Spotifys zehn Stunden pro Monat (nach den ersten sechs Monaten ohne Begrenzung der Hördauer) war simfys Ausgangsposition also gar nicht so schlecht. Die Reduzierung auf fünf Stunden jedoch kommt einer frühzeitigen Kapitulation gegenüber Spotify gleich, was den Anspruch auf die Marktführerschaft bei den On-Demand-Angeboten angeht.

Gilt für Deutschland, Österreich und die Schweiz, aber nicht für Belgien

simfys Kommunikation der Veränderungen des Free-Produktes begann ganz zünftig zu einem Zeitpunkt, an dem möglichst wenig Menschen davon mitbekommen sollten: Erste Mitglieder erhielten eine Mail am Freitagnachmittag, bei mir landete die Information am Samstag in meinem Posteingang, und zu diesem Zeitpunkt ging auch der Blogbeitrag online.

Als Begründung für den Schritt nennt dieser die Notwendigkeit zur Deckung der anfallenden Kosten "von der Entlohnung der Künstler bis hin zur Bereitstellung der Musik als Stream", was sich nur teilweise durch Werbeeinnahmen realisieren lässt.

simfy-Pressesprecher Marcus von Husen hatte keinen ergänzenden Kommentar zu den Hintergründen, bestätigte aber, dass das Fünf-Stunden-Limit für Anwender in Deutschland, Österreich und der Schweiz gilt, allerdings vorerst noch nicht für Nutzer in Belgien (wo simfy erst Anfang November gestartet ist). Er merkte zudem an, dass neu registrierte Nutzer in der D-A-CH-Region für die ersten zwei Monate weiterhin 20 Stunden streamen dürfen. Die Beschränkung greift dann ab dem dritten Monat. Offiziell kommuniziert wird dies auf simfys Website nicht.

Möchte man der Entwicklung etwas Positives abgewinnen, wäre dies die Tatsache, dass sich die Preise für die Premiumpakete nicht ändern. Möglicherweise liegt das Problem also in zu geringen Werbe-Erlösen der Free-Version und nicht darin, dass simfy die Lizenzzahlungen an die GEMA und Labels über den Kopf steigen.

Die Lizenzverträge sind ein gut gehütetes Geheimnis

Die Details der vertraglichen Abmachungen zwischen der Musikindustrie und den Streamingdiensten sind ein gut gehütetes Geheimnis. Bekannt ist lediglich, dass simfy einst auf Forderungen der GEMA nach einer Vergütung pro gestreamtem Song statt pro Nutzer/Monat eingegangen ist, was Spotify bisher zu kostspielig war. Dass die Verträge mit der Verwertungsgesellschaft (oder den Labels) aber auch Klauseln enthalten können, die eine bestimmte Anzahl an Premium-Nutzern zu einem bestimmten Datum voraussetzen, ist nicht auszuschließen. Immerhin hat die Musikbranche nach wie vor ein ideologisches Problem damit, das gratis bereitzustellen, wofür Konsumenten früher viel Geld auf den Tisch gelegt haben.

Eine solche spekulative, aber nicht vollkommen unrealistische Klausel würde dann auch den zuvor genannten positiven Aspekt des Schrittes relativieren.

Labels befürchten Kannibalisierung

Am Wochenende wurde bekannt, dass 200 zum Musikdistributor ST Holding gehörende Independent-Labels ihre Musik von On-Demand-Diensten wie simfy und Spotify abgezogen haben, weil sie eine Kannibalisierung der Umsätze aus den Verkäufen von Musikdownloads befürchten. Während sich im Bereich des digitalen Musikkonsums einiges in die richtige Richtung bewegt , zeigt sich einmal mehr, welch ein zartes, verletzliches Pflänzchen On-Demand-Musikservices mit Flatrate- und Free-Komponente noch sind.

Der von simfy eingeschlagene Weg ist bedauerlich. Er besiegelt das Schicksal des Kölner Startups als regionaler Akteur in der Nische, der Spotify, dessen Facebook-Zwang und Hang zum "Frictionless Sharing" durchaus bedauernswert sind, somit auch nicht herausfordern kann. Klar ist aber auch: Eine derartige Degradierung wählt niemand freiwillig, sondern nur, wenn einem die Luft zum Atmen genommen wird.

Einige Premium-Mitglieder von simfy berichten uns unterdessen, dass sie für die Kündigung eine entsprechende Mail abschicken oder Kündigungshotline anrufen müssen. Schade, dass auch simfy zu derartig wenig kundenunfreundlichen Geschäftspraktiken greift. Spotify erlaubt dagegen die direkte Kündigung über die Weboberfläche (wenn auch erst nach einigen Klicks und Bestätigungsfragen).

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer